# taz.de -- Krieg und Frieden: Rüstungswettlauf ohne absehbares Ende
> Abschreckung und Aufrüstung sorgen selten für Frieden, sondern befeuern
> weitere Eskalation. Wer das verhindern will, muss den Sozialstaat
> stärken.
(IMG) Bild: Die Abschreckungsphilosophie ist gut für die Rüstungsindustrie – hier Produktion von Artilleriemunition bei Rheinmetall
Angst vor einem (potenziellen) Angreifer macht die militärische
Abschreckung plausibel, der zwangsläufig Aufrüstung folgt. Wenn sich der
übermächtig erscheinende Feind dadurch seinerseits bedroht fühlt, wird er
gemäß der Abschreckungsphilosophie gleichfalls aufrüsten – was einen
permanenten Rüstungswettlauf zur Folge hat.
Auch ist stets von Abschreckung und Verteidigung gegen einen Angreifer die
Rede, wenn ein Krieg vorbereitet wird. Deshalb muss, wer den Frieden
erhalten will, die Abschreckungsideologie widerlegen und versuchen, die
militärische Bedrohungslüge zu entkräften.
Warum gelingt es „Sicherheitsexperten“, die zu Dauergästen in deutschen
TV-Talkshows avanciert sind, mit ihren apokalyptischen Bedrohungsszenarien
eine Vorkriegsstimmung zu erzeugen? Vermutlich nur deshalb, weil die
Legende einer „Gefahr aus dem Osten“ hierzulande eine jahrhundertelange
Tradition hat und bereits im sogenannten Dritten Reich ebenso wie im
Kaiserreich bewusstseinsbildend war.
Historisch widerspricht der Bedrohungshysterie die Tatsache, dass russische
Soldaten nie ein westeuropäisches Land überfallen haben, Russland hingegen
sechsmal aus Westeuropa und allein viermal aus Deutschland angegriffen
worden ist: zuerst von Napoleons Grande Armée im Jahr 1812, später von
Frankreich und Großbritannien im Krimkrieg 1853 bis 1856 sowie vom
Deutschen Kaiserreich im August 1914.
Danach von 14 Staaten, darunter Deutschland, Großbritannien und Frankreich,
in den Interventionskriegen nach der Oktoberrevolution 1918 bis 1920 und
schließlich von Nazi-Deutschland im grausamsten Eroberungs-, Vernichtungs-
und Ausrottungsfeldzug der Weltgeschichte von 1941 bis 1945.
All diesen Kriegen ging ein massives Wettrüsten voraus, das von den
beteiligten Staatsmännern mit der vermeintlichen Notwendigkeit begründet
wurde, die potenziellen Feindstaaten abzuschrecken. Man wollte
„kriegstüchtig“ werden, wie SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius
gesagt hätte, um den Frieden zu sichern.
Warum gilt die Abschreckung als wirksames Mittel der Kriegsverhütung? Fast
jeder hat es als Kind schon mal erlebt: Ist man selbst etwa mit einem Stock
oder einem Messer bewaffnet, schreckt der gewalttätige Nachbarsjunge vor
einem Angriff zurück.
Beschafft er sich einen größeren Stock, holt man sich einen zweiten. Tut er
das auch, nimmt man einen dritten Stock zur Hand. Und so weiter … Würde die
Verteidigungspolitik sämtlicher Staaten der Welt dieser primitiven
„Sicherheitsphilosophie“ à la Pistorius folgen, versänke die Menschheit im
Rüstungswahn. Dabei schadet nichts der Umwelt, der Natur und dem Klima mehr
als das Militär – durch seinen immensen Land-, Ressourcen- und
Energieverbrauch auch in Friedenszeiten, von Manöver- und Personenschäden
ganz zu schweigen.
Der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz sprach am 27. Februar 2022 in seiner
Regierungserklärung zum russischen Angriff auf die Ukraine von einer
historischen „Zeitenwende“, die bald auch die Sozialpolitik erfasste. Das
erste Opfer der sozialpolitischen Zeitenwende war die Kindergrundsicherung,
mit der man die Familienarmut verringern wollte.
Von der FDP und ihrem Finanzminister Christian Lindner bereits auf
Bonsai-Format geschrumpft – [1][zudem von der grünen Familienministerin
Lisa Paus unprofessionell gemanagt] –, waren am Schluss nicht einmal mehr
2,4 Milliarden Euro jährlich für das familien- und sozialpolitische
Prestigeprojekt der Ampelkoalition übrig. Allerdings wurden damals für rund
8,5 Milliarden Euro Waffen in die Ukraine geliefert.
## Wachsende Ungleichheit
Das zweite Opfer dieser Zeitenwende war das Bürgergeld, ein weiteres
Schlüsselprojekt der Ampelkoalition und [2][eine Herzensangelegenheit der
SPD.] Die wenigen Erleichterungen und Verbesserungen, mit denen SPD und
Bündnisgrüne Hartz IV „überwinden“ wollten, wurden mit Einführung der
„neuen Grundsicherung“ wieder gestrichen.
Das dritte Opfer der sozialpolitischen Zeitenwende droht die
Alterssicherung zu werden. Das Rentenniveau soll weiter sinken, die
Altersvorsorge mit Einführung der „gesetzlichen Kapitalrente“ stärker auf
den Finanzmarkt verlagert werden, das Renteneintrittsalter mit der
Lebenserwartung steigen und der abschlagsfreie Rentenbezug nach 45
Beitragsjahren abgeschafft werden. Wohlgemerkt von einer Regierung, an der
die SPD beteiligt ist.
Das von Boris Pistorius ständig vor sich her getragene Abschreckungsmantra
Si vis pacem para bellum (Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor)
müssen wir hinter uns lassen. Ersetzt werden sollte es durch eine Maxime,
die auf dem Grundstein des Ursprungsgebäudes der Internationalen
Arbeitsorganisation eingraviert wurde: Si vis pacem cole iustitiam (Wenn du
Frieden willst, sorge für Gerechtigkeit).
Nur wenn das Kardinalproblem unseres Planeten – die wachsende Ungleichheit
sowohl innerhalb der einzelnen Gesellschaften wie zwischen ihnen – gelöst
und die sich global vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich geschlossen
wird, kann die Menschheit überleben, ohne dass es zu einem Krieg zwischen
Atommächten und/oder einer sich bereits anbahnenden Klimakatastrophe kommt.
Wer die Demokratie und den Sozialstaat erhalten will, muss verhindern, dass
die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die öffentliche
Daseinsvorsorge sowie die soziale, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur
unseres Landes nötigen Mittel in die Aufrüstung der Bundeswehr zur
„stärksten konventionellen Armee Europas“ (Friedrich Merz) gesteckt werden.
Hochrüstung verschärft die soziale Ungleichheit, weil sie von den Armen
finanziert wird, während Vermögende von ihr profitieren: Die Reichen, denen
[3][Aktien von Rüstungskonzernen] gehören, werden reicher. Und die Armen,
deren Transferleistungen man entweder teilweise jahrelang nicht erhöht,
verringert oder gleich ganz streicht, werden zahlreicher. Nötig ist
Armutsbekämpfung durch Umverteilung des Reichtums statt Sozialabbau zur
Finanzierung der Hochrüstung.
1 Sep 2026
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