# taz.de -- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Der Wohlfühlwahlkampf der AfD
       
       > Die AfD weiß, wie man Wähler gewinnt: mit Positivität. Sie verkauft ihre
       > radikale Agenda ohne Radikalität und schafft so eine emotionale Bindung.
       
 (IMG) Bild: AfD oder die Positivität in Parteiform
       
       Ulrich [1][Siegmund ist ein Geschenk für die AfD.] Lange Zeit fehlte der
       Partei eine charismatische Person. Weidel ist zu wütend, Chrupalla zu
       blass, Höcke zu böse. Insgesamt war die Parteikommunikation vergangener
       Jahre von düsteren Botschaften und Untergangsrhetorik geprägt. Die
       Wahlkampagnen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind anders.
       Eine positive Tonalität und hell-warme Ästhetik überstrahlt die
       menschenverachtende Ideologie. Dieser strategische Kurswechsel deutete sich
       schon 2024 im Thüringer Wahlkampf an. Der damalige Claim „Der Osten machts“
       sollte eine gemeinsame Gewinneridentität schaffen, Höcke inszenierte sich
       damals schon [2][mit Simson-Ausfahrten.] Aber Höcke ist eben Höcke – zu
       viele Menschen wollten ihn nicht als Ministerpräsidenten haben. Siegmund
       ist deutlich populärer, anschlussfähig bis tief in die Mitte.
       
       Es muss auf sein neonazistische Umfeld verwiesen werden, weil man den Typ
       Schwiegersohn mit Dauergrinsen selbst nicht zu fassen bekommt. Sein
       Kampagnenslogan lautet „Alles ist möglich“, die Plakate sind mit einem
       KI-generierten Sonnenaufgang als Hintergrund gestaltet, darauf Botschaften
       wie „Wieder normal leben“, „Wieder sagen, was man denkt“, „Das Land retten“
       oder „Die besten Schulen der Welt“. Wobei man gleichzeitig die Abschaffung
       der Schulpflicht (genannt „Schulzwang“) fordert. Das Wahlprogramm
       beschreibt nichts weniger als den Umbau Sachsen-Anhalts hin zu einer
       illiberalen Enklave innerhalb Deutschlands: Moderne Familienmodelle werden
       abgelehnt, Bürger mit Behinderung abgewertet und „kulturfremde“ Mitmenschen
       weitestgehend verbannt.
       
       Siegmund vertritt diese radikale Agenda, aber tritt nicht radikal auf. Im
       Gegenteil, er hüllt die radikalen Positionen in persönliche
       Geschmeidigkeit, demonstrative Freundlichkeit und geübte Relativierung –
       alles sei nur „gesunder Menschenverstand“. Inhalte spielen bei seinen
       Auftritten eh kaum eine Rolle, die Verpackung macht das Produkt. Sie lässt
       sich längst nicht mehr als Selbstverharmlosung abtun, sie ist völkischer
       Visionismus. Siegmund ist damit der Prototyp des Feel-Good-Rechtsradikalen.
       Seine Auftritte sind dynamisch, seine gute Laune ist ansteckend und seine
       Worte sind motivierend.
       
       In [3][Mecklenburg-Vorpommern hat Leif-Erik Holm nicht dieselbe
       Strahlkraft], ist aber als ehemaliger Radiomoderator in der Region bekannt
       und beliebter als der durchschnittliche AfD-Kandidat. Mit Siegmunds
       Social-Media-Reichweite kann Holm nicht mithalten. Die Clips auf Siegmunds
       Kanälen, produziert von der rechtsextremen Propagandaagentur
       Filmkunstkollektiv, schaffen eine moderne Bewegungsästhetik, vermitteln
       Gemeinschaft, Stärke und Aufbruch. Die positive Bildsprache ist nur ein
       Element des AfD-Wohlfühlwahlkampfes.
       
       Hinzu kommt die Eventisierung. Die Veranstaltungen heißen „Familien-“,
       „Bürger-“ oder „Sommerfest“, neuerdings auch „Heimatrausch“. Meist gibt es
       Musik, Bratwurst, Bier, manchmal Popcorn. Und natürlich den Motivator
       Siegmund, der sich mit Selfies in den Smartphones unzähliger Anhänger
       einnistet. Die selbstermächtigende Botschaft lautet nicht mehr nur, dass
       man „unser Land retten“ werde, sondern Vorhut einer vermeintlichen
       Demokratiebewegung sei, ausgehend von Ostdeutschland die gesamte
       Bundesrepublik quasi redemokratisieren werde. Durch Remigrieren und
       Redemokratisieren in die gute alte Zeit zurück. Siegmund und Holm
       versprechen beide: „Wir werden Geschichte schreiben.“ Damit gelingt es der
       AfD, ihre demokratiefeindliche Ideologie zu euphorisieren, ästhetisieren
       und eventisieren. Doch die AfD präsentiert eben nicht nur sich selbst in
       einem positiven Licht, sondern macht auch ihre Wählerinnen und Wähler zum
       Teil dieser Gemeinschaft von Stolz und Zuversicht.
       
       Was in Sachsen-Anhalt derzeit erprobt wird, soll perspektivisch im ganzen
       Land ausgerollt werden: Laut einem internen Strategiepapier der
       Bundestagsfraktion will sie mit Blick auf ihre Kernwähler „ein positives
       Bild dieser Gruppe entwerfen, beispielsweise Arbeiterschaft als eigentliche
       Leistungsträger, Ostdeutsche als Avantgarde von Demokratie und Freiheit,
       Landbevölkerung als Träger guter traditioneller Werte, junge Deutsche als
       Hoffnungsträger einer besseren Zukunft“. Ziel: „Daraus soll ein gemeinsames
       Zielimage der AfD als freiheitlich-konservative Volkspartei entwickelt
       werden, das eine Klammer um ihre Wählerkoalition legt.“
       
       Strategie der Partei ist das eine, Wirkung bei der Zielgruppe etwas
       anderes. Daten der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigen, dass die Wählerinnen
       und Wähler der AfD tatsächlich Hoffnung mit der Partei verbinden.
       Interessant ist dabei die intensive Ausprägung der AfD-Hoffnung: Bei
       Vergleichen von Hoffnungswerten kommt die AfD auf den höchsten Wert. Sie
       ist Hoffnungsträgerin für ihre Anhängerschaft, Gegenentwurf zur Ohnmacht
       der anderen, kurz: Sehnsuchtsort. Diese emotionale Bindung ist so
       kraftvoll, dass sie materielle Interessen locker übertrumpfen kann. Es gibt
       reihenweise Studien, die für die Steuer-, Sozial-, Klima- und
       Wirtschaftspolitik centgenau nachrechnen, wie viel die AfD-Wählenden
       weniger im Geldbeutel haben, sollte das Programm ihrer Partei umgesetzt
       werden. Subtext solcher Studien: „Wie dumm kann man eigentlich sein?“ Das
       Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung nannte eine solche Studie „Das
       AfD-Paradox“.
       
       Paradox wäre das Wahlverhalten allerdings nur, wenn die AfD-Wählenden nach
       rein ökonomischem Nutzen wählen und vollständig informiert sind. Beides
       muss bezweifelt werden. Denn so verhalten sich die Wählerinnen und Wähler
       anderer Parteien auch nicht. Kulturelle Themen sind den AfD-Anhängern
       ohnehin wichtiger als die ökonomischen, und die AfD verwebt in ihrem
       Kulturkampf beide Felder miteinander. Am Ende dürfte sie vor allem die
       emotionale Aufwertung anlocken. Das Identitätsangebot ist die
       Rationalisierungsvorlage für eine Wahlentscheidung, die nach anderen
       Kriterien irrational sein mag.
       
       Demnächst erscheint zum Thema im Dietz-Verlag die komplett überarbeitete
       Neuausgabe des Buchs von Johannes Hillje „Propaganda 4.0 – Wie rechte
       Populisten Brandmauern einreißen“.
       
       2 Sep 2026
       
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