# taz.de -- KI und Demokratie: Eine toxische Beziehung
       
       > KI ist gefährlicher, als manche glauben. Sie beeinflusst Nutzer:innen
       > und somit die Demokratie selbst dann, wenn sie auf alltägliche Weise
       > eingesetzt wird.
       
       Wenn im Zusammenhang mit den Landtagswahlen im Osten über künstliche
       Intelligenz (KI) diskutiert wird, dann dreht es sich meist um Manipulation.
       Das ist nicht falsch, übersieht aber, wie Tech-Unternehmen den
       Informationsfluss so verändern, dass KI-Angebote politische Entscheidungen
       beeinflussen. KI kann einerseits dazu missbraucht werden, Deepfakes zu
       erstellen oder Desinformation zu streuen. Andererseits beeinflusst KI die
       Demokratie sogar dann, wenn sie auf ganz alltägliche Weise eingesetzt wird
       – und genau so, wie die Unternehmen es wünschen und bewerben. Das Problem
       ist also nicht der Missbrauch, sondern es sind die KI-Produkte selbst.
       
       So hat sich Google [1][unerlaubt massenhaft journalistische und andere
       Inhalte angeeignet.] Dies war vermutlich rechtswidrig, entsprechende
       Verfahren laufen. Diese Inhalte nutzt Google für sogenannte KI-Übersichten
       und automatisch generierte Zusammenfassungen, die über den eigentlichen
       Suchergebnissen angezeigt werden. Google steht nach eigener Aussage dabei
       erst am Anfang, Ziel ist eine Suchmaschine ganz im KI-Modus. KI-Antworten
       sollen demnach der Normalfall sein und Nutzer*innen ein personalisiertes
       KI-generiertes Dashboard angezeigt bekommen. Während die klassische Liste
       blauer Links zur Ausnahme wird. Damit [2][untergräbt Google massiv die
       Finanzierungsmodelle journalistischer Medien], die darauf angewiesen sind,
       dass Leser*innen über den Google-Link zu ihnen finden. In der Folge
       berichten Verlage über sinkende Besucherzahlen. Nicht betroffen sind
       Parteien oder Unternehmen, die PR-Texte veröffentlichen, also
       Urheber*innen, die ihre Botschaften senden, ohne damit Geld verdienen zu
       müssen.
       
       Unabhängige journalistische Angebote geraten unter Druck – damit auf lange
       Sicht auch die Datengrundlage der KI-Systeme selbst. Denn
       [3][KI-Suchmaschinen und Chatbots] sind darauf angewiesen, dass
       Journalist*innen berichten, um überhaupt brauchbare Antworten zu
       liefern. Google geht dabei so vor wie immer: Das Unternehmen bietet keine
       Transparenz darüber, wie die KI-Übersichten zustande kommen und wie sie
       intern gesteuert werden. Das zeigt eine jüngste Untersuchung von
       AlgorithmWatch, die das Auftreten von KI-Übersichten bei Suchanfragen rund
       um die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
       ausgewertet hat: Bei wahlbezogenen Suchanfragen zeigte Google in 39 Prozent
       der Fälle eine KI-Übersicht, bei unpolitischen Fragen waren es 65 Prozent.
       Manche Suchanfragen, etwa nach „Umfrage Sachsen-Anhalt Landtagswahl“,
       wurden nie mit einer Übersicht beantwortet. Andere, etwa zu den
       Kandidat*innen wie „Sven Schulze CDU“, in 40 bis 50 Prozent der Fälle.
       Für die Spitzenkandidatin der Linken Eva von Angern wurde nie eine
       KI-Übersicht ausgespielt. Die Gründe dafür kann oder will Google nicht
       nennen.
       
       Auch die [4][Vielfalt der Quellen in KI-Übersichten ist begrenzt.] Fast die
       Hälfte aller angezeigten Links stammten von nur zehn verschiedenen
       Anbietern. Die konzerneigene Plattform Youtube ist das meistzitierte
       Angebot. Das deutet darauf hin, dass Google diese Plattform gegenüber
       anderen Quellen bevorzugt. Google bestreitet das auf Nachfrage. Zu den
       meistzitierten Domains gehören neben Social-Media-Plattformen vor allem
       öffentlich-rechtliche Sender sowie Wikipedia, Regierungsseiten,
       Parteiseiten. Die sechs am häufigsten zitierten Medien – NDR, ARD
       Mediathek, Zeit.de, rbb24, tagesschau.de, MDR – machen 75 Prozent aller
       zitierten Medienlinks aus. Lokalzeitungen tauchen kaum auf. KI-Übersichten
       zitieren also durchaus verlässliche Quellen, auch wenn ihre Vielfalt
       begrenzt ist.
       
       Außerdem lobt die KI politische Kandidat*innen. Ihre Positionen werden mit
       Formulierungen beschreiben, die in manchen Fällen an die
       Selbstbeschreibungen der Kandidat*innen und Parteien erinnern. Zum
       Beispiel: „Die politischen Ansichten von Steffen Krach (SPD) zeichnen sich
       durch einen pragmatischen, bürgernahen und umsetzungsorientierten Kurs
       aus.“ Krach ist der Spitzenkandidat der SPD für die Abgeordnetenhauswahl in
       Berlin. Wenn man Google um eine Wahlempfehlung bittet, zum Beispiel mit dem
       Prompt „Sollte ich für die Grünen stimmen“, erhält man zwar die Empfehlung,
       sich bei anderen Quellen zu informieren. Im nächsten Satz aber lobt die
       KI-Übersicht die Fragestellende – und kommt damit indirekt einer
       Wahlempfehlung ziemlich nah: „Mit einer Stimme für die Grünen setzen Sie
       ein klares Signal für ökologische Themen und eine weltoffene Politik.“
       
       Unsere Beobachtungen deuten darauf hin, dass Google im Hintergrund bewusste
       Entscheidungen trifft, wann eine KI-Übersicht angezeigt wird, wie die
       Inhalte formuliert sind und welche Quellen zitiert werden. Allerdings macht
       das Unternehmen diese Entscheidungen nicht transparent. Ein Firmensprecher
       sagt dazu lediglich: „Unsere KI-Suchfunktionen zeigen hochwertige
       Informationen aus einer Vielzahl von Webquellen an und basieren auf unseren
       zentralen Ranking- und Sicherheitssystemen.“ Doch neben den genannten
       strukturellen Effekten wirkt generative KI auch unmittelbar auf einzelne
       Nutzer*innen und verändert damit die Meinungsbildung. Während klare
       Fehler oft gut zu erkennen sind, gibt es andere Arten, subtil Einfluss zu
       nehmen, die Risiken bergen: Dazu gehört die Tendenz zur Schmeichelei, also
       dass generative KI dazu neigt, die explizite oder implizite Meinung der
       Fragestellenden zu bestätigen.
       
       Außerdem bewertet KI Informationen unterschiedlich, je nachdem, welcher
       Quelle sie zugeordnet werden. Dies führt zum Beispiel dazu, dass
       Institutionen mit hoher öffentlicher Reputation, etwa Behörden und
       etablierte Medien, in Antworten begünstigt werden. Während unabhängige oder
       kritische Stimmen seltener auftauchen.
       
       ## Kooperation Springer und OpenAI
       
       Wohin Gewichtungen im Hintergrund führen können, zeigt das Beispiel der
       [5][Kooperation von OpenAI und Axel Springer.] Die beiden Unternehmen haben
       seit 2023 eine Kooperation. Beiträge von Springer-Zeitungen wie Bild und
       Welt werden deshalb besonders oft zitiert. Es ist anzunehmen, dass die
       allermeisten Nutzer*innen nichts von dieser Kooperation wissen.
       
       Diese Effekte beschränken sich nicht auf KI-Übersichten zu Wahlen, sondern
       zeigen sich überall dort, wo Menschen KI-Systeme für Informationssuche oder
       Entscheidungsfindung nutzen. Dies kann zum Problem für die Demokratie
       werden, vor allem wenn Menschen mit Entscheidungsmacht –
       Regierungspersonal, hochrangige Beamt*innen, Politiker*innen –
       unkritisch Aufgaben von der KI erledigen lassen. Verzerrungen und
       Präferenzen von KI-Modellen könnten so Eingang in die Gesetzgebung, Politik
       und andere Entscheidungen finden.
       
       Wissenschaftler*innen haben untersucht, wie Menschen, die regelmäßig
       KI-Tools wie ChatGPT und Google Gemini nutzen, davon im Denken beeinflusst
       werden, und was sie als „gute“ oder „relevante“ Informationen betrachten.
       Dazu kommt der „Automatisierungsbias“, das Phänomen, bei dem Menschen
       computergenerierte Antworten leicht akzeptieren. Auch wächst die Gefahr,
       dass sich Menschen von der KI überzeugen lassen. Diese Effekte können sich
       gegenseitig verstärken, insbesondere dann, wenn Chatbots von mehreren
       Entscheidungsträger*innen innerhalb einer Organisation oder einer
       Behörde genutzt werden.
       
       ## Digitalminister Wildberger ist Fan von KI-Chatbots
       
       Politiker*innen, darunter auch Bundeskanzler Friedrich Merz, loben den Wert
       von KI-Chatbots für ihre Arbeit. Digitalminister Karsten Wildberger ist ein
       bekennender Fan und nutzt sie eigenen Angaben zufolge ein bis zwei Stunden
       täglich. Auch Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt hat sich Reden und
       Gastbeiträge von der KI schreiben lassen, darunter ausgerechnet eine Rede
       zum Holocaust-Gedenktag im Jahr 2025. Dafür wurde er heftig kritisiert.
       
       Für die Öffentlichkeit ist es unmöglich nachzuvollziehen, wie
       Politiker*innen und ihre Mitarbeitenden KI-Tools verwenden und wie sie
       die damit verbundenen Risiken einschätzen.
       
       Die Gefahr für die Demokratie liegt auch in der alltäglichen Nutzung dieser
       Technologien. Die gesellschaftliche Debatte darüber kommt immer erst nach
       dem Launch des KI-Features, auch das folgt einer Logik: KI-Unternehmen
       bringen Produkte auf den Markt, die weitreichende Auswirkungen auf unsere
       gesellschaftliche Meinungsbildung und damit die Demokratie haben,
       übernehmen aber keine Verantwortung für die Folgen. Die Unternehmen müssen
       daher dazu gezwungen werden, Rechenschaft abzulegen und Verantwortung zu
       übernehmen – durch Transparenzpflichten und Haftungsregeln. Diese müssen
       klar festlegen, dass Firmen für KI-generierte Inhalte haften müssen.
       
       4 Sep 2026
       
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