# taz.de -- Vor den Landtagswahlen: Was die Arbeiterklasse denkt
       
       > Die AfD schneidet vor allem in der Arbeiterschaft gut ab. Die taz hat in
       > Magdeburg und Rügen nachgehakt, was die Menschen bewegt und was sie
       > umstimmen würde.
       
 (IMG) Bild: Außerhalb von Magdeburg: Hier werden Russland und die Reichsmarine ausgeflaggt
       
       Fast hätte das Interview zu einem Ehestreit geführt. „Das bringt doch
       nichts mit der Lügenpresse“, krakeelt der Grauhaarige, als die
       taz-Reporterin seine Frau in der Magdeburger Innenstadt anspricht. Er
       grapscht nach dem Handgelenk der adretten Blonden und versucht, sie weiter
       zu zerren. „Mit wem ich rede, entscheide immer noch ich“, feuert sie
       zurück.
       
       Dann reißt sie sich los, macht auf dem Absatz kehrt und wendet sich der
       Reporterin zu. „So, was wollen Sie wissen? Ich bin gut informiert“, beginnt
       sie das Gespräch. Der Mann stapft davon. „Ich werde AfD wählen“, erklärt
       sie im zweiten Satz. Dass die AfD die Demokratie abbauen könnte,
       kommentiert sie nur mit: „Jeder hat seinen Makel.“
       
       So sehr der Sieg der Rechtsextremen am Sonntag in Sachsen-Anhalt zu
       befürchten ist, so sehr haben auch viele Akteure der Region gezeigt:
       [1][Aufgeben ist keine Option]. Und: Nach der Wahl ist immer auch vor der
       Wahl, zum Beispiel der Bundestagswahl 2029. Den anderen Parteien bleibt
       nichts anderes übrig, als zu versuchen, Stimmen zurückzugewinnen. Besonders
       viele haben sie in der Arbeiterklasse verloren. Aber es entscheidet sich
       mit 30 Prozent bislang nur eine Minderheit von ihnen für die rechtsextreme
       Partei – obwohl [2][das bürgerliche Feuilleton teils einen anderen Eindruck
       vermittelt.]
       
       Dazu zählen neben den Lohnabhängigen, etwa in der Industrie, auch Menschen
       im Dienstleistungssektor, Soloselbstständige und Arbeitslose. Sie gehören
       unter anderem zu den Geringverdienenden in der Gesellschaft und umfassen
       ungefähr 16 Millionen Menschen. Bei der letzten Bundestagswahl schnitt die
       AfD in der Arbeiterschaft um [3][9 Prozentpunkte besser ab als in der
       Gesamtbevölkerung]. Was bewegt sie?
       
       ## Unzufriedenheit durch rechte Propaganda
       
       „Wiktor, allet klar? Mittag oder watt?“ ruft der Schlosser über den Hof.
       „Kollege aus Kasachstan, guter Mann“, sagt er zur Reporterin – als wolle er
       belegen, dass er nichts gegen Ausländer habe. Der 43-Jährige arbeitet im
       Nordwesten von Rügen bei einem Charterbetrieb für Yachten.
       
       Es kann sein, dass er am 20. September bei der Landtagswahl in
       Mecklenburg-Vorpommern wieder AfD wählt. Er plappert rechte Fake News nach
       – etwa, dass die Grundschule im Nachbarort geschlossen worden sei, obwohl
       sie mit Millionen Euro saniert wird. Auch antisemitische Vibes kommen
       durch, wenn er „die Gier bestimmter Leute“ kritisiert, die aus seiner Sicht
       „nicht zufällig reich“ seien. Zur Familie gehören für ihn Vater, Mutter,
       Kind.
       
       Seine Familie wirkt dabei nicht ökonomisch abgehängt: Er besitzt mehrere
       Autos, seine Tochter ein Pferd. Die „große Unzufriedenheit“, die Herr D.
       verspürt, scheint eher durch rechte Propaganda ausgelöst worden zu sein.
       „Ich gehe trotzdem wählen und mach jetzt nicht ‚Sieg Heil!‘ wie andere
       hier“, betont er.
       
       Und siehe da, beim Thema Migration vertritt er humane Einstellungen:
       „Leute, die Schutz brauchen, sollen den bekommen.“ Das Arbeitsverbot für
       Geflüchtete nennt er „völlig schwachsinnig“, die Grenzkontrollen findet er
       hingegen in Ordnung. In seinem Musikverein könnten Migranten mitmachen,
       „wenn sie sich benehmen“. Nach diesem Halbsatz, den man für eine
       rassistische Suggestion halten könnte, folgt unerwartet eine feministische
       Aussage: „Junge Männer sind immer so voll mit Testosteron, egal ob deutsche
       oder nicht deutsche.“
       
       ## Wer kann und will wählen
       
       Anders als der Schlosser ist eine Barkeeperin mit akademischem Abschluss
       drauf. Die Mittdreißigerin arbeitet Vollzeit in einem Pub nahe dem
       Magdeburger Bahnhof und sagt der taz: „Ich kann es nicht mehr hören.“ Als
       Österreicherin ist sie „froh, wenn der ganze Zirkus am Sonntag vorbei ist“.
       
       Dürfte sie abstimmen, würde sie ihr Kreuz „eher nicht bei so einer extremen
       Partei“ machen. Stimmen von Menschen wie dieser Kellnerin könnten die
       demokratischen Parteien also erobern, ganz ohne sie von der AfD abwerben zu
       müssen – würden sie ihnen das Wahlrecht erteilen.
       
       Ein anderer Mann dürfte zwar, will aber nicht. „Ich glaube keinem einzigen
       Politiker mehr“, sagt der Pfandsammler in Magdeburg, sichtlich überrascht,
       dass die Reporterin ihn anspricht. Er schaut von einem Mülleimer auf, in
       dem er gerade gestochert hat. An seinem roten Fahrrad baumeln halbvolle
       Plastiktüten.
       
       Seinen Namen möchte der schmächtige Mann mit dem langen Bart, der von 300
       Euro im Monat lebt, nicht nennen. „Ich lese viel Zeitung – nämlich jede,
       die ich finde“, erklärt er. „Ich kenne noch den Sozialismus, das war viel
       besser, also die sozialen Errungenschaften“, sagt er lächelnd. „Merz ist
       ein Lügenkanzler und die AfD, das sind Nazis.“
       
       Er sei ein Linker. Aber die Linkspartei wählt er auch nicht. „Die ist doch
       eh zu schwach, um irgendwas umzusetzen“, resümiert er. Gibt es eine
       politische Maßnahme, die er sinnvoll fände? „Wenn sie die Pfandpreise
       erhöhen.“
       
       ## Rassismus auch ohne AfD
       
       Auch bei der ungelernten Kassiererin in Magdeburg habe die AfD „keene
       Schangse“, versichert die Mittfünfzigerin mit dem violetten Kurzhaarschnitt
       und den langen Fingernägeln. „Dann schon lieber die Gartenpartei“, sagt
       sie. „Nochmal Hitler“, darauf habe sie keine Lust. Aber dass in ihrem
       Viertel „viele Ausländer“ wohnen, findet sie nicht gut. Rassismus geht eben
       auch, ohne die AfD zu wählen.
       
       So unterschiedlich die rund 20 Menschen, mit denen die taz gesprochen hat,
       auch sein mögen, so haben sie eine Sache gemeinsam: Neben all den
       menschenverachtenden Einstellungen vertreten sie alle auch Forderungen, an
       die demokratische Parteien anknüpfen könnten.
       
       Eine Person mag bei einem Thema komplett im rechtsextremen Propagandatunnel
       stecken, bei einem anderen argumentiert sie aber wieder mit Fakten. Niemand
       dieser zufällig angesprochenen Leute gehörte zum Bodensatz der überzeugten
       Neonazis, die nicht mehr zu bekehren sind. Und ebenso wenig zu denjenigen
       AfD-Wählern, die eine unbewusste Sehnsucht nach Zerstörung antreibt.
       
       ## Mehr Schnittmenge mit Linken
       
       Selbst bei der Friseurin aus Magdeburg, die während des gesamten Gesprächs
       so gereizt klingt, als würde sie gerade wegen nächtlicher Lärmbelästigung
       bei der Polizei anrufen, findet sich ein Rest Vernunft. Und inhaltlich
       scheint es eindeutig mehr Schnittmengen mit Linken zu geben als mit der
       AfD: „Ich habe richtig viel gearbeitet, immer gestanden, eigentlich kann
       ich nicht mehr“, kritisiert sie die geplante Erhöhung des
       Renteneintrittsalters.
       
       Auch die hohen Preise stoßen ihr auf. „Von meinen Kunden kann sich kaum
       noch wer 'nen Schlüpper oder mal 'ne Schokolade leisten“, sagt sie. Deren
       Lage [4][wird die sozialchauvinistische AfD voraussichtlich nicht
       verbessern], im Gegenteil. Um sie zurückzugewinnen, sollten andere
       Parteien, „dafür sorgen, dass ich zum Arzt gehen kann und auch mal
       drankomme“, zetert sie.
       
       Und obwohl sie zurzeit „sehr fixiert auf die AfD“ ist, scheint sie sich
       nicht völlig mit der Partei zu identifizieren: „Ich geb' denen jetzt mal
       eine Chance. Wenn sie es verkacken, müssen sie wieder abtreten.“
       
       6 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Antifaschismus-in-Sachsen-Anhalt/!6204731
 (DIR) [2] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-03/arbeiterpartei-afd-spd-abstiegsangst-basf-ludwigshafen-kaiserslautern-landtagswahl-rheinland-pfalz
 (DIR) [3] https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/der-mythos-der-staerksten-klasse
 (DIR) [4] /Oekonom-Fratzscher-warnt-vor-AfD-Sieg/!6208712
       
       ## AUTOREN
       
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