# taz.de -- Performance in der Gemäldegalerie: Ein Schrei der Objekte
       
       > Alte Meister, heutige Körper: Der versprochene Dialog gelingt bei Ersan
       > Mondtags und Nadim Sammans Performance „Alternde Meister“ in der
       > Gemäldegalerie nicht immer.
       
 (IMG) Bild: Meist ziehen die Körper die Aufmerksamkeit auf sich: Die Performance „Alternde Meister“ in der Berliner Gemäldegalerie
       
       Der Raum in der [1][Berliner Gemäldegalerie] hat etwas von einer
       Zeitkapsel: ein hoher Saal, Fischgrätenparkett, steingraue Wände. An ihnen
       hängen Bilder, die Jahrhunderte überdauert haben: die acht erhaltenen
       Tafeln des „Wurzacher Altars“ von Hans Multscher aus dem Jahr 1437, eine
       Altartafel aus dem 13. Jahrhundert, deren Goldgrund noch immer leuchtet.
       Doch an diesem Montagvormittag zieht ein anderes Bild die Blicke auf sich.
       
       In der Mitte des Saals liegt eine Frau im weißen Nachthemd auf einer
       hölzernen Museumsbank, den Rücken zum Publikum, das lange graue Haar offen,
       an den Füßen schmutzige weiße Socken. Unter der Bank liegt eine jüngere
       Frau im zu großen weißen T-Shirt, die Beine angezogen, das Gesicht dem
       Eingang zugewandt. Die Gemälde an den Wänden sind da. Doch der Blick der
       Besucher gehört den zwei lebendigen Körpern im Raum.
       
       Plötzlich richtet sich die Frau auf. Sie erhebt sich und geht langsam in
       den nächsten Raum. Die Besucher folgen ihr. Kaum dort angekommen, zieht im
       nächsten Saal erneut ein menschlicher Körper die Aufmerksamkeit auf sich:
       diesmal ganz in Schwarz, schlaff an einer Pole-Dance-Stange hängend.
       
       Es ist der Presserundgang für die Performance „Alternde Meister“ von
       [2][Regisseur Ersan Mondtag] und Kurator Nadim Samman. Sie haben 25
       Performer*innen verschiedener Generationen in 16 Räumen der
       Gemäldegalerie inszeniert, in denen die Zuschauer*innen sich frei
       bewegen können. Die Koproduktion von Gemäldegalerie und Berliner Ensemble
       feiert am Freitag im Rahmen der Art Week Premiere.
       
       ## Beim Sterben zusehen
       
       Versprochen wird ein Dialog zwischen den Bildwelten der Alten Meister und
       heutigen Körpern, ein Tableau vivant, das um Erschöpfung und Erneuerung,
       Verschwinden und Fortbestehen kreist. Zu erleben ist eher ein Monolog der
       performenden Körper, zumindest in den Ausschnitten, die beim Presserundgang
       zu sehen sind. Einer allerdings mit starken, mitunter verstörend schönen
       Bildern.
       
       Sie hätten alle Performances mit einer Mini-Geschichte unterlegt, erzählt
       Mondtag. Im Botticelli-Saal durchlebe der Schauspieler Frank Büttner gleich
       einen Autounfall, die Besucher*innen könnten ihm zehn Minuten lang beim
       Sterben zusehen. Und Eva-Maria Keller erwache im Saal mit der frühen
       deutschen Tafelmalerei aus einem Albtraum und begehe dann Suizid.
       
       In einer Saalecke sitzt Paul Herwig an einem schwarzen Schminktisch und
       betrachtet sich mit gerunzelter Stirn im Spiegel. Hinter ihm: Adam und Eva
       mit dem angebissenen Apfel. Candice Breitz steht auf einem quadratischen
       weißen Laken und schält Kartoffeln, Peter Luppa liegt nackt auf einer
       Museumsbank und „spürt den Raum“. Vor Cranachs „Jungbrunnen“ wird die
       Tänzerin FRZNTE zum Bild von Erschöpfung und Erneuerung.
       
       Im zentralen Rembrandt-Saal stehen etwa zehn Frauen in weißen Kleidern und
       singen eines von Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“. Begleitet werden sie
       von einem selbstspielenden Flügel. Hier kommen die Performer*innen alle
       zwanzig Minuten zu einem Ritual zusammen, sagt Mondtag, eine Art
       inszeniertes Begräbnis.
       
       ## Die Namen bringen die Bilder bereits mit sich
       
       Mondtag geht es auch um die Frage, was wir überhaupt sehen, wenn wir einen
       Menschen anschauen. Er möchte, wie er sagt, „einen Menschen anschauen,
       bevor aus dem Menschen ein Bild wird“. Menschen würden heute allzu schnell
       auf ihre Biografie, ihre Position, ihre Erfolge reduziert. „Alternde
       Meister“ will dagegen Menschen zeigen, bevor sie zu solchen Bildern
       geworden sind.
       
       Ganz überzeugt dieser Ansatz nicht, spielt Mondtag doch selbst mit dem
       „Bild“ seiner Performenden. Einige von ihnen sind sicherlich gerade wegen
       ihrer Biografie und öffentlichen Rolle Teil dieser Arbeit: Techno-Legende
       Westbam etwa, der ehemalige Türsteher Frank Küster oder auch [3][der
       frühere Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann.] Ihre Namen bringen
       bereits Bilder mit sich.
       
       [4][Berlin definierte sich lange über Jugend, Nacht und die Vorstellung,
       dass die Party niemals enden müsse.] Nun, sagt Mondtag, sei Morgen. Berlin
       altert. Und mit ihm eine Szene, die sich selbst gern als jung und
       unangepasst verstand. „Alternde Meister“ versammelt ihre Körper deshalb
       dort, wo alles auf Dauer gestellt scheint: zwischen Bildern, die
       Jahrhunderte überlebt haben.
       
       Doch die angekündigte Begegnung zwischen den alten Bildern und den heutigen
       Körpern bleibt am Ende weitgehend aus. Die Gemäldegalerie liefert eine
       beeindruckende Kulisse, aber die Gemälde werden selten zu wirklichen
       Partnern der Inszenierung. Die lebendigen Körper ziehen die Aufmerksamkeit
       auf sich, die Bilder bleiben stille Objekte, ein Hintergrundrauschen.
       
       Besonders deutlich wird dies, wenn ein schrilles Heulen das
       Hintergrundrauschen unterbricht: Immer wieder löst ein Besucher in den
       vollen Räumen die Alarmanlage aus. Ein Schrei der Objekte: Für einen kurzen
       Moment verlieren die lebendigen Körper ihre Sinnlichkeit und die Gemälde
       treten in den Vordergrund. Den intensivsten Dialog mit den Alten Meistern
       stellt ausgerechnet die Alarmanlage her.
       
       8 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Verena Harzer
       
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