# taz.de -- Spielzeiteröffnung am Gorki: Die Zeichen stehen auf Trauer und Verstummen
> Das Gorki Theater in Berlin eröffnet mit Installationen im Theaterhaus.
> Sarkis' „Fuge“ erinnert auch an den polnischen Theatermacher Tadeusz
> Kantor.
(IMG) Bild: Die Holzkreuze, ein Detail aus Sarkis' „Fuge“, waren Requisiten in vier Performances des Cricot 2 Theaters von Tadeusz Kantor
Nein, diesmal ist es kein [1][Schwimmbad, wie bei der Volksbühne,] mit dem
ein Theater in Berlin gleich zu Anfang der Spielzeit klarstellen will, dass
man den Theaterbegriff weit dehnen und mit benachbarten Künsten kooperieren
will. Nein, diesmal werden Erinnerungen an einen Friedhof und an eine
Kirche wachgerufen, wenn man den großen Saal des Maxim Gorki Theaters
betritt. Wo Zuschauerreihen waren, breitet sich ein Feld aus Brettern aus,
mit groben Holzkreuzen bestanden. Glocken läuten von der Bühne und ziehen
den Blick nach oben in den Bühnenturm. Wird hier ein Theater begraben?
Das ist vermutlich die schlechteste Assoziation, auf die man kommen kann.
Und alles andere als intendiert von der [2][neuen Intendantin Çağla Ilk]
und dem türkich-armenisch-französichen Künstler Sarkis, der mit seiner
mehrteiligen Installation „Fuge“ das Haus zur Eröffnung der Spielzeit
bespielt. Die Holzplatten und Holzkreuze, so lernt man schnell, verweisen
auf den [3][polnischen Theatermacher Tadeusz Kantor] (1915-1990), der die
Platten für sein wanderendes Theater nutzte und mit den Kreuzen auch die
Dinge auf der Bühne (und die Erinnerung an die Toten) mitsprechen ließ.
Die Glocken wiederum spielen eine Komposition von John Cage, „Litany for
the Whales“. Sarkis Installation ist eine Hommage an beide Künstler,
verbunden mit Elementen, die auf seinen eigenen langen Weg verweisen.
[4][Der Künstler], 1938 in Istanbul in eine aremenische Familie geboren,
knüpft in seinen Installationen oft an vorausgegangene Werke an. Im Foyer
leuchtet die Zahl 19380 an der Stirnwand; mit einer angehängten Null hat
Sarkis hier dem Jahr seiner Geburt einen Echoraum von Jahrtausenden
mitgegeben.
An Symbolen ist die „Fuge“ nicht arm. In blauen und grünen Heften zu Sarkis
und Kantor werden viele davon aufgeschlüsselt und eine berührende Lesart
von Çağla Ilk vorgeschlagen. In ihr vibriert die Geschichte von Verfolgung
und Völkermord, die beide Künstler erlebt haben, an Juden und an Armeniern.
Aber ohne diese Lektüre erschließt sich nicht alles. Dass zum Beispiel die
großen Spiegelscherben, die auf der den Besuchern zugänglichen Drehbühne
liegen, den Umriss eines prähistorischen Schädels haben, den Sarkis immer
wieder zitiert und zerteilt wie die Kontinente der Erde, könnte man nur
sehen, wenn darüber schweben würde. Da schwebt aber ein in Federn
gekleideter Leuchtkörper. Der Kunst, die hier an die Stelle des Theaters
tritt, mangelt es noch an kommunikativen Fähigkeiten.
## Generationsübergreifendes Ensemble
Zwar sind die Golden Gorkis da, ein generationsübergreifendes Ensemble 60+
von Amateuren, und erzählen bereitwillig, was Theater für sie bedeutet.
Zwar wird im Nachbau einer Zimmerbühne, wie sie Kantor im Kriegsjahr 1944
in Krakau in Wohnungen bespielte, – ein gefährliches Unterfangen unter der
NS-Besatzung – gelegentlich mit einer Performance aufgeführt: Aber das
bestätigt eher die Musealisierung. Die Objekte, die teilweise wirklich aus
einem Kantor-Museum entliehen wurden, teilweise nachgebaut wurden, zeugen
von der Kriegszeit und der Zwiesprache mit abgenutzten Fundstücken, die
Kantor zum Teil seines Theaters machte.
In einer Performance, die Çiğdem Teke aus dem alten Gorki-Ensemble und
Mickey Mahar in diesem Zimmertheater geben, bringen sie sich selbst über
lange Zeit zum Verschwinden zwischen den Dingen, lehnen erschöpft an der
Wand oder über einem Kanonenrohr. Die Zeichen stehen auf Trauer, einem
Verstummen der Kunst gegenüber einer unerbittlichen Wirklichkeit.
## Gastmahl der Farben
Einladender ist das untere Foyer von Sarkis gestaltet. Über eine lange
Tafel fließt Wasser leise plätschernd durch eine Rinne, Schüsseln und
Gläser sind aufgestellt wie zu einem Gastmahl. Es ist ein Gastmahl der
Farben, denn neben jeder Schüssel liegen ein Pinsel und drei kleine
Farbplättchen in kontemplativer Anordnung. Hier werden Workshops gegeben.
Nicht zum Malen, sondern zum Beobachten, wie sich die Farbe im Wasser
bewegt, verschwimmt und sinkt und was Bild werden kann, noch nicht
feststeht.
Gegenüber hängen viele Fotografien, ausgeschnitten aus Zeitschriften, zu
Viererblöcken arrangiert. Die Grundfarben tauchen auf, aber auch Kriege,
Verletzte, Aufnahmelager. Und andere Künstler, die sich mit Schmerz und
Verwundung beschäftigten, wie zum Beispiel Joseph Beuys.
Neue Perspektiven im Blick auf das Theater finden: Das ist ein Ziel von
Çağla Ilk. Dazu können die von ihr engagierten Künstler und Künstlerinnen
hoffentlich demnächst mehr und weniger museal beitragen, als das
Eröffnungsprogramm.
6 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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