# taz.de -- Exklave an der Nordseeküste: Hamburg liegt hier eben doch am Meer
       
       > Neuwerk ist den Hamburgern lieb und teuer: 40 Millionen Euro will der
       > Stadtstaat in seine Wattenmeerinsel investieren. Er setzt dabei auf
       > Tourismus.
       
 (IMG) Bild: Sollte einst Piraten fernhalten, soll heute Touristen anziehen: Hamburgs Trutzburg auf der Nordseeinsel Neuwerk
       
       Der Leuchtturm von Neuwerk ist im morgendlichen Dunst schon auszumachen,
       obwohl es noch eine gute Stunde bis auf die Insel ist. Der alte Griebel
       schweigt und lenkt seine Pferde durchs Watt, aber es sieht aus, als würden
       sie ihren Weg auch allein finden. Er trägt auch an diesem sommerlichen Tag
       eine dicke Steppjacke und eine Strickmütze, die er bis zu den Haarbüscheln
       auf seinen Ohren heruntergezogen hat. Man weiß ja nie an der Nordsee. Ach,
       was heißt hier an – in! Oder auf? Schließlich ist das Wasser gerade nicht
       da, und wir bewegen uns, technisch gesehen, auf dem Meeresgrund. Deswegen
       heißt Griebels Gefährt auch nicht Kutsche, sondern Wattwagen.
       
       ## Eine Festung mitten im Watt
       
       Immer klarer zeichnet der Turm sich ab, trutzig erhebt er sich über der
       Insel, viel massiger als die schlanken anderen Leuchttürme an der
       Nordseeküste. „Das war ja auch nicht nur ein Turm“, sagt Hamburgs
       Landesarchäologe Rainer-Maria Weiss, der hinter dem Kutscher sitzt, „das
       war eine ganze mittelalterliche Burg.“ Jetzt wird auch erkennbar, dass
       Hamburgs ältester Profanbau eingerüstet ist. Weiss freut das sehr. Denn das
       Bauwerk soll saniert werden. Und vorher darf er mit einem Grabungsteam den
       ganzen Sommer lang die Umgebung aufbuddeln.
       
       Leuchtturm wurde das Bauwerk erst 1814. Davor war es eine Festung, von der
       sich die ganze Elbmündung beherrschen ließ, erbaut von 1300 bis 1310. Nun
       war Schluss mit den ständigen Piratenüberfällen auf der Unterelbe. „Ab
       Neuwerk fuhren die Schiffe der Hamburger Kaufleute in sicheren
       Hansegewässern“, sagt Archäologe Weiss. „Die Burg Neuwerk war der Garant
       dafür, dass Hamburg reich werden konnte.“ Damit gibt er einen Hinweis
       darauf, [1][warum die Insel den Hamburgern bis heute lieb und teuer ist].
       
       Eine steile Stiege in einem windschiefen Holzverschlag führt in den Turm.
       Die verranzte Turmschenke im ersten Stock hat ein gewaltiges
       Kreuzgratgewölbe. Darüber wird es schlichter: kleine, verbaute Zimmer mit
       dem Charme der späten Siebziger. Putz fällt von der Decke.
       Schießschartenkleine Fenster im bis zu drei Meter dicken Backsteinmauerwerk
       bieten Ausblicke über die ganze Insel: nichts als satte Weiden, in die sich
       ein paar Gehöfte ducken, dahinter Deich, Watt, Meer, so weit das Auge
       reicht.
       
       Stockwerk für Stockwerk geht das so und will kein Ende nehmen. Ein
       mittelalterliches Hochhaus. In anderthalb Jahren soll daraus ein
       21-Betten-Hotel werden. Fast 22 Millionen Euro will sich die Stadt das
       kosten lassen – und muss am Ende auch das wirtschaftliche Risiko tragen.
       
       Und das ist erheblich. Denn die Saison ist kurz auf Neuwerk, von April bis
       Oktober, maximal. Selbst da kann es so stürmen, dass Neuwerk weder mit dem
       Wattwagen noch mit dem Schiff erreichbar ist und die Gäste gar nicht erst
       ankommen – oder nicht wieder weg. Es gibt ein Landschulheim, ein Heuhotel
       und ein paar weitere Herbergen. Die Griebels und die Focks, zwei
       alteingesessene Familien, wollen aufhören, haben keine Nachfolger gefunden.
       Das wäre praktisch das Ende von Neuwerk gewesen, das auf 21 Einwohner
       geschrumpft war.
       
       Deshalb hat die Stadt den Familien ihre Höfe abgekauft und sucht nun
       Pächter, die den Betrieb weiterführen. Vorher wird sie kräftig investieren
       müssen. Auch das sei „eingepreist“, heißt es aus der Finanzbehörde.
       
       Insgesamt 40 Millionen Euro will Hamburg in den kommenden Jahren in seine
       Insel im Watt stecken. „Nordseetourismus wird in den kommenden Jahren
       boomen“, sagt Finanzsenator Andreas Dressel (SPD), der zum Baubeginn am
       Turm angereist ist. „Wär’ doch komisch, wenn wir es nicht schaffen würden,
       davon für Neuwerk ein bisschen abzubekommen.“
       
       Dafür engagiert sich der Stadtstaat trotz knapper Kassen als Unternehmer.
       Rational ist das kaum zu erklären. Dressel greift denn auch zu einer
       gehörigen Portion Pathos: „Das ist unsere Insel“, beschwört er, „das ist
       Teil der Geschichte unserer Stadt.“
       
       ## Besuch ist Bürgerpflicht
       
       Es scheint, als werde Hamburgs „Vorposten im Meer“ (Dressel) umso
       wichtiger, je mehr die maritime Wirtschaft an Bedeutung verliert. Ein
       Identitätsanker in der Elbmündung. Der Senator erhebt es gar zur
       patriotischen Pflicht, Neuwerk zu besuchen: „Für Hamburgerinnen und
       Hamburger sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, nicht nur einmal,
       sondern mehrmals im Jahr auf Neuwerk zu sein.“
       
       Dressel selbst macht seine Verbundenheit auf dem nicht mal einstündigen
       Rundgang um die Insel deutlich: In der alten Schule, heute ein
       Souvenirshop, ersteht er ein „Neuwerk“-Käppi – so günstig, als gäbe es noch
       gar keinen Tourismus auf der Insel.
       
       Aus seiner Behörde ist zu hören, dass die Stadt die Schule auch wieder
       aufmachen würde – falls es irgendwann wieder Kinder gibt.
       
       29 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburg-Neuwerk
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Kahlcke
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Hanse
 (DIR) Nordsee
 (DIR) Tourismus
 (DIR) Wattenmeer
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Trümmerberg in Berlin: Ein Monument des Schreckens
       
       Der Teufelsberg im Grunewald ist nicht wirklich hoch und eigentlich mehr
       Hügel. Dafür ist er ungemein geschichtsträchtig, mit einer Menge
       Weltkriegstrümmer.
       
 (DIR) Historischer Bunker auf Helgoland: Rückzugsort in schweren Zeiten
       
       Bunker sind wieder Thema. Der auf Helgoland hat sogar eine gigantische
       Sprengung nach dem Krieg überstanden. Als Schutzraum heute taugt er aber
       nicht.
       
 (DIR) Das Russische Haus: Putins Außenposten mitten in Berlin
       
       Trotz des Krieges in der Ukraine geht der Betrieb im Russischen Haus in
       Berlin-Mitte weiter. Von Deutschland gibt es sogar Geld dafür.