# taz.de -- Mitte vor der Wahl: Unterwegs in den Ruinen des Kapitals
       
       > In Berlins ungleichstem Bezirk trifft Leerstand auf Obdachlosigkeit.
       > Warum ist es so schwer, dagegen vorzugehen?
       
 (IMG) Bild: Porträt von Martha Kleedörfer – Bezirksverordnete Mitte – Die Linke
       
       Martha Kleedörfer steht in einem etwas heruntergekommenen Treppenhaus eines
       Mehrfamilienhauses in der Hochstädter Straße im Ortsteil Wedding des
       Bezirks Mitte. Von den Wohnungstüren aus Holz, wie sie in Berliner
       Altbauten typisch sind, blättert der Lack. Auf keinem der Klingelschilder
       steht ein Name. „Guck mal durch“, sagt Kleedörfer und deutet auf den
       schwungvoll verzierten Briefkastenschlitz der Tür. Nur eine Leiter ist zu
       erkennen, ansonsten ist die Wohnung komplett leer. „Ich bin zu einer
       richtigen Detektivin geworden, was Leerstand angeht“, lacht Kleedörfer.
       
       Die 27-Jährige kandidiert bei der Abgeordnetenhauswahl für den Wahlkreis
       Gesundbrunnen in Wedding. Seit 5 Jahren macht Kleedörfer Bezirkspolitik,
       sitzt als wohnungspolitische Sprecherin im Bezirksparlament und ist
       Vorsitzende des Kreisverbands der Linken. Leerstand ist ein Thema, dass
       Kleedörfer nicht nur durch ihre politische Karriere begleitet, sondern an
       dem sich auch viele der Gegensätze und Brüche zeigen, die den Bezirk
       prägen.
       
       Während sich im namensgebenden Ortsteil Mitte Regierungsgebäude,
       Shoppingmalls und Touristenattraktionen aneinanderreihen, gelten die
       Ortsteile Gesundbrunnen und Wedding als soziale Brennpunkte. An Hotspots
       wie dem Leopoldplatz und im Hansaviertel kämpfen Menschen mit
       Obdachlosigkeit und Drogensucht, während nebenan tausende Quadratmeter
       Bürofläche und hunderte Wohnungen leer stehen.
       
       Auch die Hochstädter Straße ist Teil eines Quartiers mit einem „sehr
       niedrigen Sozialstatus“. Laut Daten des Monitorings für soziale
       Stadtentwicklung lebten 2024 hier fast ein Viertel der Menschen von
       Transferleistungen, fast 60 Prozent der Kinder im Quartier waren von
       Kinderarmut betroffen.
       
       ## Günstiger Wohnraum wird vernichtet
       
       Die Wohnungen in dem Altbau mit der grauen Fassade sind vergleichsweise
       günstig. Noch. Zurzeit bezahlen die Mieter 600 bis 700 Euro warm für eine
       Zweiraumwohnung, berichtet eine Bewohnerin des Hauses. Doch immer mehr
       Wohnungen stehen über Monate hinweg leer. „Wenn Nachbarn ausziehen, kommen
       keine nach“, berichtet eine Mieterin, die lieber anonym bleiben will.
       
       2021 wandelte der Eigentümer, eine luxemburgische Briefkastenfirma, die
       Mietwohnungen in Eigentum um. Da die Hochstädter Straße in einem
       Milieuschutzgebiet liegt, ist der Eigentümer verpflichtet, die Wohnungen
       sieben Jahre lang nur an die Bewohner:innen zu verkaufen. Die Frist
       läuft in der Hochstädter Straße 2028 ab; dann können die Wohnungen auch an
       andere Interessenten verkauft werden.
       
       Doch für potenzielle Käufer sind die bestehenden Mietverträge ein Problem.
       Die günstigen Mieten sind weiterhin gültig. Eine leere Wohnung hingegen ist
       viel mehr wert. Wird sie kernsaniert, kann der neue Eigentümer ein
       Vielfaches der Miete verlangen.
       
       Die Mieterin vermutet, dass genau das der Plan des Eigentümers ist:
       Leerziehen, sanieren, verkaufen. Gängige Praxis auf dem Berliner
       Wohnungsmarkt, aber eigentlich verboten. Das Zweckentfremdungsverbotsgesetz
       untersagt es, eine Wohnung länger als drei Monate ohne Genehmigung
       leerstehen zu lassen. „Alle drei Monate informiere ich den Bezirk über den
       Leerstand hier“, sagt die Mieterin. Doch passiert ist bisher nichts.
       
       ## Hoher Renditedruck
       
       Für Kleedörfer ist das Haus in der Hochstädter Straße kein Einzelfall: „Im
       Wedding haben wir noch mal einen krasseren Druck.“ Niedrige Bestandsmieten
       bedeuteten hohes Steigerungspotenzial; Eigentümer würden gezielt damit um
       Investoren werben.
       
       Auch im Haustürwahlkampf trifft Kleedörfer oft auf zweckentfremdete
       Wohnungen. Nicht durch Leerstand, sondern durch illegale Vermietung von
       Ferienwohnungen. „Oft machen Leute auf und sagen, sie sind Touristen.“
       
       Wie viele Wohnungen in Mitte leer stehen, ist unbekannt. Der Bezirk gibt
       auf taz-Anfrage an, dass in 470 Wohnungen Leerstand genehmigt ist, in
       weiteren 895 Fällen wurden Verfahren zur Zweckentfremdung eingeleitet. Die
       Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Berlinweit stehen laut Daten des
       aktuellen Zensus 2022 in Berlin 40.500 Wohnungen leer.
       
       Diese Zahl ist besonders bemerkenswert angesichts der zunehmenden
       Obdachlosigkeit, die auch den Bezirk Mitte prägt. Ein paar hundert Meter
       entfernt von der Hochstädter Straße liegt der Leopoldplatz. In den letzten
       Jahren etablierte sich der ausladende Platz vor der Nazarethkirche als
       Hotspot der Crack-Szene.
       
       ## Kein Platz für Obdachlose
       
       An einem Donnerstagnachmittag im August bauen hier gerade Händler:innen
       auf dem Wochenmarkt ihre Stände ab. Anwohner:innen sitzen in Grüppchen
       auf den hölzernen Stadtmöbeln und trinken Bier. Ein schwankender Mann mit
       zerrissener Hose und einer mit Pfandflaschen gefüllten Einkaufstasche rotzt
       auf den Boden und fängt an zu brüllen, es scheint niemanden zu stören.
       
       „Wir haben es hier mit harter Krankheit, harter Drogensucht und harter
       Realität zu tun“, sagt ein älterer Anwohner, der auch in der lokalen
       Nachbarschaftsinitiative engagiert ist. Mittlerweile hätten sich viele mit
       den Zuständen arrangiert, aber ideal sei die aktuelle Situation natürlich
       nicht.
       
       [1][Die im Juni veröffentlichte Crack-Studie der Berliner Charité zeigt:]
       Fast 40 Prozent der Konsument:innen sind obdachlos. Bei den meisten
       kommen noch psychische Erkrankungen dazu. Obdachlosigkeit sei „eine
       zentrale Determinante für Konsumintensität und gesundheitliche Risiken“,
       daher empfehlen die Autor:innen „konsumakzeptierende Tagesruheplätze und
       Nachtschlafangebote“, sowie „Housing-First-Ansätze“. Housing-First
       bezeichnet das Konzept, bei dem Wohnungslose unabhängig davon, ob sie clean
       sind, in eine bleibende Wohnung vermittelt werden und dort
       sozialarbeiterische und medizinische Betreuung erhalten.
       
       Ein geeigneter Ort für solche Angebote findet sich auch am Leopoldplatz.
       Seit 2023 steht ein Großteil der Geschäftsflächen der ehemaligen
       Galeria-Filiale leer. Nur ein Lidl-Supermarkt im Erdgeschoss hat noch
       offen. Eine Zwischennutzung, zum Beispiel für soziale Hilfsangebote für
       suchtkranke Menschen, lehnte der Eigentümer, die Versicherungskammer
       Bayern, ab. Stattdessen machen Gerüchte die Runde, dass die Bundeswehr ein
       Musterungscenter in dem alten Karstadt errichten will, [2][wie ein Bericht
       der Berliner Zeitung nahelegt.]
       
       ## Grassierender Gewerbeleerstand
       
       Der Leerstand bei Gewerbeimmobilien ist ohnehin noch viel gravierender als
       bei Wohngebäuden. Im Gegensatz zum Wohnungsmarkt sind Gewerbeflächen kaum
       reguliert, Leerstand ist hier nicht strafbar. Bis zur Corona-Krise waren
       Einzelhandel- und Büroflächen das Mittel der Wahl, um maximale Verwertung
       aus den Immobilien herauszuholen. Immerhin unterliegt die Miete einer
       Gewerbefläche keiner Maximalgrenze.
       
       Doch der Hype sorgte für ein Überangebot, dass besonders im Ortsteil Mitte
       deutlich wird. Große Teile der als Luxus-Shoppingmeile vermarkteten
       Friedrichstraße stehen leer. Selbst die Mall of Berlin, das zweitgrößte
       Einkaufszentrum der Hauptstadt, hat mit Leerstand zu kämpfen. Die oberste
       Etage steht fast komplett leer, die Ladenfronten sind mit bunten Aufklebern
       und KI-generierten Motiven verziert. „Something beautiful is coming“, steht
       auf einem Laden, der mal ein „SportScheck“ war.
       
       Eine weitere Ruine des Kapitals lässt sich ein paar hundert Meter weiter in
       der Oranienburger Straße besichtigen. In den Überbleibseln eines ehemaligen
       Kaufhauses errichteten Besetzer:innen nach der Wende das Kunsthaus
       Tacheles. Der legendäre Ort stand exemplarisch für das Nachwendegefühl
       Berlins, das bis heute vom Stadtmarketing ausgeschlachtet wird. Auch das
       Tacheles musste Investorenträumen weichen. Auf dem Areal wurden unter
       anderem Luxuswohnungen errichtet. Ein nicht unwesentlicher Teil davon steht
       leer, sodass das Bezirksamt im November vergangenen Jahres ein
       Prüfverfahren eingeleitet hat.
       
       Stadtentwicklungspolitik sei das Thema, das Kleedörfer in die Politik
       gebracht habe, sagt sie, während sie die Treppen des Altbaus hinuntergeht.
       Seit 2017 wohnt sie in Gesundbrunnen, kennt die Beschwerlichkeiten der
       Wohnungssuche aus eigener Erfahrung. Damals war sie vor allem bei der
       Kampagne Deutsche Wohnen Enteignen aktiv.
       
       ## Weg von der Bezirkspolitik
       
       Im Bezirksparlament gäbe es immerhin die Möglichkeit, selbst politisch
       wirksam zu werden, sagt Kleedörfer. „Aber es ist sehr frustrierend, weil
       die Bezirkspolitik wenig Möglichkeiten hat, Sachen zu ändern.“ Und selbst
       die Möglichkeiten, die das Bezirksamt hat, nutzt es selten.
       
       Laut einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage hat der Bezirk Mitte
       seit 2017 lediglich 2.132.014 Euro Bußgelder für illegalen Leerstand
       verhängt. Dazu kommt, dass davon lediglich knapp 170.000 Euro auch
       eingetrieben wurden.
       
       Eine Sprecherin des Bezirksamts gibt auf taz-Anfrage an, dass die Prüfung
       von Leerstandsfällen sehr aufwendig sei. „Gegnerische Parteien wehren sich
       in überwiegender Zahl juristisch gegen unsere Anordnungen und Bußgelder.“
       Die Gerichtsverfahren würden nicht selten mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
       
       „Man bräuchte eine Gesetzeslage, die sagt, jetzt Butter bei die Fische“,
       kritisiert Kleedörfer. Neben schärferen Gesetzen mangele es aber auch am
       politischen Willen im Bezirk. „Mitte bräuchte eine Zählgemeinschaft, die
       das Thema nach ganz oben auf die Tagesordnung setzt.“
       
       Doch von der Bezirkspolitik will Kleedörfer nach fünf Jahren Abschied
       nehmen, sie hofft auf einen Einzug ins Abgeordnetenhaus. Seit über einem
       Jahr ist sie Mutter, die Arbeit in einem Feierabendparlament, wo Sitzungen
       schon mal einige Stunden gehen, ist für sie kaum möglich. „Bezirkspolitik
       wurde in den 50er Jahren für Männer gemacht“, sagt Kleedörfer. Mit
       Sorgeverpflichtungen und Lohnarbeit sei das nur schwer vereinbar. Das Thema
       Leerstand wird sie aber sicher auch noch im Abgeordnetenhaus begleiten.
       
       17 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://daten.berlin.de/datensaetze/crack-studie-berlin-abschlussbericht-2026-1677201
 (DIR) [2] https://www.berliner-zeitung.de/article/bundeswehr-bei-karstadt-wedding-wehrt-sich-gegen-musterungen-am-leopoldplatz-10018097
       
       ## AUTOREN
       
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