# taz.de -- Theaterstück von Sophia Süßmilch: Sehr viel Nacktheit und doch zu wenig Wut
       
       > Am Samstag feierte die Künstlerin Sophia Süßmilch mit ihrem ersten
       > abendfüllenden Stück am Berliner HAU eine gelungene Premiere. Irgendwas
       > fehlte trotzdem.
       
 (IMG) Bild: Auch die Nacktheit im feministischen Theater selbst bringt Süßmilch thematisch auf die Bühne
       
       Gut zwei Jahre ist es her, da rief eine Ausstellung der Künstlerin Sophia
       Süßmilch im niedersächsischen Osnabrück die örtliche CDU auf den Plan.
       [1][Kreisverband und Fraktion riefen zum Boykott der Kunsthalle auf]. Der
       Vorwurf: Süßmilch propagiere Kannibalismus, ihre Kunst sei verstörend,
       nicht nur für Kinder, sondern insgesamt unzumutbar. Selbsternannte
       Moralapostel schickten der Künstlerin daraufhin Morddrohungen. Durchsetzen
       konnte sich die CDU nicht, der unschöne Fall aber machte bundesweit
       Schlagzeilen und Süßmilch auch jenseits der Blase bekannt.
       
       Wer einmal eine ihrer Performances gesehen hat, bei denen die Künstlerin
       gerne halbnackt mit zusätzlich vorgeschnallten Brüsten, Rattenschwanz, in
       einem Haufen blütenverzierter Butter oder sonst irgendwelchen grotesken,
       schreiend komischen Arrangements mit dezidiert feministischem Impetus
       posiert, vergisst das aber ohnehin so schnell nicht wieder.
       
       Süßmilch, geboren 1983 im bayerischen Dachau, studierte in Wien
       Bildhauerei, später Medienkunst in Karlsruhe. Inzwischen lebt sie in Berlin
       und macht in ihrer Kunst alles Mögliche: malt, baut Skulpturen, performt,
       zeichnet, schreibt, filmt und fotografiert. Im vergangenen Jahr
       [2][bespielte sie zur Berlin Art Week gemeinsam mit der Künstlerin Cathrin
       Hoffmann] deren von Gentrifizierung bedrohtes Studio mit einer maximal
       vollgestopften Gruppenausstellung. Auch einen Performanceabend gab es,
       sehen konnte man da allerdings kaum etwas, weil es viel zu voll war.
       
       Eine weitaus bessere Sicht bot sich nun am Samstagabend im Berliner Hebbel
       am Ufer bei der Premiere von Süßmilchs erstem abendfüllenden Theaterstück:
       „[3][Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin]“ wurde
       angekündigt als theatrale Abhandlung über weibliche Wut mit einer
       Kannibalin im Zentrum – Proteste vorab blieben dieses Mal aus –, die „nicht
       länger Objekt des Konsums, sondern selbst zum konsumierenden Subjekt“ wird.
       
       ## Vielleicht will ja wenigstens einer die Bude anzünden
       
       Wütend zu sein, dafür gibt es als Frau im Allgemeinen und als Sophia
       Süßmilch im Besonderen freilich genug Gründe. Eine kurze Hinführung liefert
       Süßmilch in der Rolle der Erzählerin, bevor es richtig losgeht, dennoch.
       Irgendwann habe „die Frau“ beschlossen, 500 Leute in ein „muffiges altes
       Gebäude“ zu quetschen, um ihnen ihre Geschichten zu erzählen, damit im
       Anschluss „wenigstens einer der Menschen die Bude anzünden und vielleicht
       auf der Straße weitermachen“ würde, trägt sie da vor. Gut kommt das an, das
       Publikum lacht viel. Es ist Tag 5 der Berliner Kunstwoche, wer da so sitzt,
       hat schon einiges erlebt, das Jugendstiltheater umweht der Geruch einer
       länger nicht belüfteten Kneipe.
       
       Wenn es Künstlerinnen ans Theater treibt, dann geht das mitunter gründlich
       daneben. Eine Bühne funktioniert anders als ein Galerieraum, vor allem
       braucht es eine Dramaturgie und eine funktionierende Produktion. Das alles
       bekommt Süßmilch ziemlich gut hin. Kostüme, Requisiten und Bühnenbild
       allein sind schon toll – es wird Charleston in Zirkuszelten getanzt, die
       wie Burkas das Gesicht verdecken, hinten aber mitunter den Po freilegen.
       Süßmilch tritt schlumpfblau angemalt, ansonsten nackt, mit einem Sixpack
       aus Brüsten auf, die Performerinnen als böse Clowns mit fies ins Gesicht
       geschminktem Grinsen, irgendwann regnet es Riesenteddybären.
       
       ## Das Monster ist ein weibliches
       
       Das Stück hat Stringenz. Ein paar Längen gibt es, aber dann schafft sie es
       immer, einen wieder abzuholen. Dann etwa, wenn man gerade erst irritiert
       dachte, es könnte schon vorbei sein, weil der Vorhang sich mit einem Mal
       schloss. Es folgt der eigentliche Höhepunkt: die Auferstehung des Monsters,
       natürlich ist es ein weibliches, zusammengebastelt aus sezierten Teddybären
       und schwarzem Tape, gemeinschaftlich an Stangen emporgehalten von den
       Darstellerinnen.
       
       Überhaupt ist es deren Zusammenspiel, bei dem sich Süßmilch öfters
       unauffällig im Hintergrund hält, und die Musik, die das Stück tragen. Es
       wird viel gesungen und das sogar richtig gut, von Verdis „La Donna è
       mobile“ über eigens dafür von Ilgen-Nur Borali oder Henrike Henoch
       komponierten Liedern bis hin zu Bonnie Tylers „Total Eclipse of the Heart“,
       begleitet von Klavier, Gitarre, Violine.
       
       Stark ist „Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin“
       außerdem dann, wenn Süßmilch sich selbst auf Korn nimmt – oder aufs Korn
       nehmen lässt. Wenn es selbstironisch um die [4][obligatorische Nacktheit im
       feministischen Theater] geht oder die blinden Flecken im Aktivismus.
       
       Sophia Süßmilchs Stück macht viel Spaß, aber geht doch nicht ganz auf. Hat
       sie am Ende zu brav abgeliefert? Hätte sie noch mehr freidrehen sollen?
       Oder waren es doch die Inhalte, die zu nah an der Oberfläche
       entlangschrammten? Noch ein bisschen mehr Wut, weniger Erklärung hätte dem
       Ganzen gutgetan. Sophia wolle um jeden Preis vermeiden, dass es zu
       didaktisch würde, erklärt Lucia Peraza Rios, eine der Performerinnen, an
       einer Stelle. Hätte sich Süßmilch mal besser daran gehalten. Angezündet hat
       die Bude am Ende jedenfalls niemand. Und auch auf der Straße kam es zu
       keinerlei Zwischenfällen.
       
       13 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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