# taz.de -- Kult-Moped Simson gegen die AfD: Ein Fall von kultureller Aneignung
> Die Simson war in der DDR beliebt und ist heute Kult – vor allem unter
> Rechten. Jetzt wehrt sich die jüdische Simson-Familie gegen die
> Vereinnahmung.
(IMG) Bild: Jugend im Osten, unterwegs auf einer Simson
S 50 oder 1,5er – das war die Frage im Osten. Oder anders gesagt: Krauchst
du noch oder fährst du schon? Kleine Erinnerungshilfe für grauhaarige
Ostdeutsche, große Aufklärungskampagne für ratlose Westdeutsche: S 50, die
Simson, war eines der beliebtesten Mopeds in der DDR, ein Zweitakter mit
drei Gängen und einer Maximalgeschwindigkeit von rund 60 km/h. Wer mit der
„S fuffzig“, wie das Ding im Osten vor allem genannt wurde, von Berlin an
die Ostsee krauchte, brauchte schon mal 13 Stunden – auf der Landstraße,
klar, denn auf die Autobahn durfte das Moped nicht.
Die 1,5er hingegen, ein Zweitakt-Motorrad, brachte es mit seinen vier
Gängen schon mal auf 100 km/h. Cool waren die Jungs mit einer 1,5er. Die
mit der S 50 wurden nur gebraucht, wenn man im Sommer mal rasch an den
nächsten Badesee wollte.
Heute ist das offenbar anders, heute [1][genießt die Simson Kultstatus],
aber auch nur im Osten. Und das weniger als sensationelles Transportmittel,
sondern eher als Identifiktationssymbol und Statement: Ich bin Ossi, und
das ist gut so. Damit wird die Simson überhöht und mit einer politischen
Botschaft aufgeladen, die wiederum von der AfD nicht nur willig
aufgegriffen, sondern in ihrem Sinne weiterentwickelt wird.
So [2][knattert der thüringische AfD-Landeschef Björn Höcke gern auf einer
Simson durch die Gegend], Ortsverbände veranstalten Simson-Touren, einige
Landesverbände wollen die Simson als immaterielles Kulturerbe schützen
lassen. Das ist kulturelle Aneignung, die in einem Versprechen mündet: Bei
uns seid ihr Ossis gut aufgehoben.
Viele Ostdeutsche fühlen sich 35 Jahre nach dem Mauerfall offenbar immer
noch gedemütigt und verfallen in eine Ostalgie, die sie auf einer Simson
durch die Gegend fahren. Das nutzt die AfD so perfide wie geschickt aus.
Das Moped, argumentieren die Rechten, stünde für Tradition, deutsche
Handwerkskunst und echte Freiheit. Dabei wird die Simson gar nicht mehr
gebaut.
## Die Nachfahren wehren sich
Jetzt wehren sich die Nachfahren der Unternehmensgründer:innen gegen
die Vereinnahmung durch die AfD. „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der
AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens“, teilte der
Sprecher der heute in den USA lebenden Familie, Dennis Baum, mit. „Meine
Familie und ich lehnen extremistische Ideologien entschieden ab und wollen
die Inbesitznahme unseres Namens durch die AfD nicht hinnehmen.“
Dafür hat die Familie politische und persönliche Gründen: Die Gründer des
Unternehmens in Suhl, die Brüder Löb und Moses Simson, waren Juden.
Ursprünglich produzierte das 1856 gegründete Werk Jagdwaffen und
Artilleriegeschosse (unter anderem für die Krupp-AG), später Fahrräder und
Autos, im Ersten Weltkrieg schließlich Teile für Kriegsgerät und
Flugmotoren.
Nach dem Ersten Weltkrieg stellte das Unternehmen die Waffenproduktion ein,
weitete seine Autoherstellung auf Luxuswagen aus, ab 1930 kamen Kinderwagen
dazu. Nach der Machtübernahme der Nazis wurden die jüdischen
Geschäftsführer diffamiert und enteignet, das Werk wurde einem
NSDAP-Gauleiter übereignet, das den Nazis nunmehr als Rüstungsproduzent
diente. Die Familie Simson floh 1936 über die Schweiz in die USA, wo sie
heute noch lebt.
In der DDR wurde das Unternehmen ein VEB, ein volkseigener Betrieb, und
stellte vor allem Mopeds her. Die erste S 50 rollte 1975 aus dem Werk und
wurde tatsächlich zu einem Hit – aber nicht, weil sie so rasant und
formschön war. Sondern weil im Osten alles beliebt war, was Räder hatte.
Die Bahn in der DDR war eine ähnliche Katastrophe wie die heute und Taxis
waren Goldstaub. Und eine Simson, übrigens AfD, war nach einer Fahrt an die
Ostsee meistens auch kaputt.
20 Feb 2026
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