# taz.de -- AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt: Welche Themen machen die Rechten so stark?
> Befragungen in Sachsen-Anhalt sollen zeigen, dass vor allem Migration die
> Wählenden der AfD zutreibt. Aber die Realität ist wohl deutlich
> komplexer.
(IMG) Bild: Gemischte Signale: ein Auto in Sachsen-Anhalt
Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ringt die gesellschaftliche
Linke um die [1][Deutung des Debakels] – und um die sich ergebenden
Schlüsse für den Kampf gegen rechts. Im Zentrum steht die Frage, ob der
rechte Höhenflug als Folge sozialer Ungleichheit und wahrgenommener
Benachteiligung gedeutet wird [2][oder als rassistischer Reflex] auf
Migration. Die Umfrage, auf die sich beide Seiten beziehen, legt bei
genauerer Betrachtung nahe: Beides stimmt wohl und ist auch nicht klar
voneinander zu trennen.
Es geht dabei um eine Nachwahlbefragung von Infratest dimap im Auftrag der
ARD, die auch am Wahlabend ausschnittweise schon viel im Fernsehen
präsentiert wurde. Deren Ergebnisse sehen auf den ersten Blick aus, als sei
nicht Migration, sondern „Soziale Sicherheit“ entscheidend für die
Wahlentscheidung der meisten Menschen gewesen. Ein Viertel aller Befragten
gab dies an, anschließend folgten „Frieden“, „Wirtschaft“, „Innere
Sicherheit“ und „Bildung“. Erst dann kommt das Thema „Zuwanderung“, das von
gerade einmal 9 Prozent der Befragten genannt wurde.
Allerdings waren es vor allem Wähler*innen der demokratischen Parteien,
die „Soziale Sicherheit“ angaben: Unter den AfD-Wählenden waren es nur 18
Prozent. Zugespitzt: Keiner Wählergruppe ist das Thema so egal wie den
Rechten.
Dieser Befund verschwimmt aber bei genauerem Hinsehen. Denn schaut man nur
auf die AfD-Wählenden, schafft es „Soziale Sicherheit“ mit den 18 Prozent
immerhin auf den zweiten Platz. Genauso viele gaben aber auch an, für sie
sei „Zuwanderung“ entscheidend gewesen. Vor diesem geteilten zweiten Platz
steht nur noch das Thema „Innere Sicherheit“, das 24 Prozent der
AfD-Wählenden nannten.
## Vermischung von Terrorismus und Migration
Allerdings liegt nahe, dass AfD-Wählende „Innere Sicherheit“ als Teil des
Komplexes „Zuwanderung“ verstehen. Die Partei jedenfalls vermischt
Islamismus, Terrorismus und Migration systematisch. Und auch abseits der
rechten Bubble werden die Themen oft zusammen gedacht, wie die nach jedem
islamistischen Anschlag verlässlich einsetzenden Debatten um Migration und
Asylrecht zeigen. Ähnliches gilt für das Themenfeld „Kriminalität“, das von
AfD-Wählenden am vierthäufigsten genannt wurde.
Und selbst „Soziale Sicherheit“ dürfte für einen Teil der AfD-Wählenden mit
Zuwanderung zusammenhängen, weil Immigranten als Konkurrenz um Jobs,
Wohnungen und staatliche Leistungen verstanden werden. Umgekehrt könnte das
aber auch heißen, dass ein Teil derjenigen, die Zuwanderung am wichtigsten
finden, eigentlich eher „Soziale Sicherheit“ meinen. Die Sorge, weniger
Rente zu bekommen, weil das Geld angeblich für Asylunterkünfte ausgegeben
wird, ist im Kern eher die Sorge vor Armut als wirklich die vor
Geflüchteten. Und sie ließe sich wohl auch mit einer gerechten Reform des
Sozialstaats besser adressieren als mit der nächsten
Asylrechtsverschärfung.
Das führt zu der Frage, ob simple Studien wie die von Infratest dimap einem
komplexen Phänomen wie dem Wiederaufstieg des [3][Rechtsextremismus]
gerecht werden. Tiefergehende sozialpsychologische Untersuchungen haben in
der Vergangenheit gezeigt, dass menschenfeindliche und autoritäre
Vorstellungen zumindest teils mit Unsicherheit zu tun haben, die gerade
auch sozioökonomisch bedingt sein kann. Dabei geht es meist weniger um
messbare Armut und tatsächlich erlebten Abstieg und mehr um die Angst, dass
es dazu kommen könnte. Wer fürchtet, Wohlstand zu verlieren und Status
einzubüßen, verarbeitet dies durch die Abwertung Schwächerer.
Die Befragung zu den wahlentscheidenden Themen in Sachsen-Anhalt dringt in
diese Tiefen nicht vor. Sie liefert aber stellenweise doch Hinweise darauf,
dass die gefühlte sozioökonomische Lage für die Entscheidung, AfD zu
wählen, wichtiger ist, als es zunächst scheint. Dies geschieht da, wo die
Studienautor*innen nicht direkt nach Gründen für die Wahlentscheidung
fragen, sondern schlicht nach Einschätzungen zur eigenen sozioökonomischen
Lage. Rund zwei Drittel der AfD-Wählenden geben hier an, sie erhielten im
Vergleich mit anderen Menschen in Deutschland „weniger als das“. Bei den
Wählenden anderer Parteien sind es nur rund 40 Prozent. Und unter den
Wählenden, die ihre finanzielle Lage als gut bewerten, wählen nur rund 27
Prozent die AfD. Bei denen, die sich selbst in finanziell schlechter Lage
sehen, sind es 65 Prozent.
9 Sep 2026
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(DIR) Frederik Eikmanns
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