# taz.de -- „Propadanga“-Theater in Hannover: Trügerisch unterhaltsamer Generationenzwist
> Nils Zapfes „Propadanga“ spielt dem Publikum nicht nur etwas über die
> Mechanismen von Desinformation und Demagogie vor – es erfährt sie am
> eigenen Leib.
(IMG) Bild: „Kann eine Lüge zur Wahrheit werden, wenn sie oft genug wiederholt wird?“
Ein, zwei, drei „Kackvögel“: So werden die Weißclowns genannt, die zum
Unterhaltungsprogramm laden. Eines, wie es gut vorstellbar ist auf
Hochzeits- oder Geburtstagsfeiern: Es gibt Spiele, Preise, Witze, Lieder,
Tänze, alberne Plaudereien, Fragen ans Publikum, Fotos und Erzählungen aus
Kindheitstagen. Dazwischen sind ein paar ernste Anmerkungen platziert.
„Propadanga“ nennt Autor und Regisseur Nils Zapfe diese Performance auf
einer Showtreppe am Staatstheater Hannover. Die verdrehten Buchstaben im
Titel sollen klarmachen: An diesem Abend soll alles „funny und charming“
sein. Eine anheimelnd locker-lustige Atmosphäre wird erzeugt. Nicht, um
sich mit Mechanismen der Beeinflussung des Denkens, Fühlens, Handelns von
Menschen kritisch auseinanderzusetzen. Sondern um sie zu praktizieren. Auf
dass jeder im eigenen Leib erfahre, wie Propaganda (ohne verdrehte
Buchstaben) funktioniert.
## Publikum wird umsortiert
Um die Zuschauenden aus ihren Bezugsgruppen zu holen und in eine neue, nun
etwas verunsicherte, für Demagogisches empfänglichere Gesellschaft zu
bringen, werden sie genötigt, sich dem Alter gemäß zu platzieren. Bis alle
richtig sitzen, vom 9-Jährigen unten links bis zur 70-Jährigen oben rechts
auf der Tribüne, das dauert.
Dann geht es los: mit der Behauptung, die Erwachsenen hätten schon immer
über die Jugend geschimpft. Elterliche Maßregelungssätze werden vorgetragen
und kulminieren in dem Satz: „Jeder Ratschlag ist ein unsichtbarer
Baseballschläger.“ So sollen sich Jugendliche emotional abgeholt fühlen:
Diese Stückentwicklung ist für „Menschen ab 13 Jahren“ und ganz viele
Schulvorstellungen gedacht.
In sachlichem Tonfall kommt dann zum Vortrag, es gebe überhaupt keine
wissenschaftlichen Belege dafür, dass Deutsche erst mit 18 Jahren
volljährig sein dürfen. Vielleicht sollen die sogenannten Minderjährigen
nur möglichst lange als Minderwertige behandelt werden? Das Älteren-Bashing
läuft auf eine These zu: Unsere Welt steht an einem Kipppunkt – „Gletscher
brennen, Bomben fallen, Wälder schwinden, doch keine Argumente wollen
zünden“ – und schuld sind, natürlich, die Erwachsenen. Sie seien es, die
„eine Zukunft ohne Angst“ verhinderten, von der eine unschuldige Jugend
träume.
Die unangenehme Stimmungsmache wirkt zunehmend grotesk, jedes Augenzwinkern
fehlt. Stattdessen wird mit freundlicher Selbstverständlichkeit
eingeworfen, es gebe viel mehr alte als junge Wahlberechtigte. Deswegen
müssten zwei Forderungen durchgesetzt werden: „Wahlrecht ab Geburt“ und
dass bei demokratischen Entscheidungen die Stimmen nach Alter abgestuft
gewertet werden: siebenfach für 0- bis 10-Jährige, einfach für 70-Jährige.
Mit dieser Maßgabe wird das Publikum selbst zur Abstimmung gebeten: Sollen
alle Ü40 aus der weiteren Vorstellung ausgeschlossen werden? Intendant
Vasco Boenisch, 46, ist dafür, die Mehrheit dagegen. So darf auch der
Rezensent bis zum Ende bleiben: Da wird das Publikum dazu aufgefordert, die
frisch erprobte Schwarz-Weiß-Sicht mit in die Welt da draußen zu nehmen.
## Doppelbödige Desinformation
Es endet also ein scheinbar skandalös unreflektierter Abend, mit dem das
überzeugende Entertainer:innentrio Shirin Eissa, Nils Rovira-Muñoz
und Anne Stein Bevölkerungsgruppen gegeneinander scheint aufwiegeln zu
wollen: Können anwesende Jugendliche, als Gute dargestellt, sich nicht cool
und überlegen fühlen? Nicht ganz.
Für den Heimweg bekommen die Zuschauer:innen jedes Alters einen QR-Code
ausgehändigt. Nach dem Klick zeigen Zapfe und die Seinen minutiös auf, wie
sie für „Propadanga“ Informationen und Meinungen vermischt haben,
Vereinfachungen, Übertreibungen und Wiederholungen genutzt, an Angst, Hass
und Stolz appelliert; bestehende Vorurteile haben sie aufgegriffen und
verstärkt, Aussagen sollten durch Verzerrung, Halbwahrheit und Lüge
glaubhaft gemacht werden. Und sie legen offen, auf welche Beispiele vor
allem aus der NS-, aber auch der Trump-Zeit sie sich dabei beziehen. Da
kann also jede:r nachlesen, wie er:sie verarscht wurde.
Bei, eben, nicht gespoilertem Zugang funktioniert „Propadanga“ als eine Art
betreute Selbsterfahrung. Der Abend ist eine aufregend gelungene Übung,
resilienter zu werden gegen Desinformationskampagnen.
29 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
## TAGS
(DIR) Theater
(DIR) Hannover
(DIR) Populismus
(DIR) Desinformation
(DIR) Donald Trump
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