# taz.de -- Unmut in SPD: Freundliches über die Parteichefs sagt kaum noch jemand
> Für die SPD ist Krise kein neuer Zustand. Aber diesmal zieht sich die
> Ratlosigkeit durch die ganze Partei. Nun trifft sich die Fraktion zur
> Klausur.
(IMG) Bild: Immer schön lächeln: die SPD-Fraktion
Wenn die SPD-Abgeordneten nach der Sommerpause nach Berlin kommen, ist das
mitunter ein heikler Moment. „Alle bringen ihre Eindrücke aus den
Wahlkreisen mit nach Berlin“, sagt Wiebke Esdar der taz,
Vize-Fraktionsvorsitzende und Sprecherin der Parlamentarischen Linken.
In den Wahlkreisen, das berichten manche Abgeordnete, ist die Stimmung
geladen. „An der Basis denken viele, dass wir raus aus der Regierung
müssen“, so der SPD-Abgeordnete Ralf Stegner, der auf der Landesliste von
Schleswig-Holstein steht, zur taz. Andere verschanzten sich „in der
Wagenburg. Fester zusammenhalten, dann wird das schon.“
Die Partei ist nervös. Die Aussichten für die Landtagswahlen in Magdeburg,
Schwerin und Berlin sind bescheiden. Das Vertrauen, dass die Parteispitze
weiß, wo es langgeht, ist kaum noch vorhanden.
Der SPD-Unterbezirk Bielefeld machte [1][vor vier Wochen frontal mobil
gegen Lars Klingbeil und Bärbel Bas]. Die beiden müssten als Parteispitze
zurücktreten, weil sie „historische Mitverantwortung für den Niedergang“
der SPD hätten, hieß es in einem Brief. Wiebke Esdar vertritt den Wahlkreis
Bielefeld als Direktkandidatin im Bundestag. Zu dem Brief möchte sie nichts
sagen.
## Die großen Fragen
Es geht darum, vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin den internen Streit nicht höher kochen zu
lassen. Gerade in Sachsen-Anhalt [2][kämpfen die GenossInnen darum, der AfD
den Zugang zur Macht zu versperren.]
Klar ist: Die nächsten Monate werden für die SPD-Abgeordneten in Berlin
„anspruchsvoll“, so Esdar. Finanzminister Lars Klingbeil bringt den
Haushalt ein. Auf dem Programm stehen zudem die geplanten Sozialreformen
mit Triggerthemen wie der Abschaffung der abschlagsfreien Frührente nach 45
Beitragsjahren und der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag.
Das wird für die SPD-Fraktion ein Stresstest. Die Rente mit 63 hatte die
Sozialdemokraten selbst eingeführt und lange erbittert verteidigt. Wie
bleibt die Partei angesichts der Kürzungen erkennbar? Wie grenzt sie sich
von Kanzler Friedrich Merz (CDU) ab, ohne die Regierung zu versenken und
möglicherweise der AfD den Weg zu bereiten?
Am Donnerstag trifft sich die Fraktion zur Klausur. Gegen 13 Uhr soll
Vizekanzler Lars Klingbeil seinen Kurs skizzieren, danach ist eine
Aussprache geplant. Einer, der sich bei der Fraktionsklausur zu Wort melden
will, ist Markus Töns, der den Wahlkreis Gelsenkirchen direkt für die SPD
gewonnen hat. [3][Auch Töns hat einen Brief mitverfasst] – für die Ruhr-SPD
und weniger drastisch.
„Die Bundesregierung und die sie tragenden Fraktionen stecken in einer
schweren Vertrauenskrise“, so der Befund. Verantwortlich sei dafür vor
allem Kanzler Merz, dem der Respekt vor den Leistungen der arbeitenden
Bevölkerung fehle. Doch die anstehenden Reformen und Kürzungen bei Rente,
Gesundheit, Pflege werden, so die Befürchtung der Ruhr-Sozialdemokraten,
die Krise der SPD noch verschlimmern.
„[4][Die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag] noch als Kompromiss zu
verkaufen, halte ich für einen Fehler. Die Leute denken, wir finden das
auch noch gut“, so Töns zur taz. Und: „Auch die Rentenreform wird das
Parlament nicht eins zu eins umsetzen.“ Eigentlich sind die GenossInnen im
Ruhrgebiet traditionell pragmatisch. Doch das klingt fast wie eine
Kampfansage. Bis hierhin und nicht weiter.
## Auf der Suche nach einer „eigenen Gesamterzählung“
Egal mit wem man derzeit in der SPD redet, es klingt überall ähnlich,
abgesehen vom konservativen Flügel, dem Seeheimer Kreis. Freundliche Worte
zur Parteispitze findet kaum jemand. Dass laut Umfragen derzeit nur etwa 12
Prozent die SPD wählen würden, ist frustrierend. Vor allem fehlt der
Glaube, dass die SPD in der Merz-Regierung das Richtige tut – und dass sie
mit Klingbeil und Bas irgendwann wieder aus der Krise kommt.
Bas fülle die Rolle als SPD-Linke nicht aus, Klingbeil, der nur mit Ach und
Krach (64 Prozent) zum Parteichef gewählt wurde, hätte derzeit kaum eine
Mehrheit. Dass Klingbeil und Bas auch Finanzminister und Arbeitsministerin
sind, sei einfach die falsche Konstruktion. Ralf Stegner glaubt, dass, was
die Basis „derzeit von den Parteivorsitzenden erwartet, fast nicht leistbar
ist. Denn als Minister müssen Klingbeil und Bas Kompromisse aushandeln und
nach außen vertreten“, so der SPD-Linke zur taz.
Es ist das alte SPD-Dilemma. Sie macht als Juniorpartner in der Regierung
mit der Union Kompromisse, die Partei wird in dieser Machtarchitektur
unsichtbar. Was tun?
Norbert Walter-Borjans erinnert die Lage an 2019. Auch damals litt die SPD
an der Rolle als Juniorpartner der Merkel-Union. „Anstatt mit einer klar
erkennbaren sozialdemokratischen Linie auf die Suche nach einem Kompromiss
zu gehen, nehmen wir den erhofften gemeinsamen Nenner als
Verhandlungsbasis. Davon gibt es noch Abstriche. Am Ende bezeichnen wir das
als Gesamtkunstwerk“, so Walter-Borjans zur taz. Als Gesamtkunstwerk hat
die SPD-Spitze die 33 Vorschläge der Kommission für eine Rentenreform
bezeichnet. Auf der Strecke bleibe, so Walter-Borjans, „eine eigene
überzeugende Gesamterzählung“.
2019 wurde Walter-Borjans mit Saskia Esken und viel Unterstützung der Jusos
gegen den Willen der Parteielite zu den neuen SPD-Vorsitzenden gewählt. Die
neue Parteispitze war nicht im Kabinett, die Partei als eigenständiger
Mitspieler zumindest sichtbar. So wurde der Frust damals konstruktiv
kanalisiert.
Derzeit bleibt es hingegen bei lautstarkem Grummeln, dass die beiden oben
es nicht bringen. Immer gefolgt von der Warnung, dass es mit neuen Personen
auch nicht getan wäre. Das Frustlevel ist hoch, aber es gibt kein Ventil.
Den Sturz der Parteiführung fordern bislang nur die AG Migration und der
Unterbezirk Bielefeld – das ist noch keine kritische Masse. Für einen
Sonderparteitag müssten mindestens 8 der 20 Bezirke bundesweit die Hand
heben. Auch SPD-Linke ist bei Forderungen nach einem Sonderparteitag und
einer neuen Spitze sehr zurückhaltend.
Sebastian Roloff, SPD-Chef in Bayern und wirtschaftspolitischer Sprecher
der Fraktion, warnt vor „schnellen Personalentscheidungen“. Die SPD brauche
viel nötiger „eine konkrete Erzählung zur Bezahlbarkeit – bei Rente und
Wohnen.“ Schalke-04 Fan Markus Töns kennt sich mit enttäuschten
Heilserwartungen sowieso aus. „Als Gelsenkirchener bin ich leidgeprüft.
Auch der tausendste Trainer wird es nicht packen, wenn es die Mannschaft
nicht richtet.“
Zudem elektrisieren die Namen, die als Alternativen kursieren die
GenossInnen auch nur mäßig: Ex-Arbeitsminister Hubertus Heil und Alexander
Schweizer, der in Rheinland-Pfalz die Landtagswahl verlor. Nur der
Schweriner Ministerpräsidentin Manuela Schwesig könnten die Herzen der
Basis zufliegen. Aber sie muss erst mal die Wahl überstehen – [5][und lässt
offen, ob sie sich den Parteivorsitz antun würde.] „Uns fehlt jemand wie
Andy Burnham, der positive Fantasien auslöst“, so Walter-Borjans.
Also durchhalten und auf eine Besserung hoffen, an die derzeit kaum jemand
wirklich glaubt? Wenn die SPD in Sachsen-Anhalt am Sonntag im Parlament und
in der Regierung bleibt, wenn Schwesig am 20. September Ministerpräsidentin
in Schwerin bleibt und die SPD in Berlin weiter regieren kann, dann wird
das Basis-Grummeln vermutlich leiser werden. Verschwinden wird die Kritik
an Klingbeil und Bas aber nicht.
## Balsam mit künstlicher Intelligenz und Hape Kerkeling
Im Frühjahr 2027 wird in NRW und im Saarland gewählt. Wie soll man die
Wahlen mit einer Bundes-SPD ohne klares Profil mit einer wackelnden Spitze
bestehen? Auch Markus Töns glaubt, dass die Angst, dass die „AfD in den
Startlöchern steht“, nicht reicht. „Niemand wählt einen, wenn man sagt, man
habe das Schlimmste verhindert.“ Wofür die SPD aber positiv steht, das
können auch die GenossInnen derzeit nicht so genau sagen.
Am 26. September wird der DGB in Berlin „für einen starken Sozialstaat“
demonstrieren. „Die Gewerkschaften sind im laufenden Reformprozess für uns
eine sehr wichtige Stimme“, so Wiebke Esdar. Das letzte Mal, dass
Gewerkschafter gegen SPD-Minister auf die Straße gingen, war 2003 – als
Gerhard Schröder die Agendapolitik durchsetzte. Noch eine ungemütliche
Situation für die SPD-Fraktion.
Die spart bei ihrer Klausur am Donnerstag die aktuellen Stressthemen lieber
aus. Im Zentrum steht ein allgemeines Thema: die Auswirkung von künstlicher
Intelligenz auf die Arbeitswelt. Am Donnerstagnachmittag, nach der
Aussprache mit Klingbeil, tritt der Komiker, Schauspieler und
Anti-AfD-Aktivist Hape Kerkeling auf. Er redet darüber „wo die Toleranz in
der Demokratie ihre Grenzen hat und worauf es jetzt ankommt.“ Mit Kerkeling
gegen die AfD – zumindest da droht kein Streit.
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Baerbel-Bas-zu-Sozialreform/!6201106
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