# taz.de -- Von der Leyen zur Lage der EU: Stirnrunzeln und Freundschaft mit Kanada
> Mit Spannung war die Rede von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen
> erwartet worden. Für Irritation sorgt ihr Vorstoß nach neuen
> Sicherheitsgremien.
(IMG) Bild: Kanada und die Eu reichen sich die Hand, na das kann ja was werden
Die Europäische Union will eine enge Partnerschaft mit Kanada eingehen,
ihre Unterstützung für die Ukraine ausweiten und in Sicherheitsfragen der
Nato nacheifern. Dies kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
am Mittwoch im Europaparlament in Straßburg an. Geplant sei auch mehr
Schutz für Kinder bei Social Media, sagte von der Leyen in ihrer jährlichen
Rede zur Lage der Union.
Die Rede war mit Spannung erwartet worden, denn die Lage ist ernst. „Unsere
Union ist stärker als je zuvor“, sagte von der Leyen.„Gleichzeitig kann es
sich auch so anfühlen, als wäre die EU so gefährdet wie nie zuvor.“ Der
immer brutalere Krieg in der Ukraine, der nicht enden wollende Konflikt im
Nahen Osten, [1][der China-Schock 2.0] für die Industrie, die
explodierenden Energie- und Lebenshaltungskosten – die Liste ist lang.
Die CDU-Politikerin versuchte, diese Liste abzuarbeiten und an ihre Rede
vom vergangenen Jahr anzuknüpfen. Damals hatte sie Europas „Unabhängigkeit“
erklärt – in der Energie, aber auch beim Digitalen oder beim Militär.
Erreicht wurden die Ziele bisher nicht, [2][wie mehrere kritische Berichte
des Europäischen Rechnungshofs] zeigen. Dennoch legte von der Leyen in
diesem Jahr noch einmal kräftig nach.
Diesmal zeichnete sie das Bild einer Union, die neue Bande in aller Welt
knüpft und wirtschaftlich und militärisch aufrüstet, um ihre Unabhängigkeit
zu verteidigen. Die größte Wende deutet sich demnach in der Außenpolitik
an. Gemeinsam mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney wolle sie
darauf hinarbeiten, „dass Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU
wird“.
## Kanada und die EU – Bollwerk gegen Trump?
Carney war zu diesem Anlass nach Straßburg gereist; am Donnerstag will er
selbst eine Rede im Europaparlament halten. Vorerst blieb aber offen, was
mit der Assoziierung gemeint ist. Von der Leyen kündigte unter anderem eine
Technologieallianz an sowie eine engere Zusammenarbeit in der
Verteidigungsindustrie. Die Kooperation richte sich gegen niemanden,
betonte sie.
Im Europaparlament wurde das Signal allerdings etwas anders verstanden.
Viele EU-Abgeordnete sehen in Carney den Mann, der US-Präsident Donald
Trump im Zollstreit die Stirn bietet – anders als von der Leyen, die sich
im vorigen Jahr auf einen ungleichen Zoll- und Handelsdeal eingelassen
hatte. Die Parlamentarier hoffen, dass die Kooperation mit Kanada auch der
EU mehr Mut geben könnte.
Die EU und Kanada unterhalten bereits jetzt enge Beziehungen. Sie haben
schon vor Jahren einen Freihandelsdeal geschlossen; allerdings wurde
[3][das Ceta-Abkommen] von mehreren EU-Staaten bis heute nicht ratifiziert.
Auch in der Ukrainepolitik und in der Rüstung arbeiten beide Partner eng
zusammen. Ob eine Assoziierung einen Mehrwert bieten kann, ist unklar.
Der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europarlament, Bernd Lange (SPD),
nannte von der Leyens Vorstoß „besonders bemerkenswert“. Es handele sich
möglicherweise um „den ersten Schritt zu einer transkontinentalen
Partnerschaft“ nach „dem Prinzip eines Schweizer Modells, aber mit
politischer Mitgestaltung“.
## Stirnrunzeln und Skepsis
Darüber hinaus kündigte von der Leyen eine noch engere Partnerschaft mit
der Ukraine und weitere Finanz- und Militärhilfen an. Von einer
Assoziierung sprach sie in diesem Zusammenhang aber nicht. Bundeskanzler
Friedrich Merz hatte sich im Frühjahr für eine „assoziierte Mitgliedschaft“
der Ukraine ausgesprochen, war damit jedoch in Brüssel und Kyjiw auf wenig
Gegenliebe gestoßen.
Für Stirnrunzeln sorgte der Vorschlag, einen Europäischen Sicherheitsrat zu
gründen, der eng mit Partnern wie Kanada, Norwegen, Großbritannien und der
Ukraine zusammenarbeitet. Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist
keine EU-Kompetenz; darüber bestimmen die Mitgliedstaaten. Von der Leyen
wagte sich aber noch weiter vor. Sie brachte einen Krisenmechanismus analog
zu Artikel 4 des Nato-Vertrags ins Gespräch.
[4][Auf Vorfälle wie auf dem Flughafen in Leipzig/Halle], wo russische
Agenten einen Drohnenangriff geplant haben sollen, könnte die EU dann
schneller und koordinierter reagieren. Allerdings hatte die
[5][Bundesregierung in Leipzig auf die Auslösung des Nato-Artikels 4
verzichtet.] Auch hier ist der Mehrwert einer neuen EU-Klausel deshalb
nicht direkt ersichtlich. Es könnte sogar Streit geben, denn die EU würde
mit der Nato in Konkurrenz treten.
In ihrer rund eineinhalbstündigen Rede kündigte von der Leyen noch eine
ganze Reihe weiterer Initiativen an. Bereits am Donnerstag will die
EU-Kommission den „EU Kids Act“ vorlegen, der mehr Schutz für Kinder und
Jugendliche in sozialen Medien verspricht. Im Oktober ist ein Rahmenplan
für die Klimaresilienz vorgesehen. Brüssel will darin die 100 am meisten
gefährdeten Gebiete listen.
Einen breit angelegten Plan zur Klimaanpassung, wie er nach den Waldbränden
und Hitzewellen dieses Sommers auch in Berlin gefordert wurde, ist die
EU-Präsidentin aber schuldig geblieben. „Untätigkeit ist keine Option“,
kritisierte Terry Reintke von den Grünen. „Wir brauchen endlich wirksamen
Hitzeschutz von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern“, erklärte sie.
16 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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