# taz.de -- Einfluss der AfD auf die Kultur: Stärkt das die Identität?
> Die AfD fordert in Sachsen-Anhalt eine Patriotismusklausel für die
> Kultur. Theater fürchten Kürzungen nach der Wahl, wenn die Kulturbudgets
> neu verhandelt werden.
(IMG) Bild: Proben im Theater Magdeburg für das Stück „Wunde Stadt“ über den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt
Sie stehen da in Stein gemeißelt, die fünf Musen im Brunnen, und künden von
der Schönheit der Künste. Heute bekommen sie Besuch. Zwei Performerinnen
wuseln in Rattenkostümen mit langen dicken Schwänzen über den Platz und
probieren Klamotten an. Ein Infostand bietet Flyer zur Kunstfreiheit, und
an einem Glücksrad können Flanierende Freikarten für Kulturveranstaltungen
gewinnen.
Die Menschen in der Fußgängerzone eilen vorüber, einige bleiben stehen,
schauen und amüsieren sich an einem der heißesten Tage des Sommers mit
diesen tapferen Kämpfer*innen der freien Szene. In Halle veranstalten
sie an wechselnden Orten, immer am Dienstagnachmittag, ihre „Kunstgebung“,
um vor der Landtagswahl im September ein Signal zu setzen für die Freiheit
der Kunst – die sie bedroht sehen, wenn die AfD in welcher Form auch immer
an die Macht kommt.
Einen Vorgeschmack lieferte die AfD-Landtagsfraktion im Juni mit einem
Antrag zur Kulturförderung. Demnach soll die Förderung von Kultur an ein
Bekenntnis zur deutschen Nationalkultur gebunden sein. Deutschland dürfe
nicht verächtlich gemacht werden, fordert die AfD. Geförderte Projekte
sollten laut Antrag ein „Mindestmaß an Loyalität gegenüber dem
demokratischen Gemeinwesen, dem Land Sachsen-Anhalt und der deutschen
Kulturnation erkennen lassen“.
## Die Patriotismusklausel
Das Wort von der Patriotismusklausel machte die Runde. [1][Der zweite
Vorsitzende der Landes-AfD und für seine rechtsextremen Positionen bekannte
Thomas Tillschneider] forderte deutsche Kunst statt antideutscher Kunst.
Die Theaterleute waren nun wach.
Dass die AfD bei einem Wahlerfolg entsprechende Gängelungen durchsetzen
wird und sich selbst einen Hebel schafft, um missliebigen Projekten und
Institutionen Mittel zu streichen, ist offensichtlich. Das Wahlprogramm ist
unmissverständlich: „Deshalb werden wir mit Staats- und Steuergeld
vorwiegend solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher
Identitätsfindung leistet.“
Inhaltlich ist das ebenso vage wie bedrohlich und sorgt für Kopfschütteln.
„Mehr Identität wird hier in Stendal mit Sicherheit nicht geschaffen, wenn
wir nur Schiller, Goethe und Botho Strauss spielen. Dann könnte man das
Theater wegen geringer Zuschauerzahlen wahrscheinlich relativ schnell
wirklich schließen“, befindet Dorotty Szalma, Intendantin des Theaters der
Altmark mit Hauptsitz in Stendal.
## Angst vor Selbstzensur
Sie kann mit dem Begriff der deutschen Identität nicht viel anfangen, hat
aber beobachtet, wie die Fidesz-Partei in ihrem Heimatland Ungarn das
Theater umgebaut und Theatermacher*innen eingeschüchtert hat. „Es
entstand eine Atmosphäre der Angst, die Selbstzensur führte. Genau das
dürfen wir hier nicht zulassen.“
In ihrer Spielplangestaltung setzt Szalma daher auch auf Kritisches aus der
deutschen Geschichte wie „Jugend ohne Gott“ von Ödon von Horvath oder
[2][„Aus dem Nichts“ nach Fatih Akins Film] über einen rechtsextremen
Terroranschlag. Sehr erfolgreich läuft auch „Mephisto“ nach dem Roman von
[3][Klaus Mann] in der Regie von Andrea Maria Brunetti.
Bezieht das Theater also Position mit Stoffen, die wahrscheinlich nicht in
den national-identitären Kanon der AfD-Kulturwüteriche fallen? „Natürlich
positioniere ich mich – für eine bessere Welt, für all das, was eine
Gesellschaft lebenswerter macht. Theater kann nicht grundlos existieren, es
braucht eine Haltung, einen Anlass, eine Notwendigkeit“, so Szalma. „Aber
dieser Grund darf dem Theater nicht von außen vorgegeben werden. Er muss
aus der Kunst selbst entstehen – aus dem, was uns beschäftigt und was wir
erzählen wollen.“
## Was ist ein patriotischer Spielplan?
Ganz ähnlich sieht das ihr Magdeburger Intendantenkollege Julien Chavaz. Er
befürchtet vor allem die Gefahr einer Spaltung der Kulturszene, wenn einige
Akteure dem Druck solcher rechtswidrigen Auflagen nachgeben. „Was wäre denn
überhaupt ein patriotischer Spielplan? Kann man sich das vorstellen? Ich
habe da Schwierigkeiten.“ Sicher ist, dass mithilfe des Bühnenvereins
schnell gegen ein entsprechendes Gesetz oder einen Förderpassus geklagt
würde – bis vor das Bundesverfassungsgericht. Aber so ein Prozess dauert.
Denn neben allen diesen inhaltlichen Überlegungen gibt es ein
Damoklesschwert, das nach der Wahl über allen Theatern von Sachsen-Anhalt
hängt. Die Theaterverträge, in denen Kommunen, Landkreise und das Land die
Finanzierung der Häuser festzurren, laufen 2028 aus und müssen spätestens
ab Dezember neu verhandelt werden. Die Theater sitzen dabei noch nicht
einmal mit am Tisch. Der Kürzungsdruck ist enorm, und eine AfD, welche die
Kulturpolitik zum ideologischen Schlachtfeld erklärt, hätte auf einmal
enorme Hebel in der Hand. Ungarn lässt grüßen.
Hinzu kommt die Mobilisierungsfähigkeit des rechten Milieus. Als es im
November 2025 zu [4][Protesten gegen das damals noch nicht einmal
geschriebene Stück] [5][„Wunde Stadt“ am Theater Magdeburg] kam, das den
Terroranschlag gegen den Weihnachtsmarkt verhandeln sollte, wussten
Rechtsextreme diesen Protest gekonnt für sich zu vereinnahmen. Zwar hielt
sich die AfD in Sachsen-Anhalt bisher mit politischen Anfragen zu Theatern
oder orchestrierten Shitstorms zurück, aber das muss nicht so bleiben.
## Dialogangebote aus der Kultur
Wie die AfD im Land schon jetzt Einfluss nimmt auf die Kultur, um
unliebsame Mitspielende zu verdrängen, zeigt das Beispiel
Bitterfeld-Wolfen, wo die AfD im Stadtrat und im Kreistag jeweils die
stärkste Fraktion stellt. Dort gibt es seit 2021 das [6][OSTEN Festival]
für Kunst und gegenseitiges Interesse. Hier wird Theater gezeigt, das in
Zusammenarbeit mit anderen Häusern entsteht, und es finden partizipative
Projekte statt, die die Menschen zusammenbringen sollen: Dialogangebote aus
der Kultur heraus.
Der Gegenwind ist spürbar, etwa bei der Vergabe von Räumen und Flächen,
aber für [7][Aljoscha Begrich], Teil der Festivalleitung, ist das auch
motivierend: „Wir haben natürlich, weil wir so prekär sind, auch eine
größere Anpassungsfähigkeit. Also wird es wieder subversiver.“ Auf der
anderen Seite gelten die Vorgänge in Bitterfeld als Blaupause, wie mit
unliebsamen Kulturaktivist*innen umgegangen werden soll.
Die ohnehin prekär finanzierten freien Projekte haben es meist schwer genug
über die Runden zu kommen. Neben der spärlichen Landesförderung – insgesamt
stehen rund 800.000 Euro pro Jahr zur Verfügung – zapfen die meisten auch
andere Töpfe an.
## Überlebensmodus, Zersplitterung, Abwanderung
„Wenn die AfD gewinnt, sehe ich die freie Szene in den nächsten vier Jahren
im reinen Überlebensmodus“, sagt Regisseur und Schauspieler Simon van
Parys, Teil des Konsortium Luft und Tiefe, einem Zusammenschluss freier
Theaterleute aus Halle, Leipzig und Berlin. Er befürchtet eine
Zersplitterung, kleinere Projekte und im schlimmsten Fall Abwanderung.
Schon für die aktuelle Sommertheaterproduktion hat das Konsortium elf
Anträge gestellt, von denen neun bewilligt wurden. Die Landesebene spielt
da eine Rolle. Und auch bei anderen Geldgebern der öffentlichen Hand drohen
Stagnation und Kürzungen. „Beim Publikum zahlt sich Kontinuität aus, und es
ist viel einfacher, etwas zu zerstören als aufzubauen“, so der gebürtige
Belgier, der seit 1995 in Halle Theater macht.
„Wir sind Kämpfen gewohnt“, sagt auch Nicole Tröger vom WUK Theater
Quartier, einer freien Spielstätte in Halle. Zwar wisse man aktuell nicht,
wie es werde, aber besser werde es sicher nicht. Sie hat das Format der
Kunstgebung mitentwickelt und tritt vor der Kirche als eine der Ratten auf:
komisch, absurd, partizipativ.
## Sich-Fühlen wie die Maus vor der Schlange
Stärkt das die deutsche Identität? Wer weiß. Aber es ist ein dadaistischer
Moment des Freiseins, die gelebte Freiheit in der Kunst und ein Manifest
für die Freiheit der Kunst. Diese Freiheit, da sind sich alle einig, gilt
es zu bewahren, zu verteidigen. Komme, was da wolle. Wenn es so weit ist.
Zurzeit aber fühlt es sich an, als säßen sie alle wie die Maus vor der
Schlange.
Schaut man ins Wahlprogramm der AfD, findet sich übrigens tatsächlich ein
klar benanntes deutsches Kulturgut: das private Silvesterfeuerwerk. Deutsch
ist, wenn es pufft und knallt. Eine wahre Ode an die Freude.
31 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Torben Ibs
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