# taz.de -- Abgeordnetenhauswahl in Berlin: Warum die Linke die Wahl gewinnen wird
       
       > Mit vier Punkten vor der CDU führt die Linkspartei derzeit die Umfragen
       > in Berlin an. Macht sie keine großen Fehler, ist ihr der Wahlsieg nicht
       > mehr zu nehmen.
       
 (IMG) Bild: Abfeiern: Spitzenkandidatin Elif Eralp (M.) auf dem Linken-Landesparteitag im April
       
       Drei Wochen bevor der [1][demokratische Sozialist Zohran Mamdani] im
       November vergangenen Jahres, getragen von einer Euphoriewelle, zum
       Bürgermeister von New York gewählt wurde, nominierte die Berliner Linke
       [2][Elif Eralp zu ihrer Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl. Das
       Vorstellungsvideo], in dem Eralp ihre Aufstiegsgeschichte nachzeichnet, war
       wie aus dem Mamdani-Playbook: Hier kommt eine, die das Leben kennt und die
       Politik vom Kopf auf die Füße stellen wird – für die arbeitende Mehrheit
       und nicht die vermögende Minderheit.
       
       Eralp und die Linke versuchen seitdem, möglichst viel vom Erfolgsrezept von
       Übersee nach Berlin zu holen. Neben der audiovisuellen Vermarktung ihres
       Wahlkampfes ist das vor allem die Fokussierung auf wenige Kernbotschaften
       und das strikte Vermeiden, sich in Kulturkämpfe verstricken zu lassen. Die
       CDU redet übers Gendern – Eralp antwortet mit der Mietenfrage. Die CDU
       macht den Antisemitismusvorwurf – Eralp spricht über die Rechte aller hier
       lebender Menschen. Offen benennt sie auch die Strategie dahinter: Es gehe
       um eine „verbindende Erzählung“.
       
       Eine breite Euphorie um ihre Person hat Eralp dabei bislang jedoch nicht
       entfacht. Drei Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl ist sie vielen
       Wähler:innen immer noch unbekannt, bei einer Umfrage nach einer
       Bürgermeisterdirektwahl landete sie zuletzt deutlich hinter ihren
       Konkurrent:innen. Der Mamdani-Effekt des Volkstribuns, der die Massen
       begeistert, lässt sich nicht einfach kopieren. Erfolgreich ist der Kurs der
       Linken dennoch.
       
       Während die Partei im Herbst vergangenen Jahres in Meinungsumfragen noch
       deutlich hinter der CDU lag, hat sich dies seit der Verkündung Eralps ins
       Gegenteil verkehrt. Eine jüngste Forsa-Umfrage sah sie mit 22 Prozent
       deutlich auf Platz eins – vier Prozentpunkte vor der CDU. Es ist keine
       gewagte These mehr zu sagen: Die Linke wird die Wahl in Berlin gewinnen.
       Und dafür gibt es Gründe.
       
       ## Erkennbarer Markenkern
       
       Die Linke ist zur Marke geworden, und zwar im wichtigsten Thema der Stadt.
       Für viele gilt sie als glaubwürdige Vertreterin der leidgeplagten
       Mieter:innen, nicht nur, aber auch aufgrund ihrer klaren Positionierung für
       eine Umsetzung des Vergesellschaftungs-Volksentscheids. Die Verknüpfung
       Linke gleich Mieterschutz ist für die Partei Gold wert. Keine andere Partei
       steht in der öffentlichen Wahrnehmung so sehr für Lösungskompetenz in einem
       der zentralen Probleme Berlins.
       
       Und das kommt nicht vor ungefähr. Nicht nur im aktuellen Wahlkampf, sondern
       seit Jahren konzentriert sich die Partei auf das Mietenthema, sie hat
       [3][stapelweise Konzepte und ausgearbeitete Gesetzentwürfe vorgelegt]. Noch
       wichtiger ist aber: Mit dem Mieten- und Heizkostencheck hat sie Instrumente
       entwickelt, die für Mieter:innen einen praktischen Nutzen haben. Von
       Erfolgen der Mietenpolitik von SPD und CDU hat dagegen noch niemand etwas
       gemerkt.
       
       ## Mobilisierung
       
       Eine innerhalb von anderthalb Jahren verdoppelte Mitgliedschaft hat die
       Linke zuletzt auf [4][Platz eins der mitgliederstärksten Parteien Berlins]
       katapultiert. Eingetreten sind vor allem junge Menschen unter 35, mehr
       Frauen als Männer. Und viele von ihnen haben die Motivation, sich rote
       Parteiwesten überzustreifen und in den Haustürwahlkampf oder als
       Putzkolonnen durch die Kieze zu ziehen.
       
       Die SPD kündigte zwar an, an mehr Türen klopfen zu wollen als die Linke,
       aber Letztere tut es wirklich: In umkämpften Wahlkreisen wie
       Charlottenburg-Nord sind Linken-Mitglieder fast jedes Wochenende an den
       Türen unterwegs – und das schon lange bevor der Wahlkampf startete. Wie
       sehr das den Unterschied machen kann, zeigte die Bundestagswahl. [5][Mit
       2.000 Aktiven, die an 140.000 Haustüren klingelten, holte im vergangenen
       Jahr Ferat Kocak das Bundestagsdirektmandat in Neukölln] – bundesweit das
       erste für die Linke in einem westdeutschen Wahlkreis.
       
       Dass die Linke inzwischen in neue Kreise ausstrahlt, zeigt eine
       [6][Wahlinitiative für Elif Eralp], der sich öffentliche Persönlichkeiten
       angeschlossen haben, die bislang eher im Grünen-Spektrum zu verorten waren.
       Eralp profitiert zudem davon, die einzige Kandidatin mit
       Migrationshintergrund zu sein – so wie ihn mehr als 40 Prozent der
       Stadtbevölkerung haben. Ihre Herkunft, aber auch ihr Einsatz für ein
       Wahlrecht für alle verfängt dabei besonders bei jungen Menschen mit
       diversen Biografien. Immer mehr migrantische Influencer:innen stellten
       sich zuletzt in den sozialen Medien öffentlich hinter ihre [7][Kampagne,
       die damit deutlich an Schwung gewinnt].
       
       ## Bollwerk gegen rechts
       
       Schon bei der Bundestagswahl 2025 profitierte die Linke massiv von einer
       Debatte um eine Brandmauer zur AfD, die CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz
       damals eingerissen hatte. Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek rief auf
       die Barrikaden und viele besorgte Antifaschist:innen folgten ihr im
       Wahllokal.
       
       Die Berliner Linke darf nun auf etwas hoffen, was nicht zu hoffen erlaubt
       ist: Der absehbare AfD-Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zwei
       Wochen vor der Berlin-Wahl könnte ihr noch einen zusätzlichen Boost
       bringen. Denn wenn die Angst vor dem neuen Faschismus am größten ist,
       wächst auch das Bedürfnis nach einer entschiedenen Antwort.
       
       Profitieren könnte die Linke vor allem in Ostberliner Wahlkreisen, in denen
       nur sie einen Sieg der AfD verhindern kann. Aber auch darüber hinaus: Ein
       rotes Berlin, eine links regierte Hauptstadt wäre ein Signal, dass der Weg
       nach rechts nicht alternativlos ist.
       
       ## Wechselstimmung
       
       Eine wenig rühmliche Bilanz des schwarz-roten Senats führt dazu, dass nicht
       einmal jede:r Fünfte mit dessen Arbeit zufrieden ist. Ergo: Ein Weiter-so
       ist kein Angebot, das überzeugt, stattdessen ist die Wechselstimmung groß.
       
       Und tatsächlich: Links und rechts der Regierungsparteien profitieren
       derzeit alle, am stärksten jedoch die Linke. Zugutekommt ihr dabei auch die
       Schwäche der anderen Parteien und Kandidat:innen: Eine CDU, die mitten im
       Wahlkampf ihr Zugpferd ersetzen musste, [8][eine SPD, die sich eher als
       Juniorpartner der CDU präsentiert], und Grüne, die weder mit ihrem
       Kandidaten noch ihren Themen so richtig durchdringen.
       
       Ein Kreuz der Linken kann daher für so manche durchaus als Protest gemeint
       sein – gegen die AfD und eine Regierungspolitik, die Antworten auf die
       drängenden Alltagssorgen vermissen lässt. Andere versprechen sich von ihr
       dagegen echte Lösungen für die immer weitere steigenden Mieten und
       Lebenshaltungskosten. Die Linke funktioniert gerade für viele – und ein
       sich abzeichnender Wahlsieg wirkt zusätzlich attraktiv.
       
       Macht sie keine großen Fehler, ist ihr der Wahlsieg nicht mehr zu nehmen.
       
       27 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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