# taz.de -- Ausstellungen zu Künstlerinnen: Zerbrochene Leben
       
       > Politische Gewalt ist eine Herausforderung für die Kunst. Das zeigen in
       > Berlin drei Ausstellungen, die explizit der Künstlerinnenförderung
       > gelten.
       
 (IMG) Bild: Die Ausstellung „Schwestern im Geiste“ in der Prater Galerie Berlin, 2026. Links zu sehen: Fotografien von Yevgenia Belorusets
       
       „den elften tag in folge / kämmt der krieg mir das haar / wäscht mich
       trocknet mein gesicht / wie er mich doch umsorgt.“ Auf einer weißen
       Papierbahn hängt dieses Gedicht einer ukrainischen Dichterin zwischen
       schwarzgebrannten Keramikkuben, die an die Ruinen von Häusern erinnern. Ins
       Innere hat die Künstlerin Gabriele Nocker kleine Torsi aus Porzellan
       gestellt, Fundstücke aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. So verknüpft
       sie in ihrer Installation „Sprachräume“ den gegenwärtigen Krieg in der
       Ukraine mit Formen von Zerbrechlichkeit und Überdauern aus der Geschichte.
       
       Nockers „Sprachräume“ sind Teil der Ausstellung „Woman support Woman“, mit
       der die Gedok in der Kommunalen Galerie Berlin (in Wilmersdorf) das
       100-jährige Bestehen der [1][Gedok feiert, einer Gemeinschaft von
       Künstlerinnen und Kunstfreundinnen]. Wie der Krieg in der Ukraine das Leben
       verändert und damit auch die Rolle der Kunst herausfordert, ist auch ein
       Thema für [2][Yevgenia Belorusets] in der Ausstellung „Courage. Schwestern
       im Geiste“ in der Prater Galerie. Yevgenia Belorusets, Fotografin und
       Autorin, begann nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine mit einem
       fotografischen Kriegstagebuch. Die jetzt ausgestellten Fotografien der
       Nacht bezeugen die Spuren der Zerstörung bis in die Emulsion der analogen
       Bilder selbst hinein: von Schlieren und Flecken durchzogene Schwärze.
       
       „Schwestern im Geiste“ versammelt Künstlerinnen aus Osteuropa, die sich mit
       der Erfahrung politischer Gewalt auseinandersetzen. Natalia Vatsadze aus
       Georgien hat Broschen mit den Porträts von Opfern des sowjetischen Militärs
       angefertigt, die am 9. April 1989 starben, als eine Demonstration für die
       Unabhängigkeit Georgiens in Tbilissi niedergeschlagen wurde. Die Broschen
       „zieren“ nun ein schwarzes Jackett der Trauer. Nicht weit davon hängen mit
       Fotos und Textzeilen bedruckte Stoffe hoch über den Köpfen. „Sie hatte sich
       angewöhnt, keine Angst zu haben. Wir sind traurig, aber wir machen weiter“.
       Diesmal kommen die Zeilen aus Protokollen einer Gruppe „Frauen für den
       Frieden“, die sich 1982 in der DDR gründete. Sie sind Teil eines Archivs
       der DDR-Opposition aus dem Bestand der [3][Robert-Havemann-Gesellschaft],
       mit dem die Künstlerin Louise Schröder in ihrer Installation arbeitet.
       
       Die älteste Künstlerin der „Schwestern im Geiste“ ist Eva Vent, 1933
       geboren. In ihren Radierungen aus den 1970er Jahren beschäftigte sie sich
       mit Frauen, die im Nationalsozialismus ermordet worden waren. Ein Zyklus
       gilt der Lehrerin Marianne Grunhals, gehängt kurz vor Kriegsende 1945, weil
       sie laut ihre Erleichterung über Hitlers Tod geäußert hatte.
       
       ## Künstlerinnen, die der DDR kritisch gegenüberstanden
       
       Eva Vent war in der Prater Galerie, die im Prenzlauer Berg liegt, auch
       schon zu DDR-Zeiten ausgestellt; viele andere Künstlerinnen, die der DDR
       kritisch gegenüberstanden, aber nicht. Die Ausstellung will mit den
       Künstlerinnen jetzt auch diese Lücke markieren, und die Fehlstellen in der
       Kunstgeschichte bearbeiten. Es sind noch immer die Gespenster des
       Stalinismus und das besitzergreifende Russland von heute, gegen die die
       „Schwestern im Geiste“ anarbeiten.
       
       Noch eine dritte Ausstellung von Künstlerinnen nimmt in den Blick, wie sich
       nationalstaatliche Gewalt auf Identität, Individuum und Körper auswirkt. In
       der Goldrausch-Ausstellung „in touch“, die am 20. September zu Ende ging,
       hat sich eine junge Generation von internationalen Künstlerinnen mit Themen
       der Migration, mit Vertreibung, mit politischen Grenzziehungen, die zu
       ethnischen Ausgrenzungen führen, beschäftigt. Auch bei ihnen ist Widerstand
       in repressiven Regimen ein Referenzrahmen der Kunst, während sie mit den
       ästhetischen Formen nach einer Vermittlung von Intimität und Berührung
       suchen.
       
       Aber nicht nur dieses Reiben an einer Realität, die das Festhalten an der
       Kunst nicht einfach macht, lässt eine Verbindung zwischen den drei
       Ausstellungen sehen. Verbindend ist auch ihr strukturelles Anliegen,
       Künstlerinnen zu mehr Sichtbarkeit, Vernetzung und Erfolg im Geschäft mit
       der Kunst zu verhelfen.
       
       [4][Das Künstlerinnenprojekt Goldrausch], gefördert mit Mitteln der EU und
       des Landes Berlin, existiert seit 1989 und hat seitdem mehr als 500
       Künstlerinnen gefördert. Seit der Gründung hat sich die Situation von
       Künstlerinnen zwar verbessert, aber der Weg bleibt mühsam.
       
       ## Mit Witz und Pathos gegen Rollenmuster
       
       Die Jubiläumsausstellung der Gedok zeigt viele Positionen eines klassischen
       Feminismus. Manchmal wird mit Witz, manchmal mit Pathos gegen Rollenmuster
       für Frauen, die Einengung und Beschränkung bedeuten, gekämpft. Als vor 100
       Jahren die Gedok in Hamburg von [5][Ida Dehmel] gegründet wurde, sahen die
       Möglichkeiten für Künstlerinnen, die noch nicht lange zum Studium an den
       Akademien zugelassen waren, noch sehr schlecht aus.
       
       Ida Dehmel selbst war gut vernetzt, Gastgeberin von Salons,
       Frauenrechtlerin und Schriftstellerin. Ihr Mann, der Schriftsteller Richard
       Dehmel, war 1920 gestorben. Sie pflegte seinen literarischen Nachlass und
       gründete 1926 die Gedok für Künstlerinnen aller Sparten und für fördernde
       Kunstfreund:innen. Es waren vor allem jüdische Mäzeninnen, die ihrem Aufruf
       zur Unterstützung von Künstlerinnen folgten. Die Gedok entwickelte bald ein
       großes Netzwerk, mit Sektionen in vielen Städten. Aber als die
       Nationalsozialisten sie unter Druck setzten, jüdische Mitglieder
       auszuschließen, verlor die Gedok an Bedeutung. Ida Dehmel selbst war Jüdin
       und wurde 1933 von SA-Männern gezwungen, den Vorstand der Gedok Hamburg
       aufzugeben. Im Dehmel-Haus, das sie als Gedenkstätte für ihren Mann
       pflegte, lebte sie zunehmend einsam und ausgegrenzt. Von ihrem Tod 1942
       weiß man nicht genau, ob er durch Krankheit oder Suizid herbeigeführt
       wurde.
       
       In der Ausstellung zum Jubiläum geht Sibille Riechardt in der Fotoserie
       „Ida“ dieser tragischen Geschichte nach. Sie greift Details aus dem
       Interieur des Dehmel-Hauses auf, Lampenschirme aus Perlen gestickt, Kissen
       und Stoffe in avantgardistisch-geometrischen Mustern. Damit folgt sie einer
       ästhetischen Spur von verschiedenen weiblichen Rollenbilder, die Ida Dehmel
       einerseits erfüllte, andererseits aber auch weit überschritt.
       
       16 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Benachteiligung-ist-immer-noch-deutlich-spuerbar/!5982117/
 (DIR) [2] /Die-Kunst-der-Woche/!6095972
 (DIR) [3] /Archiv-der-DDR-Opposition/!6075206
 (DIR) [4] /Die-Kunst-der-Woche/!6115347
 (DIR) [5] /Deutsch-juedische-Designerinnen/!6099003
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Bettina Müller
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Künstlerin
 (DIR) Feminismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ausstellung Annemirl Bauer: Mit Biss und Herzlichkeit
       
       In ihren Bildern überflog sie Landschaften, in ihrem Leben fühlte sie sich
       in der DDR eingesperrt. Ausstellungen in Potsdam und Berlin erinnern an die
       Malerin Annemirl Bauer.
       
 (DIR) Kulturpolitik der DDR: Das Kalkül ging nicht immer auf
       
       Wie geopolitische Ziele und Kunstvermittlung in der DDR verwoben waren:
       Kunst aus der Sammlung des Zentrums für Kunstausstellungen in Berlin.
       
 (DIR) Revision vergessener DDR-Kunst: Tiefenbohrung im Zwischenraum
       
       In der Ausstellung „Produktive Unruhe“ in der robotron-Kantine Dresden wird
       mit zeitlichem und künstlerischem Abstand auf die Kunstleistungsschauen der
       DDR geblickt.