# taz.de -- Fragwürdige Preisvergabe in Berlin: Zu groß denken
> Ausgerechnet der längst durchgesetzte Kunst-Star Maurizio Cattelan
> bekommt den Preis der Nationalgalerie. Was sagt das über die Kunststadt
> Berlin?
(IMG) Bild: Maurizio Cattelan in seiner Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin
Solidarisch sein, dem wenig Bekannten Gehör verschaffen – das ist passé.
Auch im sonst gern mal die Zwischentöne anschlagenden Kulturbetrieb. Dieses
Gefühl beschleicht einen jetzt in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Nicht,
weil dort dem berühmten Kunstschalk Maurizio Cattelan eine große Werkschau
gewidmet ist. Sondern weil die Ausstellung mit der Auszeichnung eines
wichtigen Kunstpreises einhergeht, der bislang nur jungen Künstler:innen
galt.
Cattelan landet Pointen, und die gehen um die Welt. Etwa 2016, als Trump
US-Präsident wurde, mit seinem protzigen [1][Readymade-Klo „America“] aus
101,2 Kilo massivem Gold. Noch nie hat Cattelan in Berlin eine Einzelschau
gehabt, und dies obwohl in seiner von moralischen Fragen geprägten Kunst,
Deutschland und seine Nazivergangenheit immer wieder auftaucht.
Seine Berliner Ausstellung ist politisch, gar abgründig. Ausgestopfte
Tauben an der Decke wandeln den gläsernen Kunsttempel von Mies van der Rohe
in einen morbiden Ort um, irgendwas zwischen Bushaltestelle und verkommener
Kathedrale. In seiner Mitte kniet „Him“, ein lebensgroßer betender Junge
mit dem Gesicht Adolf Hitlers. Ein Feuerlöscher steht herum, befüllt mit
der wahrhaften Asche eines verstorbenen Freundes. Cattelan stehe für
„Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen“, sagt Kuratorin Lisa
Botti.
## Problem an der Sache
Das Problem an der Sache ist der Preis der Nationalgalerie und sein
Symbolgehalt: Seit 25 Jahren gibt es die Auszeichnung. Die Liste der
Nominierten liest sich heute wie das Who’s who zeitgenössischer Kunst –
Christian Jankowski, [2][Monica Bonvicini], Ceal Floyer, Cyprien Gaillard.
Die meisten von ihnen fingen einmal in Berlin klein an. Sie sind Teil der
vielbeschworenen Kunststadt Berlin. Die scheint sich aber derzeit
angesichts gekappter Kulturetats und einem von hohen Immobilienpreisen
angeheizten Atelierschwund aufzulösen.
2024 wurde der Preis sogar noch an alle vier Nominierten vergeben. Von
einem „Miteinander“ und „Inklusion“ war die Rede. Doch die Zeiten wandeln
sich, der Preis müsse neu ausgerichtet werden, heißt es nun einstimmig von
den Auslobenden, dem Geldgeber BMW, den Freunden der Nationalgalerie, nicht
zuletzt von [3][Klaus Biesenbach,] dem Direktor der Neuen Nationalgalerie.
Keine Nominierten mehr, nur eine künstlerische Position wird gekürt.
Jetzt geht es um „museale Ehrung“ und „künstlerische Strahlkraft“. Für die
Kunststadt Berlin ist diese Neuausrichtung aber eine Absage. Und sie ist
Ausdruck eines unheimlichen Zeitgeists: im Zweifel für das Große, Populäre,
Schwergewichtige. Das Sanfte, Unbekannte wird dann überhört.
12 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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