# taz.de -- Dissidentische Kunst Gabriele Stötzers: „Nein, Nö, Nie“
> Stötzer schälte sich schon zu DDR-Zeiten von Zwängen frei. Zu ihrer
> aktuellen Soloschau im Berliner Gropius Bau gab sie ein Konzert auf dem
> Museumsdach.
(IMG) Bild: Traten jetzt als Exterra XX auf dem Dach des Gropius Bau auf: die Künstlerinnengruppe Erfurt 1989, initiiert von Gabriele Stötzer (Ausschnitt)
Erst im Gefängnis, so wird Gabriele Stötzer auf einer Wandtafel ihrer
Werkschau „Dabei sein und nicht schweigen“ zitiert, sei ihr wieder
eingefallen, dass sie als Kind ja Künstlerin werden wollte. Und in einem
Radiointerview fügte sie hinzu, dass sie nach der Haft 1977 dachte: „Jetzt
gehst du in die Kunst, da wirst du nicht gleich verhaftet“. Das
eindrucksvolle Ergebnis ist jetzt im Berliner Gropius Bau zu sehen. Und
vergangenen Samstag trat Stötzer dort auch mit ihren einstigen
Mistreiterinnen, der Künstlerinnengruppe Erfurt, mit der Performance
„Exterra in the Air XX“ auf; eigens dafür haben sie sich noch einmal
zusammengetan.
Doch zurück zu Stötzers Konflikt mit der DDR-Staatsmacht. Die damalige
Pädagogikstudentin Stötzer wurde exmatrikuliert und im berüchtigten
Frauengefängnis Hoheneck inhaftiert, weil sie gegen die Ausbürgerung von
Wolf Biermann protestiert hatte. Nach einem Jahr Haft sollte sie sich in
der Produktion bewähren.
Was jemanden wohl dazu bringt, Kunst zu machen, gegen alle Widerstände?
Diese Frage beim Rundgang durch die Ausstellung mitlaufen zu lassen, kann
für ein stimulierendes Grundrauschen sorgen: Kunst als ein Weg, sich seiner
selbst zu vergewissern, als Widerstand gegen ein rigides Lebensumfeld, das
persönliche Entfaltung ausbremst. Für Stötzers vielgestaltiges Schaffen gab
es schließlich jenseits der bohemistischen Blase, in der sie sich in der
DDR bewegte (und die durch Abwanderung vieler Freund:innen in den Westen
immer weiter schrumpfte) weder Ruhm noch Ehre.
Zeichnungen, Textilarbeiten, einige Ölbilder, Texte und natürlich
Fotoserien. Die sind der vielleicht anregendste Teil der Ausstellung,
finden darin doch alle bestimmenden Medien Stötzers – Film, Malerei und das
Performative – zusammen. Und natürlich ihre Super-8-Filme. Die sollte man
sich ausstellungsdramaturgisch vielleicht bis zum Schluss aufheben, auch
wenn sie gleich am Eingang ausgestellt sind. Damit erschließen sie sich
einfach besser.
## Die weibliche Urkraft
Etwa 150 Exponate umfasst die Berliner Retrospektive, von [1][kubistisch
inspirierten frühen Porträts] bis hin zu neuen Arbeiten der 73-Jährigen:
Riesige flauschig-bunte Frauenfiguren aus Wolle, auf Gitternetz verwoben
und dekoriert mit Keramik-Brüsten. „Undine kommt“ hat sie eine dieser
Arbeiten genannt, in Anlehnung an [2][Ingeborg Bachmanns Kurzgeschichte
„Undine geht“ (1961 )]. Die mythologische Figur soll als „weibliche
Urkraft“ bitte genau hingucken, angesichts des zerstörerischen Wahnsinn,
der vielerorts entfesselt wird. Am anderen Ende des Sinnlichkeitsspektrums
steht die „Lippen mit Draht“-Fotoserie von 1983. Für diese verformte sie
einen Frauenmund mit Metallfäden – eine monochrome Bebilderung des Zustand,
nicht frei sprechen zu können.
Stötzer verbindet aktivistischen Ernst mit schalkhafter Leichtfüßigkeit.
Und zudem eine realistische Körperlichkeit mit mythologisch-phantasischer
Aufladung. Ihre Gefängnis-Erfahrungen schwingen bei letzterem oft mit –
vielleicht nicht zuletzt dadurch, dass dort die erzwungene Nähe ihr einen
ehrliches Blick auf den weiblichen Körper in vielen Formen und Zuständen
ermöglichte. Dieser Blick macht auch die Fotoserie „Das Gesicht der Mutter“
so berührend, in dem sie den Sterbeprozess der Mutter einer Freundin
begleitete.
Ihr breites Spektrum an künstlerischen Mitteln und Motiven war auch
pragmatischen Überlegungen geschuldet. So präsentierte sie ihre Fotoserien
gerne in Leporellos, ließen sich diese Faltbücher doch leicht verstecken.
Denn ihre künstlerischen Aktivitäten wurden eng überwacht, ohnehin war die
dissidentische Kunstszene in der DDR von der Stasi unterwandert. Jedoch
wird in der Ausstellung vom Frühstücksbrett bis zu überlebensgroßen
Skulpturen Unterschiedlichstes zum Medium ihrer Ideen.
Auch die auf Stötzers Initiative hin gegründete Künstlerinnengruppe Erfurt
(seit der Wende Exterra XX) strebte nicht zuletzt deshalb eine staatliche
Einstufung als Modenschaukollektiv an, weil sie das zumindest ein bisschen
davor schützte, Probleme zu bekommen. Schließlich waren schon die
Pleinair-Happenings, die Stötzer mit anderen Künstlerinnen veanstaltet
hatte – man malte, tanzte, feierte zusammen, gern nackt – 1981 von der
Stasi unterbunden worden. In ihren Arbeiten jener Jahre ist ein ähnlich
expressiver, [3][genialisch-dilettantischen Geist zu spüren, wie er
seinerzeit auch die Kunstproduktion auf der anderen Seite der Mauer
prägte].
## Von den Dächern Erfurts zum Museumsdach in Berlin
Die Performance am Samstagabend fand dann auf dem Dach des Gropius Baus
statt – in Anlehnung an die Aktionen auf den Dächern Erfurts, die die
Künstlerinnengruppe zwischen 1984 und 1994 machte. Heute allerdings werden
sie ganz offiziell auf eine Leinwand übertragen. Eine ihrer
Mitstreiterinnen ist einbandagiert, eine andere trägt einen glitzernden
schwarzen Umhang. Den legt sie bald ab und reibt sich mit weißer Kreide
ein. Eine dritte trägt einen Krankenhauskittel, zwischendurch gebiert sie
einen Luftballon. Auf ihrem Rücken steht in bunten Lettern „2%
Zwangsadoptionen“, Genaueres zum Kontext erfährt man jedoch nicht. Stötzer
steht bald mit freiem Oberkörper da, bemalt sich die Brüste mit roter Farbe
und macht davon Abdrücke auf Papier.
„Does a racing heart speed up the rhythm of your life“ steht auf einem der
Papierflieger, den sie von weit oben aus Richtung Publikum schicken.
Erstaunlich viele Leute haben es sich auf dem Gelände der benachbarten
Topographie des Terrors gemütlich gemacht und schauen zu. Für
avantgardistisch-dissonante Sounds sorgen Bläser und Streicher. Auf halber
Strecke der gut halbstündigen Performance schälen sich aus lautmalerischem
Gegacker die Worte „Nein, Nö, Nie“ heraus. Danach geht es jedoch ähnlich
verrätselt weiter. Am Ende löst sich alles in Gelächter auf. Die drei
Bibel-Freaks, die an der nächsten Straßenecke eigentlich das Gespräch mit
Passanten suchen, aber doch auch ein bisschen zugucken, wirken etwas
verwirrt. Manch:e ander:e auch, dennoch wird kräftig applaudiert.
Lange stand Stötzers Kunstschaffen weniger im öffentlichen Interesse als
ihr eloquentes Zeitzeugentum – zuletzt befeuert durch ihren akribisch
recherchierten Bericht [4][„Der lange Arm der Stasi: Die Kunstszene der
1960er, 1970er und 1980er in Erfurt“ (]2022). Anfang des Jahres wurde nun
aber bekannt, dass die 73-Jährige dieses Jahr den Kaiserring der Stadt
Goslar bekommt, ein in Deutschland besonders renommierter Kunstpreis. Und
jetzt noch diese große Retrospektive – übrigens die erste Soloschau einer
ostdeutschen Künstlerin im Gropius Bau. Nun, besser spät als nie, denn
Stötzer ist eine Entdeckung.
31 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Stephanie Grimm
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