# taz.de -- Bundesregierung beschuldigt Russland: Kein Krieg, aber Kriegsziel
> Vier Wochen nach dem gescheiterten Sprengstoffanschlag in Leipzig nennt
> die Bundesregierung Russland als Verantwortlichen. Überrascht ist kaum
> jemand.
(IMG) Bild: Entschlossenheit, innen und außen: Johann Wadephul (l., CDU) und Alexander Dobrindt (CSU) gaben sich unbedingt abwehrbereit
Fast vier Wochen nach dem gescheiterten Drohnenangriff auf ukrainische
Frachtmaschinen am Leipziger Flughafen hat die Bundesregierung offiziell
[1][Russland] für den Vorfall verantwortlich gemacht. Man sehe Leipzig
nicht als einzelnes Ereignis, sagte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU)
auf einer Pressekonferenz am Dienstagabend. Und: „Wir gehen davon aus, dass
Deutschland das Ziel weiterer hybrider Angriffe Russlands ist.“
Man habe in der Vergangenheit gesehen, „dass es eine Bereitschaft gibt,
durch hybride Angriffe auch größere Schäden auszulösen“, so der
Innenminister. „Die Bundesregierung beantwortet diesen hybriden Angriff von
Leipzig verhältnismäßig und besonnen, aber gleichermaßen entschlossen. Wir
befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider
Kriegsführung“, sagte Dobrindt weiter.
Deshalb sei die Botschaft an Russlands Führung klar, ergänzte
Bundesaußenminister Johan Wadephul (CDU), der eigens eine Dienstreise
unterbrochen hatte, um mit seinem Amtskollegen die neuen geheimdienstlichen
Erkenntnisse und Maßnahmen vorzustellen: „Wir werden uns durch Russlands
Angriffe nicht in unserem gesellschaftlichen Zusammenhalt spalten oder
einschüchtern lassen.“ Die Bundesregierung werde in der Europäischen Union
zudem neue Sanktionen gegen Personen aus Russland vorschlagen und den Druck
auf die sogenannte russische Schattenflotte erhöhen. Dabei werde man sich
eng mit den Partnerländern abstimmen.
Derweil sicherte die EU-Kommission Deutschland ihre volle Solidarität zu.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilt auf der Plattform X nach
einem Gespräch mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit, die
Staatengemeinschaft bleibe angesichts dieses eskalierenden und
schwerwiegenden Vorgehens Russlands geeint. [2][Hybride Angriffe] würden
nicht ohne klare Antwort bleiben.
Zudem bereiteten die Außenminister unter irischer Ratspräsidentschaft
weitere Schritte vor, darunter auch zusätzliche Sanktionen. Schließlich
entging ein wichtiges Drehkreuz für die europäische Unterstützung der
Ukraine nur knapp einer Katastrophe.
## Kurz vor Katastrophe
Am 4. und 5. August hatten bislang unbekannte Täter*innen mindestens
zwei Drohnen aus der Ferne auf das Rollfeld des Flughafens Leipzig
gesteuert, eines davon war mit 800 Gramm Semtex, einem militärischen
Sprengstoff, bestückt. Innenminister Dobrindt sprach von
„Low-Level-Agenten“, also Tätern, die für Einzelaktionen angeworben werden,
oft ohne den Auftraggeber zu kennen.
Nach mehreren Stunden steuerten sie die fliegende Bombe schließlich gegen
die Tragfläche eines geparkten Frachtflugzeugs vom Typ Antonow AN 124, das
zu einer ukrainischen Airline gehörte. Doch der Zünder versagte, die Drohne
krachte zu Boden. Ein zufällig anwesender Busfahrer bemerkte sie und
stellte sie mit dem Fuß sicher.
Anders als die Bundesregierung, die vor Dienstag stets nur von „fremden
Mächten“ hinter dem Anschlag gesprochen hatte, äußerten zahlreiche
Expert*innen schon früh den Verdacht, dass Russland verantwortlich sei.
Zu professionell war das Vorgehen der Täter*innen und zu eindeutig das
Motiv.
## Nicht genug
Der Flughafen Leipzig ist in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen
Logistikknotenpunkt für die Versorgung der Ukraine mit Rüstungsgütern
geworden. Das getroffene Frachtflugzeug hatte zum Tatzeitpunkt zwar keine
Waffen oder Munition geladen, fliegt aber regelmäßig Rüstungsgüter in die
Ukraine. Die russische Regierung hatte in den vergangenen Monaten ihre
Rhetorik gegenüber den westlichen Unterstützern der Ukraine weiter
verschärft und die Nachschublinien zum expliziten Ziel erklärt.
Konstantin von Notz, Grünen-Politiker und Sicherheitsexperte, warf der
Bundesregierung im Umgang mit der russischen Aggression Versagen vor.
„Russland überzieht unser Land seit Monaten mit Spionage, Sabotage und
Desinformation“, sagte von Notz der taz. „Durch ihre bisherige Untätigkeit
und das Unvermögen der Bundesregierung, Dinge klar beim Namen zu nennen und
echte politische Konsequenzen zu ziehen, wurde Wladimir Putin in seinem
aggressiven Handeln uns gegenüber weiter bestärkt.“
Der Vorfall wirft aber nicht nur diplomatische Fragen auf, sondern auch ein
schlechtes Licht auf die deutschen Sicherheitsbehörden. Innenminister
Dobrindts angekündigte Stärkung der Antidrohneneinheit der Bundespolizei
wurde weithin als nicht ausreichend kritisiert.
Wie wirkungsvoll die nun anvisierten Maßnahmen sein werden, wird sich
zeigen.
1 Sep 2026
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## AUTOREN
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(DIR) Tanja Tricarico
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