# taz.de -- Berlins Linke und Nahost: Schmerzhafter Spagat
> Das Ausbrechen des Nahostkonflikts in der Linken ist kein Zufall. In der
> neuen Fraktion wird der Palästina-Flügel aber keine dominierende Rolle
> spielen.
(IMG) Bild: Für viele Linke an der Basis ist das Thema Palästinasolidarität enorm wichtig
Zwei Textzeilen, mehr war nicht nötig, um den Nahostkonflikt wieder zurück
in den Berliner Wahlkampf zu bringen. „Yallah, yallah, Intifada, Westbank,
Palästina, Gaza“ und „Death, death to the IDF“ rappte Dahabflex auf einer
Wahlkampfveranstaltung der Linken am Samstagabend auf dem Neuköllner
Herrfurthplatz. Der Shitstorm der folgte, war erwartbar: Der Tagesspiegel
schrieb vom „offenen Judenhass“, CDU, SPD und Grüne warfen der Linken ein
Antisemitismusproblem vor, [1][die Linke-Parteispitze distanzierte sich
schleunigst.]
Aus dem Linken-Bezirksverband heißt es, es sei nicht abgesprochen gewesen,
dass Dahabflex diesen Song spiele. Doch ein Zufall ist der Skandal nicht,
vielmehr ist er Ausdruck eines ungelösten Widerspruchs. Die Linke will
regieren, Elif Eralp bewirbt sich selbstbewusst als nächste
Bürgermeisterin, mit potenziellen Regierungspartnern will man es sich nicht
verscherzen, die Nahost-Thematik würde man am liebsten gänzlich umschiffen.
Auf der anderen Seite sucht die Partei den Anschluss an soziale Bewegungen,
in der die Solidarität mit Palästina einen ähnlich hohen Stellenwert wie
die Enteignungsfrage hat.
Betrachtet man den bisherigen Wahlkampf, ist dieser Spagat den Linken
erstaunlich gut gelungen. Die Kampagne von Spitzenkandidatin Eralp
konzentriert sich eng auf das Soziale. „Berlin wieder bezahlbar machen“ –
um diese Kernbotschaft gruppieren sich konsequent alle anderen Forderungen:
Vergesellschaftung umsetzen, Mieten deckeln, Öffi-Preise einfrieren,
Kiezkantinen eröffnen.
Kontroversere Themen, wie Kritik an Polizei, Aufrüstung und Überwachung
oder eben das repressive Vorgehen gegen die palästinasolidarische Bewegung,
sparte die Partei lieber aus. Mit Erfolg – in den jüngsten Umfragen hat die
Linke sich als stärkste Kraft etabliert. Ein Erfolg, der auch auf der
tatkräftigen Unterstützung junger Bewegungslinker basiert, die in den
vergangenen Jahren in Scharen in die Partei eingetreten sind und sich im
Haustürwahlkampf die Finger wund klingeln. Mittlerweile ist die Partei mit
über 18.000 die mitgliederstärkste Partei Berlins.
## Kein Verständnis fürs Schweigen
Ein [2][nicht unwesentlicher Teil der Basis ist jung und idealistisch,]
viele von einem überwiegend propalästinensischen Diskurs an den
Universitäten geprägt. Für sie ist es unverständlich, warum es ihrer Partei
so schwerfällt, die deutsche Beteiligung am Genozid in Gaza offen zu
thematisieren.
Es sind ebenjene Basismitglieder, die jetzt besonders enttäuscht sind von
der schnellen Distanzierung der Spitzenkandidatin Eralp und der
Parteivorsitzenden Kerstin Wolter, heißt es vertraulich aus dem
Bezirksverband Neukölln. Besonders schmerzhaft sei, dass Eralp und Wolter
indirekt mit ihren Statements den Vorwurf bestätigen, Dahabflex hätte mit
dem Demoslogan „Tod der IDF“ zur Gewalt gegen Zivilisten aufgerufen. „Ein
Aufruf zur Tötung von Zivilisten und Soldaten geht gar nicht“, sagte Wolter
noch am Sonntag.
Wenig überraschend nutzten die Spitzenkandidaten der anderen Parteien den
Vorfall für deutliche Kritik und Distanzierung von den Linken. Steffen
Krach (SPD) forderte, dass „die Linke keine Mitglieder toleriert, die
Gewalt gegen Israel propagieren und das Land von der Landkarte löschen
wollen“.
Dahabflex selbst wehrt sich auf Instagram gegen die Deutung und beteuert,
nie zur Gewalt gegen Zivilisten aufgerufen zu haben. Der Rapper kritisiert,
ihm würden „Aussagen in den Mund gelegt“ und die Parteispitze würde ihre
„Parteigenoss:innen den Wölfen zum Fraß“ vorwerfen.
Im Umfeld des palästinasolidarischen Bewegung kursieren hingegen sehr viel
wohlwollendere Deutungen der umstrittenen Textzeilen. Intifada bedeutet
schließlich nur „Aufstand“, schreibt [3][das trotzkistische Newsportal
Klasse gegen Klasse], das personell große Überschneidungen mit der
Neuköllner Linken hat. Die historische erste Intifada sei von Streiks,
Demonstrationen und Straßenschlachten geprägt worden, heißt es dort und
nicht von Terrorismus wie die zweite Intifada.
Der reichweitenstarke [4][Instagram-Kommunist Fabian Lehr] schrieb etwa zu
der Parole „Tod der israelischen Armee“: „Es ist im aktuellen Kontext
offenkundig schlicht Ausdruck des Wunsches, dass die von dieser Streitmacht
geführten Angriffskriege scheitern.“
Welcher Interpretation man auch folgt, innerhalb der Linken bestünde
strömungsübergreifend Einigkeit, dass es keine schlaue Idee gewesen sei,
Dahabflex den Song spielen zu lassen, heißt aus dem Bezirksverband
Neukölln. Letztendlich würde die gesamte Partei unter der Debatte leiden.
Doch der Schaden ist angerichtet, die Frage nach der Regierungsfähigkeit
der Linken liegt wieder auf dem Tisch. Der Grüne Werner Graf sagte dem
Tagesspiegel: „Die Linke in Berlin muss jetzt klarmachen, ob sie überhaupt
regieren kann und will.“ Er forderte eine Klärung, welchen Einfluss [5][der
ausgesprochen palästinasolidarische Kreisverband Neukölln] in einer
künftigen Fraktion oder möglichen Regierung haben würde.
## Realpolitisch marginal
Dies allerdings lässt sich relativ klar bestimmen. Bei einem anvisierten
Ergebnis für die Linke von berlinweit etwa 20 Prozent käme die neue
Linksfraktion auf grob 30 Sitze der mindestens 130 Sitze im neuen
Abgeordnetenhaus. Weil die Partei nicht mit einer Landesliste, sondern mit
12 Bezirkslisten kandidiert, ist zusätzlich relevant, wie die Ergebnisse in
den einzelnen Bezirken ausfallen. In Neukölln hatte die Linke bei der
Bundestagswahl im vergangenen Jahr 25 Prozent der Zweitstimmen geholt.
Wiederholt sie ein Ergebnis in dieser Größenordnung, würden ihre ersten
drei Listenkandidat:innen ins Parlament einziehen, womöglich auch
über Direktmandate.
Als wahrscheinlich gelten somit der Einzug von Rouzbeh Taheri, der als
ehemaliger Sprecher von Deutsche Wohnen enteignen für eine Umsetzung des
Volksentscheids sorgen will. Gute Chancen hat zudem Betül Havva Yılmaz, die
vor allem auf die Themen Bezahlbarkeit und Antidiskriminierung setzt.
Als kompromisslose Vertreterin des Palästinaflügels gilt nur Vedi Emde auf
Listenplatz zwei, die als Teil der Arbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität
hier ihren deutlichen Fokus hat. Im vergangenen Jahr bezeichnete Emde die
Durchführung eines Soli-Festes der Neuköllner Linken zu Palästina als einen
politischen Erfolg – obwohl zuvor die Teilnahme eines Vertreters des
„Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees“ für massive inner- und
außerparteiliche Kritik gesorgt hatte. Die trotzkistische Aktivistin, die
erstmals für ein politisches Mandat kandidiert, dürfte derweil in einer
neuen Linksfraktion nur eine Nebenrolle spielen. Mit [6][Martha Kleedörfer
aus Mitte] wird wohl eine weitere Vertreterin eindeutiger
propalästinensischer Positionierungen ins Parlament einziehen.
Für das Angstszenario von Grünen und SPD einer von „Antisemit:innen“
dominierten Linksfraktion, reicht das gleichwohl nicht. Die neue
Linksfraktion wird keinen Schwerpunkt auf den Nahostkonflikt legen.
Womöglich zur Enttäuschung einiger ihrer Mitglieder an der Basis.
In einer vorherigen Version des Textes war ein Absatz missverständlich
formuliert, dass der Eindruck entstand, die Autor:innen würden den
Liedtext von Dahabflex verteidigen. Wir haben die entsprechende Passage
präzisiert.
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nahostkonflikt-und-Linke-in-Berlin/!6208815
(DIR) [2] /Mitgliederstudie-der-Linkspartei/!6125408
(DIR) [3] https://www.klassegegenklasse.org/solidaritaet-mit-der-linken-neukoelln-palaestinasolidaritaet-ist-kein-antisemitismus/
(DIR) [4] https://www.instagram.com/p/Dcs62CygO6R/?img_index=6
(DIR) [5] /Debatte-um-Neukoellner-Linke/!6105729
(DIR) [6] /Berlin-Mitte-vor-der-Wahl/!6203874
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
(DIR) Erik Peter
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