# taz.de -- Wahlplakate 2026: Von „Milfs“ bis zu „männerfreien Innenstädten“
> Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und auch der
> Kommunalwahlkampf in Niedersachsen: Was die Parteien im heißen
> Wahlkampfsommer auf ihre Plakate schreiben.
(IMG) Bild: Ja, was steht denn da? Na klar: Ein Wahlkampfplakat von hinten
Fast könnte man meinen, die Parteien machen das absichtlich, um uns, die
Wählenden, noch ein letztes Mal zum Lachen zu bringen, bevor in Teilen
Deutschlands wie in Sachsen-Anhalt der Faschismus Einzug halten könnte,
sollte die AfD eine absolute Mehrheit erhalten. Die Wahlplakate, die sie
dieses Jahr aufgehängt haben, sind teilweise wirklich witzig. Andere sind
absurd oder arbeiten mit Falschbehauptungen.
Aber nicht nur in Sachsen-Anhalt wird am kommenden Wochenende ein neuer
Landtag gewählt. Am 20. September wird in Berlin das Abgeordnetenhaus neu
gewählt und in Mecklenburg-Vorpommern sind ebenfalls Landtagswahlen. Und
dann sind da noch die überregional weniger beachteten Entscheidungen: Am
13. September ist in Niedersachsen Kommunalwahl.
Wir haben unsere Korrespondent*innen und Redakteur*innen gebeten,
uns die interessantesten Plakate zuzuschicken, zu erklären, was sie darauf
sehen, und zu deuten, was uns das – in aller Kürze – sagen könnte.
1. AfD, Sachsen-Anhalt
Wer zu schnell mit dem Auto dran vorbeifährt, sieht zunächst nur das große
blaue AfD-Logo und liest versehentlich: „Hetzen ohne Verbote“. [1][Tun sie
das nicht eh schon?], fragt man sich sofort. Nun gut. Bei genauem Hinsehen
wird klar, auf dem Plakat steht: „Heizen ohne Verbote“. Tja, die Wählenden
müssen sich eben entscheiden: Heiz-Verbote oder Hitzetote. (Lotte Laloire)
2. Linke, Sachsen-Anhalt
Die [2][Spitzenkandidatin Eva von Angern] posiert auf ihren Plakaten mit
dem „Heimat“-Begriff. Der galt unter Linken lange als verpönt. Ist das
jetzt ein Zeichen dafür, dass der Rechtsruck auch vor der Linken nicht
haltmacht, oder ist es ein kluger strategischer Schachzug, um AfD-Wähler zu
betören? Das zu diskutieren, überlasse ich gerne Ihnen, liebe Leser*innen.
(Lotte Laloire)
3. BSW, Oldenburg
Die Edewechter Landstraße in Odenburg ist sehr gut in Schuss. Dort hat das
BSW ein Plakat zur Kommunalwahl in Niedersachsen am 13. September
aufgehängt. Darauf zu sehen: eine marode Straße, durchzogen von Furchen, im
Vordergrund ein besonders tiefes Schlagloch, darin Steine und Wasser. Der
Slogan dazu: „Mobilität: kaputtgespart! Gefährlich ehrlich. BSW“.
Die Wagenknechte müssen schon eine sehr löchrige Sicht auf die Welt haben.
Dieses Plakat geht an der Realität jedenfalls vorbei und offenbart vor
allem eins: den peinlichen Populismus dieser Partei. Als Wahlberechtigter
muss man sich verhöhnt fühlen. Denn die Plakate, die kaputte Straßen
bemängeln, hängen an Straßen, die gerade mit viel Aufwand und hohen Kosten
von der Stadt Oldenburg saniert wurden. (Felix Zimmermann)
4. Bergpartei, Berlin
Ich liebe ja die handgemalten [3][Plakate der Bergpartei], seit 20 Jahren
die einzige, die das Plakatieren wirklich ernst nimmt. So ernst, möchte man
meinen, dass sie eigentlich nur deswegen überhaupt jedes Mal antritt.
Diesmal besonders schön: die Forderung nach männerfreien Innenstädten. Mir
gefällt aber noch besser: „Einatmen, ausatmen, gut sein lassen“. Das ist so
wunderbar entspannend. (Gereon Asmuth)
5. Die Basis, Sachsen-Anhalt
„Volksabstimmungen einführen“, fordert die Partei dieBasis, die aus der
verschwurbelten Querdenken-Bewegung hervorgegangen war und die man nach der
Coronazeit fast schon wieder vergessen hatte. DieBasis selbst scheint indes
vergessen zu haben: Volksentscheide gibt es schon, zumindest auf
Länderebene. Hinzu kommt: Sie bringen mitunter wenig. Davon können
Berliner*innen ein Lied singen, wo [4][der erfolgreiche Volksentscheid
für die Enteignung großer Wohnungskonzern]e bis heute nicht umgesetzt
wurde. In Berlin hat sich dieBasis jetzt auch noch mit dem verzweifelten
[5][Bündnis Sahra Weidelknecht] zusammengetan. Fürchten die beiden Parteien
etwa, dass nicht genug Volk für sie abstimmt? (Lotte Laloire)
6. FDP, Berlin-Mitte
Gabriele Cocozza, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP in der
Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte, wirbt mit dem Spruch „… und
ich bin nicht Lindner“. Wofür Gabriele Cocozza sonst steht, erfährt man
nicht. Das muss reichen. (Raoul Spada)
7. Linkspartei, Berlin
Wer die Spitzenkandidatin der Berliner Linken kennt, weiß: Elif Eralp kann
sehr herzlich lachen, dann strahlen ihre großen weißen Zähne und um ihre
Augen legen sich kleine Lachfältchen. Das sieht wahnsinnig sympathisch aus!
Nicht falsch verstehen: Frauen müssen definitiv nicht immer lächeln, und es
gibt genauso gute Politikerinnen, die keine Falten haben oder stets ernst
gucken. Aber bei Eralp ist Lachen eben das, was man aus dem echten Leben
von ihr gewohnt ist.
Auf vielen ihrer aktuellen Wahlplakate hingegen kneift sie krampfig ihre
Lippen zusammen. Anders als sonst fallen ihre Haare nicht natürlich über
beide Schultern oder sind in einem wuscheligen Pferdeschwanz
zusammengebunden, sondern liegen ordentlich geglättet auf einer Seite. Auch
hier: Es geht nicht darum, wie eine Frau aussehen soll (es könnte genauso
ein Mann sein), sondern um den ungewohnt konservativen Vibe, den diese
Bilder ausstrahlen.
Zufall ist der Stil sicherlich nicht. Allein, was soll er bezwecken? Will
die Linkspartei so CDU-Wähler anlocken? Ob das gelingen kann, wird sich
zeigen. Positiv gelesen ist es womöglich einen Versuch der Linken, etwas
aus ihrer eigenen Bubble herauszukommen, wie es so oft gefordert wird.
Anderen, zum Beispiel konservativeren Leuten, bildsprachlich die Hand
auszustrecken, ist nicht per se verwerflich. Ob es funktioniert, wird sich
am 20. September zeigen.
Äußerlichkeiten hin oder her, es gibt auf Eralps Hauptplakaten ein Detail,
das uns noch viel mehr beschäftigen sollte: Sie trägt ein
„Mietendeckel“-Kettchen um den Hals. Ja, richtig gelesen! War der Berliner
Mietendeckel nicht Geschichte? Rot-Rot-Grün hatte ihn zum Gesetz gemacht,
aber leider dermaßen schlecht, dass [6][das Bundesverfassungsgericht ihn im
Jahr 2021 kassierte].
Es gibt doch auch Kettchen mit dem Wort „Vergesellschaftung“. Warum hat sie
das nicht angezogen? Das wäre nicht einmal besonders radikal, für die
Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne gibt es – neben dem bindenden
Volksentscheid – schließlich auch einen Beschluss des Berliner
Linken-Parteitags. Und sie wird stets als Bedingung für eine Koalition
genannt. (Lotte Laloire)
8. CDU, Berlin
Viele von uns mit Migrationsgeschichte versuchen heute bewusst, unsere
Namen nicht mehr für die Mehrheitsgesellschaft zu vereinfachen. Wir
korrigieren falsche Aussprache, bestehen auf die richtige Schreibweise und
versuchen zu erzählen, dass diese Namen inzwischen genauso zu Deutschland
gehören.
Anders ist das bei Kandidierenden der CDU: Büşra Karadag, die Neuköllner
CDU-Kandidatin, hat ihren Namen auf Wahlplakaten eingedeutscht, zu Büsra
Karadag. Damit wiederholt sie ein altes Muster: Die Anpassungsleistung
bleibt bei ihr. Gerade in einer konservativen Partei hat das bestimmt auch
mit Wählbarkeit und Anschlussfähigkeit zu tun. Die Herkunft bleibt
sichtbar, aber in einer Form, die die Mehrheitsgesellschaft möglichst wenig
irritiert.
Das lässt sich für mich als eine Form von respectability politics lesen,
also: Man versteckt die eigene Herkunft nicht, passt sie aber so weit an
dominante Normen an, dass man als seriös, akzeptabel und wählbar gilt.
Spannend finde ich deshalb den Kontrast zu linken Kandidat:innen, die die
türkische Schreibweise behalten und teilweise sogar auf Türkisch werben. Da
steckt ein anderes Verständnis von Zugehörigkeit drin: Nicht nur wir müssen
uns an Deutschland anpassen, sondern auch die Vorstellung davon, was
deutsch ist, erweitert sich. (Derya Türkmen)
9. CDU, Mecklenburg-Vorpommern
Irgendjemand im Wahlkampfteam der CDU Mecklenburg-Vorpommern muss nach
angestrengtem fünfminütigem Motiv-Brainstorming gesagt haben: Das ist
pfiffig, das nehmen wir. Und so werben die Konservativen im ganzen
Bundesland nun auf Großflächen mit einem Fischbrötchen-Motiv um Stimmen für
die Landtagswahl am 20. September. Der dazugehörige Spruch war wohl schnell
gefunden: „Das Beste ist in der Mitte“. Oller Fischlappen ist lecker, ist
CDU: So in etwa lautet wohl die Gleichung.
Natürlich waren nach dem Kampagnenstart Ende Juli „Kulturpessimisten,
Untergangspropheten, Nöler, Nörgler und empörte Berufskritiker“ (Friedrich
Merz) sofort zur Stelle. Lilly Blaudszun etwa, die Kampagnenleiterin von
SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig: Sie hielt der CDU vor, dass die
Partei für ihr Motiv ein billiges, fast 20 Jahre altes Agenturbild
verwendet habe: „Die wohl wichtigste Wahl der letzten Jahre ist der CDU 19
Euro auf Alamy wert.“
Was sehr gemein war. Denn tatsächlich „kommt das Bild von Shutterstock und
hat 73 Euro gekostet“, wie CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters umgehend
klarstellte. Auch habe seine Partei großes Engagement in die
Bildbearbeitung gesteckt und aus dem Originalbild „die roten Fussel in der
Mitte“ herausretuschiert. Gemeint waren die Tomatenscheiben.
Überhaupt gibt es keinen Grund zur Kritik. „Das Fischbrötchen ist ja an
sich Wirtschaftskraft für Mecklenburg-Vorpommern“, erklärte Peters denn am
Montag, [7][als der Kanzler kurz bei ihm an der Ostsee vorbeischaute, um
ein Fischbrötchen zu essen]. Da existieren sicher auch Studien, zur
An-sich-Wirtschaftskraft. DIW, ifo-Institut, Institut für Weltwirtschaft.
Das hat den genüsslich mümmelnden Friedrich Merz dann aber augenscheinlich
gar nicht interessiert. (Rainer Rutz)
11. Linke, Mecklenburg-Vorpommern
Noch mal Fisch: Die Linke hat umgehend mit einer „Großflächenserie“
zurückplakatiert. Zu sehen ist ein Fischbrötchen essender Kanzler und der
wahrlich zutreffende Slogan: „Der Fisch stinkt vom Kopf!“ Ausrufezeichen
sind übrigens auch immer wichtig! Es folgen Kritik an Rentenreform und
Gesundheitsreform sowie die Forderung „Inhalte statt Fischbrötchen“.
Typisch linker Übererklärmodus, wieder mal. (Rainer Rutz)
12. SPD, Berlin
Die SPD fordert auf ihren Plakaten in der Hauptstadt: „Mieten deckeln“.
Achtung, es folgt eine Geheim-Info: Die SPD regiert bereits. Sowohl im Bund
als auch in Berlin. Wieso deckelt sie die Mieten nicht einfach? Das wäre
zwar noch keine Vergesellschaftung, aber es wäre besser als das, was die
SPD bisher für Mieter:innen getan hat – nichts.
Negativ aufgefallen ist die sozialdemokratische Partei nicht nur damit,
sondern auch mit dem Zeitpunkt, zu dem sie ihre Plakate aufgehängt hat. Am
Ludolfingerplatz in Berlin-Reinickendorf etwa standen laut Medienberichten
bereits vor dem [8][offiziellen Start am 2. August] „Wesselmänner“, wie die
XXL-Plakate genannt werden.
Wie das Berlin-Ressort der taz [9][bereits festgestellt hat], hält sich in
der Hauptstadt niemand gern an Regeln. Geschummelt hat in
Marzahn-Hellersdorf auch die CDU, in Steglitz die Linke und in
Friedrichshain die Bergpartei. So gesehen ist die SPD eigentlich die
einzige Partei, die sich an die Regel hält: Sie verrät die Arbeiterklasse.
Als sie für den zu frühen Termin kritisiert wurde, schob sie den „Fehler“
auf die von ihr beauftragten Dienstleister. (Lotte Laloire)
13. Jusos, Niedersachsen
Die Jugendorganisation der SPD verantwortet in Niedersachsen besonders
peinliche Plakate. Darauf zu sehen ist ein Leihauto und ein
Möchtegern-Wortspiel, bei dem aus „Miles“ plötzlich „Milfs“ wird. Das ist
ein sexistisches Akronoym und bedeutet „Mom I’d like to fuck“. Auf dem
Plakat steht noch irgendwas Lächerliches, was wir sofort wieder vergessen
haben. Was sagen uns solche extrem unangenehmen Dadjokes? Auch die Jusos
scheinen in die Jahre gekommen zu sein, vielleicht sollten sie sich besser
„Asos“ nennen: Alte Sozialisten. (Sunny Riedel & Lotte Laloire)
14. Bündnis 90/Die Grünen
Warum kommen von dieser Partei auf der gesamten Doppelseite keine Plakate
vor? Von ihnen ist wohl einfach nichts, ähm, hängen geblieben. (Lotte
Laloire)
5 Sep 2026
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