# taz.de -- Abramovićs „Balkan Erotic Epic“: Wie man den Regen bezwingt
> Immersives Theater in Duisburg: Bei der Ruhrtriennale verklärt
> Performance-Legende Marina Abramović mit einer spektakulären Show
> archaische Balkan-Riten.
(IMG) Bild: Kann man so „Die Götter erschrecken, um den Regen aufzuhalten“? Ting Lee in „Balkan Erotic Epic“
Vor einem Jahr war bei dem Festival „Transart“ in Bozen die mehr als 25
Jahre alte Performance „The composer“ von Marina Abramović zu sehen,
reenacted von der irischen Künstlerin Kira O’Reilly. Auf der Bühne saß das
Spitzenensemble Klangforum Wien als „Frozen Orchestra“, in aktiver
Spielhaltung, aber lautlos, auf einem Steg davor balancierte O’Reilly mit
einer lebendigen Schlange in den Händen einen zarten und zugleich
kraftvollen Zeitlupentanz.
Das war eine subtile Reflexion über stumme Präsenz, das Phänomen der Musik
als gestaltete Zeit und das archetypische Bild einer Frau mit Schlange.
Eine hoch konzentrierte Abramović-Arbeit aus jener Zeit, als ihre Kunst
noch eher ein Randphänomen für Eingeweihte des Kunstbetriebs war. Das ist
lange her. Inzwischen ist Abramović längst eine Marke des
Achtsamkeits-Zweigs der Kunstwelt und im globalen Mainstream angekommen.
Große Retrospektiven in Amsterdam, Zürich und Wien belegen das und der
Höhepunkt ihrer Popularität wird nun mit der vierstündigen Marathon-Show
„Balkan Erotic Epic“ erreicht, die von [1][der gleichnamigen,
dauerausgebuchten Berliner Ausstellung] – quasi eine kürzere Soft-Version
der nun in Duisburg gezeigten Performance – im Frühjahr sozusagen
eingeläutet wurde. Mit diesem langen PR-Vorlauf ist die Duisburger Show,
die im Rahmen der [2][Ruhrtriennale] läuft ein clever kalkulierter Erfolg.
Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Marina Abramović, die bald 80-jährige
Königin der Performance-Kunst ist längst auch eine Königin der
Selbstvermarktung.
Als ihre „ambitionierteste Arbeit“ bezeichnet sie diese Recherche zu
Erotik, Folklore, Sexualität und Tod, mit der sich die Künstlerin auf
[3][ihre serbischen Wurzeln] und die archaischen Sterbe- und
Fruchtbarkeits-Rituale des Balkans besinnt. Vorab hieß es, es sei sexuell
Explizites zu sehen, Genitalien, schmerzhafte Rituale würden Grenzen
überschreiten, Trigger-Warnungen und eine Freigabe erst ab 18 Jahren
steigerten die Sensationslust. Und dann auch noch die Ansage: Strengstes
Handy-Verbot, um die Nacktheit der Performenden zu schützen.
## Abramović mit Sicherheitsabstand?
So werden am Eingang verschließbare Täschchen für die Telefone verteilt,
Heerscharen von Personal verteilen diese, erklären das Procedere, bewachen
später unerbittlich den Sicherheitsabstand des Publikums zur den
Performenden und die mäandernden Wege durch die 13 Stationen der Show im
Riesenraum der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg Nord. Abramović
mit Sicherheitsabstand? Das Gegenteil davon war einst einer der
Grundpfeiler ihres Konzepts.
Sitzgelegenheiten gibt es kaum, denn die gigantische Bühnen-Installation
ist als immersives Theater gedacht. Immersiv heißt nach dem Einmarsch im
Gefolge der einen Trauermarsch intonierenden Brassband erst einmal nur: Man
sieht nichts. Etwa 1.200 Menschen drängen sich um die Stationen, erst als
nach einer Stunde erste Ermüdungserscheinungen einsetzen und sich der
Catering-Bereich allmählich füllt – man darf jederzeit hinein- und
hinausgehen –, kann man die Performances einigermaßen komplett erfassen.
Die erste ist sogar im Gedränge gut zu erfassen, „Titos Beerdigung“ zeigt
einen Altar, auf dem die Sängerin Svetlana Spajić als Hohepriesterin thront
und Klagelieder singt. Auf der rückwärtigen Videoleinwand sieht man eine
Schar von Kopftuchfrauen sich rhythmisch auf die Brust schlagen – ein
Trauerritual des Balkans – unter ihnen entdeckt man auch Abramović selbst,
deren Eltern Tito-Partisanen waren. Dahinter eine der zentralen Stationen,
die Sexualität als Urkraft feiern und sich angeblich auf historische
Rituale beziehen: Fünf Performerinnen vor einer Videoleinwand in
Folklore-Gewändern heben ihre bunten Röcke, strecken ihre nackten Vulven
gen Himmel, verharren mit gespreizten und stimmen abrupt traditionelle
Gesänge an. „Die Götter erschrecken, um den Regen aufzuhalten“, heißt die
Installation, das Video dahinter zeigt ähnliche Szenen.
Nur im Video zu sehen ist „Slawische Seele“, zehn Männer in Tracht mit
entblößten Penissen stimmen einen tiefen Kehlgesang an – leider werden die
archaischen Klänge vom Rummel nebenan übertönt, sodass das eine tonlose
Fleischbeschau wird. Sehr konkret und unfreiwillig komisch dagegen die
Performance „Den Boden ficken“, bei der eine Handvoll Nackter auf dem Bauch
liegend in einen Plastik-Rollrasenteppich hineinrammelt, ein angeblich
uraltes Fruchtbarkeitsritual für trockene Großwetterlagen.
Es gibt auch Skulpturales, etwa fünf Riesen-Phalli, die wie urzeitliche
Pilze aus dem mit schwarzem Flausch-Rasen bedeckten Hallenboden wachsen.
Dann gibt es eine Balkan-Kneipe, in der anfangs nur ein paar Ladys mit
schwarzer Pillbox auf dem toupierten Kopf offenbar auf eine Trauerfeier
warten. Später füllt sich die Kneipe, es wird kraftvoll gesungen und
stampfend auf dem Dach getanzt.
Anderswo werden Bräute auf die Hochzeit vorbereitet, stundenlang mit Milch
übergossen oder unter Häkeldecken liegend maskenhaft geschminkt. Ganz
hinten kann man einer Orgie beiwohnen, die derart minutiös choreografiert
wurde, dass sie völlig aseptisch und harmlos wirkt. Da massieren nackte
Frauen erst ihre Brüste, liebkosen dann Skelette, bevor das Orgien-Ballett
anhebt. Davor haben die Veranstalter in weiser Voraussicht ein paar
Stuhlreihen platziert. Klar, das will man doch in Ruhe sehen!
Insgesamt liegt über dem Abend mit viel wabernder Musik aus der Konserve
eine Zuckerschicht aus Ethno- und Eso-Kitsch, zudem stören sich die
Performances schon akustisch gegenseitig. Zum Innehalten regt das gerade
nicht an. So hat das Ganze etwas von einem Jahrmarkt, ein penetrant lautes,
buntes, seltsam leerlaufendes Spektakel.
6 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Marina-Abramovic-in-Berlin/!6171105
(DIR) [2] /Ende-der-Ruhrtriennale/!6111496
(DIR) [3] /Das-Studentische-Kulturzentrum-Belgrad/!6106026
## AUTOREN
(DIR) Regine Müller
## TAGS
(DIR) Marina Abramovic
(DIR) Theater
(DIR) Performance-KünstlerIn
(DIR) Performance
(DIR) Erotik
(DIR) Balkan
(DIR) wochentaz
(DIR) Tanz
(DIR) Berlin Ausstellung
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Einfluss der AfD auf die Kultur: Stärkt das die Identität?
Die AfD fordert in Sachsen-Anhalt eine Patriotismusklausel für die Kultur.
Theater fürchten Kürzungen nach der Wahl, wenn die Kulturbudgets neu
verhandelt werden.
(DIR) Berliner Festival Tanz im August: Fürchten Fledermäuse den Klimawandel?
Am Wochenende ging das Berliner Festival Tanz im August zu Ende. Dort wird
Tanz als politische Kraft mit Wechselwirkung verstanden.
(DIR) Marina Abramović in Berlin: Die Vulva im Ritus
Performancekünstlerin Marina Abramović ist zurück in Berlin. Der Gropius
Bau zeigt ihr Werk „Balkan Erotic Epic“ zwischen kritischer Körperkunst und
Kitsch.