# taz.de -- Geflüchtetenhelfer über Lage in Ceuta: „Wir werden mit dem Tod bedroht und durch die Stadt gejagt“
> Nolte Bauer hilft mit Mission Lifeline in Ceuta. Er erzählt von
> Bedrohungen und Angriffen und was die EU tun könnte, um die Situation zu
> entschärfen.
(IMG) Bild: Provisorische Unterkünfte stehen am Strand von Trampolín in der spanischen Exklave Ceuta
taz: Sie sind für die NGO Mission Lifeline in Ceuta, was genau machen Sie
dort?
Nolte Bauer: Mission Lifeline ist seit der ersten Augustwoche vor Ort und
versucht, das Schärfste abzumildern. Wir organisieren Schlafplätze, Essen
und auf den ersten Blick banale Dinge wie Aufladestationen für Handys,
damit Geflüchtete weiter mit ihren Familien in Kontakt bleiben können. Vor
den Camps bilden sich Schlangen an Geflüchteten, sobald unser Truck am
Horizont sichtbar ist. Bei Einbruch der Dunkelheit müssen wir unsere Arbeit
dann beenden.
taz: Wieso das?
Bauer: Die Camps sind noch die sichersten Orte für uns Einsatzkräfte.
Sobald wir als Helfer*innen erkannt werden, werden wir andauernd
gefilmt, bedroht und bedrängt. Nachts nimmt es ein Ausmaß an, dass wir
nicht mehr arbeiten können. [1][Noch bedrohter sind die obdachlosen
Geflüchteten.] Die haben aber keine Wahl, das Camp nimmt nur 30 bis 40 neue
Menschen am Tag auf. Sie müssen auf der Straße übernachten und [2][sind
rechtsextremen Mobs] und wütenden Anwohnern ausgeliefert.
taz: Wie erleben Sie die Stimmung generell vor Ort?
Bauer: Wir werden bei unserer Arbeit gestört und beleidigt – zum Glück
verstehe ich kein Spanisch. Jemand hat versucht, die Reifen unseres Trucks
aufzustechen. Vor einer Woche wurde unser Team in der Nähe einer rechten
Demonstration erkannt, wir wurden mit dem Tod bedroht und durch die Stadt
gejagt. Gemeinsam mit einem älteren marokkanischen Mann auf Krücken haben
wir uns in einer Tiefgarage versteckt – sonst hätte das schlimmer ausgehen
können. In der folgenden Nacht haben Rechte ein Geflüchteten-Camp
angezündet, nicht zum ersten Mal.
taz: Können Sie die Wut der Anwohnenden verstehen? Dass die Situation eine
Überforderung für die 80.000-Einwohner-Stadt sein kann?
Bauer: Die Einwohner*innen von Ceuta sind unfreiwillig in die Lage
versetzt worden, die Ideologie der EU auf ihrem Rücken auszutragen. Wir
haben Verständnis für Demonstrationen und wir finden auch, dass es nicht
adäquat ist, hier 5.000 bis 10.000 Menschen unterzubringen. [3][Aber den
vielen wohnungslosen Geflüchteten geht es deutlich schlechter als den
Spanier*innen in ihren Wohnungen.] Vor einigen Tagen mussten wir zwei
14-jährige marokkanische Jungs, die zusammengeschlagen und mit Pfefferspray
besprüht worden waren, versorgen. Die Reaktion der Anwohner war, dass sich
eine Traube aus Männern gebildet hat, die uns beschimpft haben und gesagt
haben, dass diese Jungs kriegen, was sie verdienen.
taz: Wie geht denn die Polizei mit den Geflüchteten um?
Bauer: Die Polizei geht mit überzogener Härte gegen die Geflüchteten vor,
der Schlagstock sitzt für kleinste Sachen sehr locker. Uns wurde mehrfach
berichtet, dass die Polizei und das Militär gerade nachts Gewalt gegen sie
ausüben, Telefone zerstören und Wertgegenstände klauen.
taz: Wie ist die humanitäre Situation vor Ort?
Bauer: Die Gesundheitsversorgung ist miserabel, das Rote Kreuz kommt gar
nicht mehr hinterher. Es werden Camps aufgebaut, um die Menschen von der
Straße zu bekommen, aber viel zu langsam. Menschen, die ihr Recht ausüben,
die Landesgrenze zu überqueren, um nach Asyl zu fragen, müssen am Strand
schlafen. Sie haben kaum Zugang zu sanitären Anlagen und sind immer wieder
der lokalen aufgestachelten Bevölkerung und Rechtsextremen ausgeliefert.
Das kann nicht das Maximum sein, was die EU zu bieten hat. Es gibt 452
Millionen Menschen in der EU, selbst wenn hier 100.000 Geflüchtete wären,
würde es niemand überhaupt merken, wenn alle verteilt auf die
EU-Mitgliedsstaaten geregelte Asylverfahren bekommen.
taz: Wie, denken Sie, wird es weitergehen?
Bauer: Unter dem öffentlichen Auge werden hier Geflüchtete misshandelt,
ohne dass es jemanden juckt, und ich befürchte, dass sich das Ganze hier
noch Monate zieht. Mission Lifeline setzt jetzt verstärkt Einsatzkräfte in
Ceuta ein, die sonst in Krisengebieten wie der Ukraine oder Afghanistan
arbeiten. Ohne die wäre unsere Sicherheit nicht zu gewährleisten. Das alles
ist das Ergebnis der Hetze von konservativen bis rechtsextremen Parteien,
die über Ceuta nur von Invasion, Strömen und Abwehr reden – das sind alles
Kriegsbegriffe.
6 Sep 2026
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## AUTOREN
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