# taz.de -- Baustellenkonzert in Berlin: Mit Helm in die Oper
> Die Komische Oper Berlin wird saniert, der Spielbetrieb läuft in einem
> Ausweichquartier. Doch mit Bauhelm darf man zum Musikhören auch weiter
> ins Stammhaus.
(IMG) Bild: Nicht mehr unbedingt die große Oper, doch aber weiter mit Musik, beim Baustellenkonzert
Dass sie noch im Juni das Baustellenkonzert im Zuschauerraum abhalten
konnten, erzählt Chefdramaturg Wolfgang Behrens bevor es losgeht. Aber
dieses Mal sei das verboten worden, da „das Deckennetz, das verhindern
soll, dass uns die Decke auf den Kopf fällt, nicht ausreichend gewartet
wurde“. Daher finde das Konzert nun spektakulärerweise in der Unterbühne
statt, unterhalb der Drehbühne, „aber keine Angst, die ist nicht mehr da.“
Ein übersichtliches Häuflein Publikum – die Baustellenkonzerte sind rar und
immer ruckzuck ausverkauft – steht im kleinen Foyer des operneigenen
Verwaltungsgebäudes Unter den Linden, ausstaffiert mit Bauhelmen,
Sicherheitsschuhen sowie mit Sicherheitswesten in den
Corporate-Identity-Farben der Komischen Oper, pink oder lila.
## Hier wird definitiv gearbeitet
Zünftig und auch ein wenig dekadent sieht die Gruppe aus, wie die
Komparserie für eine Bauarbeiterrevue. Wir haben alle eine Erklärung
unterschreiben müssen, mit der wir für sämtliche eventuell eintretenden
Schäden an der eigenen Person selbst haften. Das Gebäude der Komischen Oper
an der Behrenstraße, [1][seit 2023 wegen dringenden Sanierungsbedarfs
geschlossen], ist derzeit für Publikumsverkehr eigentlich nicht einmal
annähernd geeignet.
Das wird spätestens beim Betreten der Baustelle deutlich. Hinter dem
Bauzaun, an dem sich angeklebte Opernplakate redlich um fröhliche Stimmung
bemühen, stehen schwere Baumaschinen, flattern Absperrbänder, der Boden
wirkt aufgewühlt.
Wir dürfen einen kurzen Blick in die oberirdischen Bereiche des
Hauptgebäudes werfen. Ja, hier wird definitiv gearbeitet, das Haus ist
weitgehend nackt, aller schmückenden Oberflächen entkleidet. In den schönen
geschwungenen Gängen, wo einst auf plüschigen Sofas die Pausen verplaudert
werden konnten, gähnen leere Wände und Durchgänge aus rohem Mauerwerk. Im
Zuschauerraum durfte immerhin der Stuck bleiben. Der große Kronleuchter ist
abmontiert und eingelagert, die Decke, von der in Zukunft kein Putz mehr
fallen soll, abgehängt, und der Bühnenraum wurde durch eine gigantische
Trockenbauwand verblendet, die während der Bauarbeiten – es gelten
dieselben Brandschutzvorschriften wie sonst auch – den sogenannten Eisernen
Vorhang ersetzt.
Diese Wand sehen wir anschließend von der anderen Seite, als wir, durch bis
zur Trostlosigkeit entkernte Kellergelasse gelotst, die Unterbühne
betreten. Tatsächlich ist der Raum unter der Drehbühne ebenfalls
kreisförmig und von der Größe her für ein Kammerkonzert eigentlich perfekt
geeignet. Ein paar Stuhlreihen für das Publikum, Notenständer für die
Sänger*innen und ein Klavier möblieren das Rund provisorisch. Man könnte
es fast anheimelnd finden, gähnte nicht darüber ein bedrohlich hoher
Dachraum. Wenn von ganz da oben – um die dreißig Meter in die Höhe mögen es
schon sein – auch nur ein kleines loses Etwas herunterfiele, würde der
Bauhelm rein gar nichts mehr nützen.
Die Künstler*innen unterscheiden sich an diesem Abend äußerlich nicht
vom Publikum, auch sie tragen in einträchtigem Pink Helm und
Sicherheitswesten. Zu einem Sänger*innenquartett (Mirka Wagner,
Karolina Gumos, Thoma Jaron-Wutz und Tom Erik Lie) gesellen sich die
Pianistin Aleksandra Tarasenko und die Schauspielerin Evamaria Salcher, die
als Moderatorin durchs Programm führt. Dessen Titel „Metropol 26“ bezieht
sich auf das Metropol-Theater, das ab 1892 im Gebäude an der Behrenstraße
seinen Spielbetrieb hatte und den Bedarf des Berliner Publikums an
Operetten und Revuen stillte, bis ein großer Teil des Hauses 1944 bei
Luftangriffen zerstört wurde.
## Der Anspruch auf Kontinuität
Ein kleiner Strauß aus Melodien der leichteren Muse, wie sie vor genau
hundert Jahren an genau diesem Ort zu Gehör gebracht wurden, steht auf dem
Programm des Baustellenkonzerts, ergänzt um Musik von Karol Szymanowski,
dessen Oper „König Roger“ aus dem Jahr 1926 im Januar 2027 ihre Berliner
Erstaufführung im Schillertheater erleben wird, dem derzeitigen
Ausweichquartier der Komischen Oper. Damit ist ein schöner inhaltlicher
Bogen über das gesamte vergangene Jahrhundert geschlagen und gleichzeitig
der auch historisch begründbare Anspruch der Komischen Oper auf weitere
Kontinuität dezent unterstrichen.
Inzwischen redet niemand mehr darüber, dass ja schon mal lautstark überlegt
worden war, ob es angesichts der enormen Kosten der Gebäudesanierung nicht
besser wäre, [2][die Komische Oper ganz zu schließen]. Aber das sind
Schmerzen von vorgestern. Was heute schmerzt, ist das zu geringe Bautempo.
Die Baukosten liegen bei geschätzten 480 Millionen Euro, doch die jährlich
genehmigten Bauraten betragen derzeit nur 20 Millionen. Es ist leicht
auszurechnen, dass eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Stammhaus zur
Saison 2032/33, wie man offiziell immer noch hofft, nur möglich ist, wenn
diese Summe sehr kräftig angehoben wird.
27 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina Granzin
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