# taz.de -- Bundesweite Proteste gegen die AfD: Sich umarmen gegen den Faschismus
> Nach dem Wahlsieg der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt ruft Campact
> erneut zu Demos gegen rechts auf. Der Auftakt in Berlin war eher
> Selbstbeweihräucherung.
(IMG) Bild: Verständliches Bedürfnis nach Fürsorge: Demonstrant*innen in Berlin am Montagabend
Das Erste, was die Rednerin der Kampagnenplattform Campact den Tausenden
Menschen vor dem Brandenburger Tor mitteilen will, ist Folgendes: „Die AfD
hat die absolute Mehrheit verpasst. Das ist das Resultat der Arbeit von
Tausenden engagierten Menschen vor Ort!“ Tosender Applaus bricht aus. Als
hätte die AfD nicht gerade [1][44 Prozent in Sachsen-Anhalt erreicht], als
würden die Chancen nicht darauf stehen, dass erstmals seit 1945 eine zu
weiten Teilen faschistische Landesregierung kommen wird – dahingestellt, ob
nun wegen des BSW oder einiger abtrünniger CDUler.
In aller Fairness: Die Rednerin hat danach noch viel Sinnvolles gesagt.
Dass es allen Grund zur Angst gebe, etwa. Oder dass nun gelte,
[2][Solidarität mit den wunderbaren Menschen in Sachsen-Anhalt zu zeigen],
die in den vergangenen Monaten über ihre Grenzen hinaus gegangen sind, um
gegen die AfD zu mobilisieren. Und dass es jetzt um den Schutz von jenen
gehen müsse, die von den Faschist:innen bedroht sind: migrantisierte
Menschen, Queers, Linke. Das alles ist richtig.
Und dennoch war die Kulisse beim Auftakt [3][des neuen Protestbündnisses
„Zeit zum Handeln“] ein Paradebeispiel für hilflosen Antifaschismus. Diese
Worte sollen niemanden beleidigen. In dieser Scheißlage ist es das letzte
Interesse des Autors, Menschen vor den Kopf zu stoßen, die sich wehren
wollen. 14.000 sollen laut Bündnis am Brandenburger Tor gewesen sein, die
Polizei sprach von 5.000. Auch in Salzwedel oder Neubrandenburg gingen
Menschen auf die Straße, fürs Wochenende sind Proteste in Dresden, München,
Hamburg [4][und vielen weiteren Orten angekündigt]. Dass demonstriert wird,
ist gut und wichtig.
Doch was war das Credo am Brandenburger Tor? Was war die Analyse, warum 65
Prozent derjenigen Wähler:innen, die sich in einer prekären finanziellen
Lage befinden, zu den Faschist:innen gerannt sind? Luisa Neubauer rief
ihrem – übrigens augenscheinlich zu großen Teilen gut situierten und auch
fast durchgehend weißen – Publikum zu: „Ich möchte, dass wir den Hass nicht
übernehmen, dass wir uns weiter begeistern lassen, hemmungslos, für die
guten Sachen.“ Denn die Tyrannei, sagte Neubauer, sie setze darauf, dass
Entscheidungen „von Angst“ geführt werden.
## Vergewisserung des liberalen Bürgertums
Schon zuvor hatte der Aktivist Max Schneller unter explizitem Bezug auf die
Holocaustüberlebende Margot Friedländer beschworen, dass „wir“ uns „nicht
vom Hass walten lassen werden“, weil „wir“ für das Hassen nämlich „zu
menschlich, zu solidarisch“ seien. Genau das sei es doch, was „uns“ von den
extremen Rechten unterscheide. Weiter ging die Szenerie so, dass die
iranische Musikerin Faravaz zu zwei Minuten Meditation aufrief, bei der
sich die Menschen umarmen sollten, während Faravaz ihnen zusang, dass sie
schön seien, freundlich zueinander, liebevoll.
Nun ist das Bedürfnis nach gegenseitiger Fürsorge nach so einem Tag
verständlich. Doch am Montagabend ging es offensichtlich um mehr: Um eine
Vergewisserung des liberalen Bürgertums, dass man selbst zu den Guten
gehört, weil die anderen nun mal die Bösen sind. Politisch blieb der
Protest auf eine Ablehnung der AfD und der Versuche der (ansonsten aber
„demokratischen“) Parteien CDU und FDP, die Brandmauer einzureißen,
beschränkt. Davon zeugte schon, dass neben der Linken, deren
Spitzenpersonal mit antifaschistischem Tamtam aufmarschierte, auch die
Grünen und die SPD mit vielen Fahnen vor Ort waren.
Warum hassen aber denn die Leute? Was in dieser bürgerlichen Gesellschaft,
die so inbrünstig verteidigt wird, führt denn dazu? In Neubauers Rede
ließen sich einige wichtige Punkte zumindest erahnen: das enorme Ausmaß
ökonomischer Ungleichheit, die jahrelange Untätigkeit gegenüber
Rechtsextremismus, die verdrängte Angst vor dem brennenden Planeten. Das
wären Analyseansätze, auf denen man aufbauen könnte.
Stattdessen wurde sich darauf beschränkt, mal wieder den Zusammenhalt der
„Demokrat:innen“ zu beschwören, während der Demokratie weiter und immer
weiter die Menschen wegbrechen, weil sie nur noch als Teil einer
autoritären und völkischen Fantasiegemeinschaft glauben, sich stark und
sicher fühlen zu können. Und je dramatischer die Lage wird, desto lauter
schreien sich die „Demokrat:innen“ gegenseitig an, dass sie ja aber die
Guten seien. Protest gegen die AfD ist richtig und wichtig. So aber wird er
in eine Sackgasse führen.
8 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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