# taz.de -- Gerüche in der Stadt: Schornsteine des Stillstands
       
       > Im Hamburger Stadtteil Hamm sollten 800 neue Wohnungen entstehen. Wenn
       > nur die Düfte aus der Tchibo-Fabrik nicht wären.
       
 (IMG) Bild: Nach was riecht's hier eigentlich so?
       
       Die Süderstraße in Hamburg-Hamm ist am Anfang ein Straßenstrich, und auch
       sonst ist sie fast so etwas wie die kleine Schwester der Straße des 17.
       Juni in Berlin: Sehr lang verläuft sie schnurgerade, und kurz vor dem Ende
       steht auf einem Kreisverkehr statt der Siegessäule eine 14 Meter hohe
       Granitsäule, obendrauf eine golden glänzende Nachbildung der Kogge des
       Piraten Störtebeker.
       
       Direkt daneben: das Störtebekerhaus, ein Bürogebäude, dessen Fassade an die
       Kontorhäuser am Rande der City erinnern soll. Schräg gegenüber steht das
       Hamburger Tchibo-Stammhaus. Jedes Jahr werden hier rund 60.000 Tonnen
       Rohkaffee verarbeitet, das entspricht etwa 120 Millionen Pfund Kaffee oder
       fast 9 Milliarden Tassen, hat das Hamburger Abendblatt mal ausgerechnet.
       Und weil man das Kaffeerösten riecht, ist der geplante Bau von 800
       Wohnungen nebenan bisher gescheitert.
       
       Gerüche prägen viele Orte in Hamburg, sie sind aber auf dem Rückzug. Als in
       der Rindermarkthalle zum Beispiel noch Tiere gehalten und auf der anderen
       Straßenseite geschlachtet wurden, roch es im Karoviertel nach Blut.
       [1][Heute ist die Halle ein Einkaufszentrum]. Die Holsten-Brauerei in
       Altona nebelte die Nachbarschaft regelmäßig mit einer Brau-Wolke ein,
       Anwohner bekamen als Entschädigung Bier geschenkt. Heute liegt das Gelände
       brach und [2][wartet seit Jahren auf die geplanten neuen Wohnungen].
       
       Klar, am Kiez haftet diese Urinkotzealkoholnote, in engen Altbauvierteln
       wie in Eimsbüttel miefen die rosa Müllsäcke auf der Straße, weil hier kein
       Platz für Mülltonnen ist. Und neulich roch es in Ottensen, einem dicht
       bebauten Viertel nahe der Elbe, tagelang nach Erbrochenem: Jemand hatte
       Buttersäure auf die Fassade eines kleinen portugiesischen Restaurants
       gekippt. Vielleicht aus Protest, man weiß es nicht, bekannt hat sich
       niemand bisher. Es ist heute wohl so: Wenn die Stadt riecht, gibt es ein
       Problem.
       
       ## Feines Röstaroma in der Luft
       
       An diesem sonnigen und windstillen Spätsommertag in Hamm hängt hauchzartes
       Röstaroma über den beiden staubigen Sportplätzen mit rotem Aschebelag.
       Hier, direkt neben Tchibo, sollen eigentlich die neuen Wohnungen entstehen.
       Einer der beiden Plätze ist schon fast vollständig zugewachsen. Das Gelände
       ist mit Absperrgittern umstellt, die Steintribünen von Gras überzogen. Aus
       dem Vereinsgebäude des SC Hamm, in dem ein Jugendclub seine Räume hat,
       dringen Stimmen, ein paar Jungs sind drin und spielen irgendwas, das
       poltert.
       
       Das [3][neue Quartier namens Osterbrookhöfe] soll sich genau hier zwischen
       die Rotklinker-Zeilenbauten einfügen, die im Ende des Zweiten Weltkriegs
       fast vollständig zerstörten südlichen Hamm gebaut wurden. Es geht um 800
       Wohnungen, Kita, Nachbarschaftstreffpunkte, was eine Stadt mit Wohnungsnot
       eben so braucht. Von Anfang an war man mit Nachbar Tchibo im Gespräch, denn
       dass der Kaffeegeruch ein Problem sein würde, [4][war allen Beteiligten
       klar]. Neue Wohnungen müssen zu potenziell lästigen Geruchsquellen einen
       größeren Abstand einhalten als Sportplätze. Zum Schutz der Bewohner. 2017
       starteten die Planungen, und 2027 sollte alles fertig sein. Doch bisher
       wächst buchstäblich nur Gras über die Sache.
       
       Dabei braucht Hamburg dringend Wohnraum. Die Stadt hat sich mit dem
       [5][„Bündnis für Wohnen“ zum Ziel gesetzt], jedes Jahr mindestens 10.000
       Wohnungen zu genehmigen. Jeder der sieben Bezirke muss seinen Teil
       beitragen. Der Bezirk Mitte, zu dem Hamm gehört, muss pro Jahr im Schnitt
       1.400 neue Wohnungen schaffen. Die Osterbrookhöfe sind mit 800 Wohnungen
       also kein Kleinvieh.
       
       An vielen Tagen bemerkt man den Kaffeegeruch kaum. An anderen Tagen ballert
       er einem direkt in die Nase, dieser verbrannte Toastbrot-Geruch, der
       entsteht, wenn Kaffee geröstet wird. Das Imissionsschutzgesetz behandelt
       diesen Geruch wie den eines Schweinestalls oder einer Chemiefabrik.
       
       ## Erhebliche Belästigung
       
       Auch wenn Kaffeeduft sicherlich nicht so lästig fällt wie die Ausdünstungen
       Hunderter Schweine, gilt er juristisch als „erhebliche Belästigung“. Eine
       EU-Richtlinie besagt, dass Wohnungsneubau an Orten mit starker
       Geruchsbelastung nur genehmigt werden darf, wenn die Belastung nachweislich
       unter den Grenzwerten liegt.
       
       Was tun? Die Stadt will, dass Tchibo seine silbernen Schornsteine oben auf
       dem Fabrikdach, die an glänzende Zwiebeltürmchen erinnern, erhöht. Damit
       der Kaffeeduft hoch oben über die neuen Mieter hinwegweht. Zahlen soll:
       Tchibo. Tchibo lehnt das ab und hat Klage gegen die Schornstein-Anordnung
       der Hamburger Umweltbehörde eingereicht.
       
       Nur einen Steinwurf außerhalb der Geruchsbelästigungszone stehen bereits
       einige neue mehrstöckige Wohnhäuser mit geräumigen Balkonen an einem Kanal,
       der in die nahe Bille fließt. Ein Paar steigt am Steg hinter den Häusern in
       sein aufblasbares Kanu und paddelt davon, es klingt gut, wie die Paddeln
       ins Wasser stechen.
       
       Gegenüber dümpeln kleine Boote, sie gehören zu den üppig mit Gartenzwergen
       bestückten Schrebergärten. Es riecht nach Wasser und Sonne.
       
       16 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neueroeffnung-der-Hamburger-Rindermarkthalle/!5031766
 (DIR) [2] /Spekulationsgrundstueck-Holsten-Areal/!6128018
 (DIR) [3] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/bezirke/mitte/themen/planen-bauen-wohnen/hamm3-leitartikel-68034
 (DIR) [4] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F97672%2F23_01807_stillstand_auch_in_hamm_sued_mit_den_osterbrookhoefen_kommt_ein_weiteres_wichtiges_wohnungsbauprojekt_in_hamburgs_osten_nicht_voran#pagemode=none&search=tchibo&phrase=false&parldokSearchResults=tchibo
 (DIR) [5] /Hamburg-verlaengert-Buendnis-fuer-Wohnen/!6163614
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ilka Kreutzträger
       
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