# taz.de -- Wahlkampf in Ostdeutschland: Der Kanzler hält sich versteckt
       
       > Kanzler Friedrich Merz reist nach Sachsen-Anhalt und
       > Mecklenburg-Vorpommern, um die dortige CDU im Wahlkampf zu unterstützen.
       > Hat’s geholfen?
       
 (IMG) Bild: Klatschen für den Kanzler: Friedrich Merz trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Quedlinburg ein, im Hintergrund Sven Schulze
       
       Über dem Quedlinburger Dom, der mächtig auf dem Schlossberg oberhalb der
       Weltkulturerbestadt liegt, steht eine dunkle Wolkenwand. Aus der Ferne
       rollt Donner heran, während Friedrich Merz mit Abgeordneten und
       Bürgermeistern aus der Region dort oben im „Schlosskrug“ zusammensitzt. Wer
       ein Bild sucht, wie der Kanzler den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt
       beeinflusst: Die Natur zumindest drängt ein Gefühl von Untergangsstimmung
       geradezu auf.
       
       Merz ist an diesem Montag für eine gute Stunde in den Harz gekommen, es ist
       sein erster Besuch in Sachsen-Anhalt während des Wahlkampfs. Am Sonntag
       wird der Magdeburger Landtag neu gewählt. Die CDU könnte den Posten des
       Ministerpräsidenten, den sie seit 24 Jahren innehat, [1][an die AfD
       verlieren]. Erstmals seit 1945 wären in Deutschland dann Rechtsextremisten
       an der Macht. Es geht also um was.
       
       20 Minuten sind bei Merz’ Besuch für den Austausch mit der örtlichen CDU
       vorgesehen. Dann folgt – auf Wunsch des Kanzlers – eine Führung durch
       Kirche und Krypta. Der Gang durch den Schlossgarten, zu dem wenigstens ein
       Teil der Bildpresse zugelassen war, fällt wegen des Regens, der jetzt
       niederprasselt, aus. Am Ende ist ein Pressestatement von Merz gemeinsam mit
       dem um seine Wiederwahl kämpfenden [2][Ministerpräsidenten Sven Schulze]
       vorgesehen.
       
       Deshalb quetschen sich unterhalb des Schlossbergs jetzt die zahlreich
       angereisten Journalist:innen gegen Häuserwände, um nicht pitschnass zu
       werden. Nach oben darf erst mal nur der innere Kreis der CDU.
       
       ## Keine Wähler:innen weit und breit
       
       „Friedrich Merz im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt“, stand über der
       Presseeinladung der CDU. Nur: Nimmt man die zwei Dutzend AfD-Anhänger:innen
       aus, die sich kurz vor Merz’ Ankunft an der Auffahrt zum Schlossberg mit
       zwei Plakaten postiert haben und zaghaft pfeifen, dann sind hier weit und
       breit keine Wähler:innen. Sie sind in der CDU-Regie auch nicht vorgesehen.
       
       Als Merz und Schulze dann vor dem „Schlosskrug“ unter einem jetzt eher als
       Regenschirm dienenden großen Sonnenschirm vor der Presse stehen, betont
       Schulze noch einmal, dass der CDU-Kreisverband Harz sich seit längeren
       einen Austausch mit Friedrich Merz gewünscht habe.
       
       Denn natürlich schwant auch der sachsen-anhaltischen CDU, dass die
       Veranstaltung von außen betrachtet einigermaßen bizarr wirkt. So als müsste
       der Kanzler in diesem außerordentlich wichtigen Wahlkampf zwar irgendwie
       vorkommen, aber wenn er da ist, dann versteckt man ihn lieber. Ein weiterer
       Besuch unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit ist am Donnerstag
       in Leuna geplant.
       
       ## Der verdatterte Ministerpräsident
       
       Nachdem Sven Schulze dem Kanzler für sein Kommen gedankt und aufgezählt
       hat, was er in seiner kurzen Zeit als Ministerpräsident bereits so alles
       geleistet hat und was er für die Zukunft noch plant, ist Merz dran. Der
       sagt, dass Sachsen-Anhalt nicht zum Experimentierfeld für Wutbürger werden
       dürfe. Und den etwas kryptischen Satz: „Es gibt zu den Wählerinnen und
       Wählern in Sachsen-Anhalt keine Brandmauer. Ich möchte diese Wählerinnen
       und Wähler gewinnen.“
       
       Das kann man als Zeichen an den Kreisverband sehen, der in dem ohnehin sehr
       konservativen CDU-Landesverband noch einmal besonders konservativ ist und
       den Unvereinbarkeitsbeschluss, den die CDU 2018 sowohl mit Blick auf die
       AfD als auch auf die Linken beschlossen hatte, am liebsten abschaffen will.
       
       Man werde kämpfen, sagt der Kanzler dann. Hier oben auf dem Schlossberg
       allerdings, abgeschottet von der Quedlinburger Bevölkerung, deutet auf
       Kampf so gar nichts hin. Zehn Minuten sind gerade vergangen, nachdem Merz
       und Schulze an die Mikrofone getreten sind, da sagt der Kanzler: „So.“ Und
       tritt den Rückzug Richtung „Schlosskrug“ an. Schulze steht einen Moment
       verdattert da, er hatte sich wohl auf Pressefragen eingestellt. Auch die
       Pressesprecherin guckt verdutzt. Dann gehen die beiden Merz hinterher.
       
       ## Blitzvisite an der Küste
       
       Dem abendlichen Kanzler-Termin in Sachsen-Anhalt ist am Montagnachmittag
       eine Blitzvisite rund 350 Kilometer weiter nördlich im Ostseebad
       Kühlungsborn in Mecklenburg-Vorpommern vorgeschaltet. Auch hier im
       Nordosten wird schließlich im September – zwei Wochen nach Sachsen-Anhalt –
       gewählt.
       
       Und so hat Merz auch bei diesem Termin Kollegen der Landes-CDU im
       Schlepptau. In diesem Fall zum einen den jüngst zum Staatsminister für die
       Bund-Länder-Beziehungen im Kanzleramt beförderten Philipp Amthor, zum
       anderen [3][den CDU-Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten Daniel
       Peters]. Beide strahlen um die Wette.
       
       Auch der Kanzler versucht, sich locker zu geben. Muss er auch, denn
       vorgesehen ist: Kontakt mit Passant:innen, Hände schütteln, verständnisvoll
       gucken, auch mal winken. „Ich freue mich, wenn wir hier die Gelegenheit
       haben, Bürgerinnen und Bürger zu treffen“, sagt Merz. Der Termin in
       Kühlungsborn läuft also gänzlich anders als der in Quedlinburg. Dass er für
       die Partei – und Merz – besonders gut läuft, lässt sich allerdings nicht
       behaupten.
       
       Gut 150 Schaulustige verfolgen das Spektakel, wie Merz, Amthor und Peters
       flotten Schrittes ein winziges Stück der Strandpromenade ablaufen. Von
       einem kleinen Fischrestaurant geht es zu einem mit Polizeigittern
       abgeschirmten mobilen Fischbrötchen-Wahlkampf-Stand der CDU. Überall Fisch.
       Das soll so. Die Partei wirbt in Mecklenburg-Vorpommern auf Plakaten mit
       Fischbrötchen-Motiven, Slogan: „Das Beste ist in der Mitte“. Im
       Fischrestaurant sagt Daniel Peters: „Wir grenzen uns klar ab von linken und
       rechten Krakeelern.“
       
       ## Buhen, brüllen, schimpfen
       
       Am Stand der CDU angekommen, fängt eine kleine Gruppe an zu buhen und zu
       brüllen. Insbesondere ein Mann – untersetzt, mittleres Alter, graues
       Muskelshirt – kriegt sich nicht mehr ein. „Kriegstreiber“, „Pinocchio“,
       „Vollidiot“, ruft er dem von Personenschützern umringten Kanzler zu. Dazu
       noch: „Wir wollen Alice Weidel!“
       
       Dagegen war die Standpauke, die sich Merz zuvor im Fischrestaurant von
       Betreiber Roberto Keppler und seinem Sohn Paul abholen durfte, eher nett.
       Probleme mit dem Personal, mit der Bürokratie, mit den Kegelrobben: „Geht
       es so weiter, wird es keine Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern mehr
       geben“, schimpft Paul Keppler. „Das kann doch so nicht weitergehen“,
       schimpft auch der Vater. Amthor und Peters setzen zu Erklärungen an.
       Gefolgt von dem Standardsatz: „Wir nehmen das mit.“ Der Kanzler lächelt,
       nickt, beißt in ein Fischbrötchen.
       
       Anders als die wahlkämpfenden Parteikolleg:innen in Sachsen-Anhalt
       haben die führenden Christdemokrat:innen im Nordosten kein Problem
       damit, sich offensiv hinter den Kanzler und seine Politik zu stellen.
       Selbst die in Ostdeutschland zum festen politischen Besteck gehörende
       Kritik an der Abschaffung der abschlagsfreien Frührente findet hier nicht
       statt. Mecklenburg-Vorpommerns CDU-Chef Daniel Peters jedenfalls erklärt
       die Vorschläge der Rentenkommission freimütig für „allesamt in Ordnung“.
       
       Allerdings hat die CDU in Mecklenburg-Vorpommern nach Stand der Dinge auch
       nicht mehr viel zu verlieren. Die Partei kommt in Umfragen [4][auf gerade 9
       bis 10 Prozent]. Das mag unbefriedigend sein, aber es macht auch lockerer.
       Oder anders formuliert: Ein Kurzbesuch von Merz, selbst ein eher
       missglückter, kann da nicht mehr schaden.
       
       „Vor vielleicht zehn Jahren, da war die Angela Merkel hier, da waren 1.000
       Leute und die haben zum Teil sogar gejubelt“, erinnert sich eine ältere
       Kühlungsbornerin. Dagegen sei der kurze Auftritt von Merkels Nachnachfolger
       ja nichts gewesen. Auch der junge Mann neben ihr, der extra wegen Merz aus
       Rostock angereist ist, nennt die Veranstaltung „eine vertane Chance“. Merz
       ist da längst schon wieder weg – und auf dem Weg nach Sachsen-Anhalt.
       
       ## „Am besten ist, wenn man aus Berlin nichts hört“
       
       In Sachsen-Anhalt waren die Christdemokrat:innen vor gar nicht allzu
       langer Zeit noch ausgewiesene Merz-Fans, wie in vielen ostdeutschen
       Bundesländern. Jetzt ist man enttäuscht, weil er nicht liefert, was er so
       vollmundig versprochen hat. Stattdessen machen der Kanzler und seine
       Bundesregierung den Wahlkampf noch schwerer. Also hält man – anders als in
       Mecklenburg-Vorpommern – zum unbeliebten Kanzler eben lieber Distanz.
       
       Schulze hat Merz zum Landesparteitag nicht eingeladen, eine bereits
       geplante Präsidiumssitzung der Bundes-CDU in Magdeburg lud er wieder aus.
       Viermal hat er sich mit dem Komiker Didi Hallervorden auf die Bühne
       gestellt, der dort über den Kanzler herzog. Und von den Empfehlungen der
       Rentenkommission, die Merz als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet hat und
       umsetzen will, hat sich Schulze [5][gemeinsam mit seinen Kollegen aus
       Sachsen und Thüringen distanziert].
       
       Der Einwand der drei Länderchefs habe ihn überrascht, hatte Merz bei der
       [6][Kabinettsklausur in Neuhardenberg] gekontert, weil dieser „auch nicht
       mit ausreichenden Sachargumenten unterlegt war“. Das kam auch nicht gut an.
       Erweckte es doch den Eindruck, dass die drei in seinen Augen keine Ahnung
       haben. Und das vor einer extrem wichtigen Landtagswahl, bei der einer der
       drei wieder gewählt werden will. Ist man mit Wahlkämpfer:innen
       unterwegs, heißt es unisono: „Am besten ist, wenn man aus Berlin gar nichts
       hört.“
       
       ## Folgen für den Kanzler
       
       Der Ausgang der Landtagswahl aber wird auch für den Kanzler Folgen haben.
       Manche unken bereits, eine absolute Mehrheit der Sitze für die AfD im
       Magdeburger Landtag würde er nicht überstehen.
       
       Was auf jeden Fall stimmt: Es würde der AfD bundesweit weiter Auftrieb
       geben und die ohnehin angeschlagene CDU weiter schwächen. Und
       möglicherweise ist Merz’ Autorität gefragt, sollte bei einer schwierigen
       Regierungsbildung unter Führung der CDU etwas ins Rutschen geraten. In der
       hiesigen CDU wollen nämlich viele eine Zusammenarbeit sowohl mit der AfD
       als auch mit der Linken unbedingt verhindern. Wahrscheinlich aber wird eine
       der beiden gebraucht.
       
       Dazu aber will Sven Schulze nichts sagen, als er am Montagabend kurze Zeit
       nach Merz’ Abgang mit einer Cola in der Hand noch einmal aus dem
       „Schlosskrug“ zu den Journalist:innen kommt und Fragen beantwortet.
       Hinter ihm liegt unten die Quedlinburger Altstadt nun wieder in sonnigem
       Abendlicht, am Horizont zeigt sich ein Regenbogen. Aber auch das entgeht
       Merz. Er ist schon wieder abgereist.
       
       1 Sep 2026
       
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