# taz.de -- Der Hausbesuch: Auf der Flucht
       
       > Elke Schlegel wollte ihr eigenes Leben leben. Aber in der DDR wurde schon
       > der Wunsch zu einem Verbrechen. Mit Haft und Folter sollte sie büßen.
       
 (IMG) Bild: Elke Schlegel entkam der DDR vor dem Zusammenbruch, und wurde sie doch ihr Leben lang nicht los
       
       Sie wollte frei sein, sich nicht verbiegen. Das DDR-System hat versucht,
       sie daran zu hindern.
       
       Draußen: Ein weißes Mehrfamilienhaus in einer Koblenzer Wohnsiedlung. Ein
       großer begrünter Hof davor. In der Nähe liegt die Karthause, so wird das
       Gefängnis von Koblenz genannt.
       
       Drinnen: Im Wohnzimmer ist viel aus Glas, dazu helle Flächen und dunkle
       Möbel. Starke Kontraste. „Ich wäre gerne Dekorateurin geworden“, sagt
       Schlegel. Die allerdings wurden [1][in der DDR] gerade nicht gebraucht, als
       sie aus der Schule kam.
       
       Kindheit: 1958 wurde sie in Jena geboren, sie habe dort eine schöne
       Kindheit gehabt. Morgens zog sie los, schlüpfte in die Rolle von Cowboys
       und kam erst wieder nach Hause, als es dunkel wurde.
       
       Freundschaft: Der Ärger mit dem Staat begann in der Schule. Sie sollte etwa
       Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft werden und
       jeden Monat zehn Pfennig dafür bezahlen. Für Freundschaft? Das verstand sie
       nicht. „Meine Freundin Christine hat doch auch nichts gekostet und die war
       trotzdem meine Freundin.“
       
       Marlboro-Mann: So ging es weiter. Sie hatte von ihrer Oma aus dem Westen
       Filzstifte geschickt bekommen, Marke Pelikan: „Aus dem Westen, durfte ich
       in der Schule nichts benutzen.“ Außerdem hatte sie eine
       Marlboro-Plastiktüte. Darauf war ein Cowboy auf einem Pferd. Für Elke
       Schlegel war das der Inbegriff von Freiheit. Für die Schule der
       Klassenfeind. In ihrem Zeugnis stand: „Der politische Standpunkt ist nicht
       gefestigt.“
       
       Opponieren: „Wo ich dagegen sein konnte, war ich es.“ Ihre Mutter habe sich
       langsam Sorgen gemacht. Sie solle sich benehmen. Und besser auch nicht mehr
       in die Kirche gehen. Aber Schlegel schlich sich heimlich hin, sie wollte
       konfirmiert werden. Außerdem sah sie Westfernsehen: „Lassie“, „Fury“,
       „Flipper“. Und sie hatte Postkarten von Verwandten aus Ländern, die sie
       auch sehen wollte.
       
       Berufswahl: Als klar war, dass sie nach der Schule nicht Dekorateurin
       werden durfte, überlegte sie weiter. Kellnerin, das wäre was. In einem
       Hotel mit internationalen Gästen. „Da dachte ich, ich kann versuchen, mit
       denen englisch zu reden.“ Kellnerin wurde sie. Aber das mit dem
       Englischsprechen hat nicht geklappt. Später wollte sie Stewardess werden.
       „Ich dachte, da kann ich mir die Welt mit meinem Beruf angucken.“ Es
       klappte auch nicht. Schlegel wurde abgelehnt.
       
       Ausreiseantrag: Inzwischen hatte sie einen Freund, sie bekamen einen Sohn,
       wollten aber nicht heiraten. Deshalb kriegten sie keine Wohnung. „Und
       irgendwann sagte mein Freund: ‚Komm, wir hauen ab.‘“ Aber über Stacheldraht
       und Minenfelder wollten sie nicht. Also stellten sie einen Ausreiseantrag.
       Achtmal insgesamt. Und damit waren sie Staatsfeinde. Schlegel durfte nicht
       mehr kellnern und musste in die Spülküche. Ihr Freund war Fliesenleger und
       durfte nur noch Sand schaufeln. Wer mit ihnen zu tun hatte, riskierte
       Ärger.
       
       Tag der Menschenrechte: Dazu eine Geschichte vom Tag der Menschenrechte im
       Jahr 1983. Es war der 10. Dezember und Schlegel ging mit anderen
       Ausreisewilligen auf den Weihnachtsmarkt. Um leise zu protestieren, mit
       weißen Kerzen in den Händen. Es dauerte nicht lang, bis die
       Bereitschaftspolizei kam. Da stand plötzlich ihr Bruder vor ihr. In Uniform
       und mit Maschinengewehr in der Hand. Sie hatten Blickkontakt. „Er war für
       den Staat da und wir waren gegen den Staat da.“
       
       Halb fünf: Die Stasi kam am 28. März 1984, um halb fünf morgens. Fünf
       Männer und eine Frau. Den Sohn durfte Schlegel noch zu ihrer Mutter
       bringen. „Ich habe mich zu ihm runter gekniet und gesagt: Die Mutti geht
       dir was Schönes kaufen. Ich bin heute Abend wieder da.“ Ein Jahr sieht sie
       den Zweijährigen nicht.
       
       U-Haft: Sie kam nach Gera in Untersuchungshaft. Verhöre von morgens bis
       abends – ohne Essen, ohne Wasser. „Ich habe in die Hose gemacht, weil ich
       nicht auf Toilette durfte“, sagt Schlegel. Sie musste sich nackt ausziehen.
       „Mir ist in alle Löcher geguckt worden, die eine Frau hat“, sagt sie. Sie
       wollte nicht duschen, weil sie an die Gaskammern in Buchenwald dachte und
       an einen Bekannten, der in Gera in der U-Haft gestorben war. Deshalb wusch
       sie sich am Waschbecken. Schlafen musste sie auf dem Rücken, mit den Händen
       auf der Decke. Alle 20 Minuten wurde nachts das Licht eingeschaltet.
       
       Hungerstreik: Weil sie nicht wusste, was mit ihrem Sohn war, verweigerte
       sie fünf Tage das Essen. Bis sie erfuhr, dass er noch immer bei ihrer
       Mutter war. Sie musste ihr auch das Sorgerecht übertragen. Nach drei
       Monaten in U-Haft habe sie noch 38 Kilogramm gewogen.
       
       Frauenzuchthaus Hoheneck: Sie wurde ins Frauenzuchthaus Hoheneck verlegt.
       42 Frauen in einer Zelle. Zwei Toiletten, ein paar Wasserhähne über einem
       Trog. Sie schliefen auf Strohsäcken („mit Ungeziefer“). Politische
       Gefangene saßen mit verurteilten Kriminellen zusammen, erzählt Schlegel.
       „Und ständig ist man begrapscht worden.“ Aber sie hatte Glück. Denn sie
       hatte sich mit Ramona angefreundet. „Ramona“, sagte sie, als sie im
       Freigang waren, „du musst meine Knastmieze werden.“ Und so gingen sie eine
       Scheinbeziehung ein, zum Schutz vor den anderen.
       
       Seife: Jeden Tag hätten sie sich ein Stück Seife hin- und hergeschenkt als
       Liebesbeweis. „Ich bin immer in die Zelle und habe gesagt, meine Mieze hat
       mir ein Stück Seife geschenkt. Die liebt mich so.“ Im Freihof seien sie
       immer Arm in Arm herumgelaufen, „als wären wir ein verliebtes Pärchen“.
       
       In den Westen: Nach fünf Monaten und 24 Tagen wurde Elke Schlegel von der
       Bundesrepublik freigekauft. Sie bekam ihre Entlassungsurkunde aus der DDR
       und stieg in einen Bus mit etwa 50 anderen Menschen Richtung Westen. Fast
       wäre sie wieder ausgestiegen, weil sie ihren Sohn nicht in der DDR lassen
       wollte. Dass sie ihren Sohn nicht sah, sagt sie, sei das Schlimmste
       gewesen.
       
       Ungewohnt: Im Westen war anfangs alles fremd. „Die Türen wieder selber
       öffnen, entscheiden, welchen Pullover man trägt und solche Sachen.“ Ihr
       Mann hatte das gleiche erlebt wie sie. Bilder von ihm hängen in der
       Wohnung. Vor ein paar Jahren ist er an Krebs gestorben. „Ihm musste ich nie
       erklären, wie die Haft war“, sagt Schlegel.
       
       Der Sohn: Im Februar 85 fuhr Schlegel zurück in die DDR, obwohl sie
       fürchtete, wieder eingesperrt zu werden. Aber die Sehnsucht nach ihrem Sohn
       sei größer gewesen als die Angst. Am Bahnhof warteten ihre Mutter, ihre
       Oma, ihr Bruder und ihr Junge. „Aufgereiht wie die Orgelpfeifen.“ Reden
       konnten sie kaum, weil überall Stasi war. Diesmal nahm sie ihren Sohn mit.
       
       Koblenz: Sie hatten in Koblenz eine Wohnung bekommen und Schlegel fand
       einen Job in einer Pizzeria. 15 Jahre blieb sie dort. „Die Italiener haben
       uns richtig in ihre Familie aufgenommen.“ Von Koblenz aus reisten Schlegel
       und ihr Mann im Urlaub um die Welt. Rio de Janeiro, Großbritannien, weiße
       Sandstrände, die sie zuvor nur von Postkarten kannte. Sie zeigt
       Urlaubsfotos. Man könnte meinen, jetzt war alles gut. Schlegel war frei,
       konnte leben, wie sie wollte. Aber [2][so einfach ließ sich die DDR nicht
       abschütteln.]
       
       Umzüge: In den ersten Jahren zogen sie in Koblenz zehnmal um. Bloß nicht zu
       lange an einem Ort bleiben. Eine Therapeutin wird ihr später sagen: „Das
       war eine Art Flucht.“ Auch Angst sei ein Gefängnis.
       
       Mauerfall: Und dann [3][fiel 1989 die Mauer]. Sie war zwar glücklich, aber
       gleichzeitig entsetzt. Denn sie fürchtete, dass nun auch die Richter und
       ihre alten Wärterinnen in den Westen kamen. 2007 bekam diese Angst ein
       Gesicht. Schlegel arbeitete seit sieben Jahren bei einer Versicherung in
       Koblenz, als sie mit einer Kollegin heimfuhr. Die Frau hörte ihren
       DDR-Akzent. Sie komme auch aus dem Osten, sagte sie. Schlegel erzählt, dass
       sie im Frauenzuchthaus Hoheneck gesessen hat. Die Kollegin sagt: „Da war
       ich Aufseherin.“ Schlegel reißt die Autotür auf, die Frau macht eine
       Vollbremsung, Schlegel flüchtet, klettert über die Leitplanke, rennt in den
       Stadtwald. Sie weint, sie schreit, irrt zwischen den Bäumen umher. Hinter
       sich hört sie die Frau rufen, sie sei „eine von den Guten“ gewesen. „Es gab
       keine Guten“, sagt Schlegel.
       
       Hilfe: Nach dem Zusammenbruch brauchte es Jahre der Therapie, um von den
       Erinnerungen an die Nasszelle, den Demütigungen und Foltererfahrungen nicht
       wieder eingeholt zu werden. „Manchmal denke ich: Das kann doch nicht mein
       Leben gewesen sein.“
       
       14 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Die-DDR/!6152741
 (DIR) [2] /Historikerin-ueber-Frauen-und-die-DDR/!6132109
 (DIR) [3] /63-Jahre-Mauerbau/!6026741
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Clemens Sarholz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Der Hausbesuch
 (DIR) DDR
 (DIR) Folter
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die „Wiedervereinigung“ in der Literatur: Stumm ist das Volk
       
       Während mehr ostdeutsche Autor:innen das Ende der DDR in den Blick
       nehmen, bleibt die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive
       unerzählt. Warum ist das so?
       
 (DIR) Ausstellung Annemirl Bauer: Mit Biss und Herzlichkeit
       
       In ihren Bildern überflog sie Landschaften, in ihrem Leben fühlte sie sich
       in der DDR eingesperrt. Ausstellungen in Potsdam und Berlin erinnern an die
       Malerin Annemirl Bauer.
       
 (DIR) Sookee über ihren Geburtsort: Mecklenburg. Leberwurst. Lebensdurst. Red du nur
       
       Rapperin Sookee kam im vorpommerschen Pasewalk auf die Welt und hat seitdem
       nicht dorthin zurückgefunden. Ihren Blick prägt der Ort dennoch bis heute.