# taz.de -- Social Media vor Sachsen-Anhalt-Wahl: Tiktoken die noch ganz richtig?
       
       > AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zieht auf Tiktok mit radikalen
       > Inhalten wie kein Zweiter. Zwei SPD-Kandidat:innen halten mit Nähe und
       > Persönlichkeit dagegen.
       
 (IMG) Bild: Julius Neumann (links) und Skady Herkenrath (rechts) auf ihren Social-Media-Profilen
       
       Dann fragt Julius Neumann die Frau mit Lederjacke: „Wann war dein erstes
       Mal?“ Für ein Social Media Video spricht der Sozialdemokrat gerade fremde
       Menschen auf dem Marktplatz in Halle an. Es sind nur noch wenige Tage bis
       zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Neumann ist SPD-Direktkandidat und
       kämpft um jede Stimme. „Ähh, mit 18“, antwortet die Frau. „Und dein erstes
       Mal wählen?“, hakt Neumann nach. Sie zuckt mit den Schultern. „Auch mit
       18.“ Dann lächelt sie: „Gutes Jahr!“
       
       Das Interview dauert keine Minute. Direkt im Anschluss springt der
       27-jährige Neumann mit beschwingten Schritten auf einen Mann mit
       orangefarbiger Jacke und Fahrrad zu. Eine kurze Frage vor der Kamera? Der
       Mann schüttelt den Kopf. Kein Problem, es laufen ja noch genug andere auf
       dem Markt vorbei. Neumann hat sein kleines Mikrofon schon im Anschlag.
       
       Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt spielt Social Media in diesem Jahr eine
       besondere Rolle. Das liegt vor allem am [1][Spitzenkandidaten der AfD:
       Ulrich Siegmund]. Der 35-jährige Rechtsextremist ist zumindest auf Tiktok
       einer der erfolgreichsten Politiker:innen Deutschlands. 800.000
       Follower:innen, Millionen Aufrufe. Ununterbrochen folgt ihm sein
       Kamerateam, im Zweifel filmt er sich selbst zusätzlich mit dem Handy.
       
       Martin Fuchs, Experte und Berater für digitalen Wahlkampf, sagt: Für die
       Wahlkämpfer:innen habe Social Media eine entscheidende Rolle gespielt.
       „Social Media war für das Pingpong von Inhalten aus klassischen Medien
       extrem relevant.“ So hätten etwa Ausschnitte aus TV-Duellen bei der AfD und
       den Grünen teilweise Millionen Accounts erreicht.
       
       Außerdem weist er darauf hin, dass CDU, SPD, Grüne und Linke deutlich mehr
       Beiträge veröffentlichen als noch vor dem Wahlkampf. Deren
       Spitzenkandidat:innen stehen dabei im Zentrum. Wie Siegmund arbeiten
       sie mit professionellen Teams, die Qualität ihrer Videos ist gestiegen.
       Trotzdem bleibt schon die 25.000 Follower:innen-Marke für sie bislang
       unerreichbar.
       
       ## „Ich kenne Sie“
       
       Doch auch auf den hinteren Plätzen der Landeslisten versuchen
       Kandidat:innen bei Social Media mitzumischen, wie zum Beispiel Julius
       Neumann mit seinem kleinen Mikrofon. Bei Tiktok folgen ihm etwa 2.000,
       [2][bei Instagram etwa 3.000 Leute].
       
       Auf dem Markt in Halle dreht ein Jugendlicher den Spieß um: Er fragt
       Neumann, ob der nicht dieser SPD-Politiker von Instagram sei. Dann will er
       ein Foto mit Neumann. Die beiden reden kurz über die Landtagswahl. Neumann
       steht auf Platz 23 der SPD-Liste. Wenn es für die
       Sozialdemokrat:innen gut läuft, ziehen die ersten 10 ein. Aber der
       Jugendliche könnte Neumann sowieso nicht wählen, er werde erst nach der
       Wahl 18.
       
       Ein paar Minuten später erzählt Neumann, durch Social Media profitiere er
       von einem Wiedererkennungseffekt. Auch beim analogen Haustürwahlkampf im
       Süden von Halle höre er: „Ich kenne Sie doch.“ Die Menschen hätten bereits
       das Gefühl, sie könnten ihn einschätzen. „Ich hatte schon ein paar Mal
       Leute, die meinten, dass Coole an mir sei, das ich ein ‚normaler Mensch‘
       und nicht ‚so ein Politiker‘ bin.“
       
       Wie viele Stimmen er dadurch gewinnt? Spannende Frage, findet Neumann. „Am
       Ende entscheidet Social Media bei allen Parteien mit.“
       
       In seinen Videos geht es selten um seinen Wahlkampf und noch seltener um
       die SPD. Er thematisiert lokale Probleme wie die Schließung eines
       Einkaufscenters. Ehrenamtlich pfeift er als Schiedsrichter im gelben Trikot
       bei Fußballspielen. Auf Social Media greift er das immer wieder auf. Die
       rote Karte gezückt, bläst er auf einer viel befahren Straße in die
       Schiripfeife: „Weg mit den ganzen Autos hier!“
       
       Ganz anders sind die Videos von Skady Herkenrath. Sie tritt ebenfalls für
       die SPD an, allerdings auf Listenplatz 14 und für einen Wahlkreis in der
       ländlichen Altmark. Seit Ende letzten Jahres postet die 28-Jährige
       regelmäßig Videos für ihren Wahlkampf. Lip-Sync-Video hier, Ansagen an die
       AfD da. „Sachsen-Anhalt ist viel zu schön, um es der AfD zu überlassen.“
       Bei Tiktok folgen ihr 3.500, [3][bei Instagram sind es 19.100
       Follower:innen]. Bei beiden Plattformen folgen ihr mehr als dem
       SPD-Spitzenkandidaten Willingmann.
       
       ## Morddrohungen im Wahlkampf
       
       Im Gespräch mit der taz relativiert Herkenrath das aber. Social Media sei
       im ländlichen Raum nicht der beste Weg, um Wähler:innen zu erreichen.
       Dafür klingele sie an Haustüren oder stelle ihren Infostand auf. Mit ihrem
       Account versuche sie hingegen, als junge Kandidatin landesweit für die SPD
       zu werben. „Ulrich Siegmund wirkt auf Tiktok nahbar, deshalb geben ihm
       super viele Menschen Zuspruch. Ich versuche dasselbe zu machen, mit den
       Menschen ins Gespräch zu kommen und über Politik aufzuklären. Aber eben
       nicht als Rechtsextremistin, sondern mit einer positiven Message.“
       
       Aber warum ist der AfD-Mann auf Tiktok eigentlich so erfolgreich? Laut dem
       Wahlkampfexperten Martin Fuchs unterstützen nicht alle, die AfD-Videos
       schauen, auch deren Politik. [4][Dass der AfD auf Social Media so viele
       folgen, erkläre sich eher dadurch, dass sie eine „Hype-Welle“ surfe.]
       
       Neben den AfD-Politiker:innen selbst gebe es viele Accounts, die ebenfalls
       AfD-Inhalte verbreiten. Das „digitale Vorfeld“. Die Partei pflege seit
       Jahren Beziehungen zu Beauty-Creator:innen, Kraftsportler:innen,
       Kleingärtner:innen. Bei CDU, Grünen, SPD und FDP sei das hingegen gar nicht
       zu finden.
       
       Liegt das vielleicht an den Hürden? Allein der Zeitaufwand ist für eine
       Einzelperson hoch. Skady Herkenrath berichtet, an einem durchschnittlichen
       Tag sei sie schon zwei Stunden damit beschäftigt, auf Kommentare und
       Nachrichten zu reagieren. Bei denen finde sich zudem oft Belastendes. „Ich
       bekomme jeden Tag Kommentare, wie hässlich, dick und scheiße ich bin“,
       erzählt sie.
       
       Darüber spricht die 28-Jährige auch in ihren Videos. Der taz erzählt
       Herkenrath: „Am Anfang hat mich fertiggemacht, wie blöd mich Menschen
       finden.“ Mittlerweile könne sie darüber hinwegsehen. Doch bei Beleidigungen
       bleibt es nicht. Herkenrath berichtet auch von Gewalt- und Morddrohungen.
       „Das macht natürlich was mit einem.“
       
       Sie erstattete online Anzeige. Die Polizei habe sich schnell gemeldet und
       ihre Aussage aufgenommen. „Da hatte ich das gute Gefühl, dass ich ernst
       genommen werde und die Polizei das wirklich verfolgt.“
       
       Währenddessen postet sie weiter Videos über ihren Wahlkampf, über die
       Unterstützung und über Sachsen-Anhalt, das sie nicht der AfD überlassen
       möchte.
       
       3 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Radikales-AfD-Netzwerk/!6208708
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/juliusneumann.de/
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/skady.herkenrath/
 (DIR) [4] https://www.uni-potsdam.de/de/nachrichten/detail/2026-09-01-wer-im-wahlkampf-auf-social-media-gesehen-wird-potsdam-social-media-monitor-wertet-oeffentliche-daten-politischer-tiktok-profile-aus
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Muschenich
       
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