# taz.de -- CDU-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt: Herr Schulze von der CDU
> Die Umfragewerte der CDU sinken. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
> steuert sie auf eine Niederlage zu. Was macht Ministerpräsident Schulze
> dagegen?
(IMG) Bild: Sven Schulze, Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026, besucht einen Infostand der CDU
„Hallo, ich bin Sven Schulze. Und wie heißen Sie?“ Auf einem Aldi-Parkplatz
in Magdeburg streckt der Spitzenkandidat der CDU für die [1][Landtagswahl
in Sachsen-Anhalt am 6. September] einem bärtigen Mann in Arbeitshose seine
Hand entgegen. Während sie sich begrüßen, schiebt eine Frau ihr Fahrrad
vorbei. Ob sie ein Foto mit dem Ministerpräsidenten haben könne? Schulze
schaut kurz zur Frau, dann zurück auf dem Bärtigen. Der sagt, er könne
warten, und setzt sich nebenan auf eine Mauer in den Schatten.
An diesem warmen Samstagmorgen im August hat die CDU einen Infostand vor
dem Discounter aufgebaut. Kameras seien unerwünscht, hieß es vorab, ein
Fernsehteam ist schon wieder abgezogen. Schulze wolle in Ruhe mit den
Menschen in seinem Wahlkreis sprechen. Wenn gefilmt werde, schrecke das ab.
Ein privater Schnappschuss ist aber kein Problem, für das Foto mit der Frau
mit Fahrrad lächelt Schulze. Die Ärmel seines weißen Hemdes hat der
47-Jährige hochgekrempelt, sein Handy steckt hinten in der Jeans. Ein paar
Meter entfernt stehen zwei Männer in dunkler Kleidung. Personenschützer der
Polizei.
Für Schulze läuft es an diesem Morgen entspannter, als seine Umfragewerte
erwarten lassen. Seit er vor einem Jahr als Nachfolger des allseits
beliebten Landesvaters Reiner Haseloff zum Spitzenkandidaten gekürt wurde,
befindet sich die CDU im Abwärtstrend. Im Juni 2025 lag die konservative
Partei noch bei 34 Prozent auf dem ersten Platz. Im August kündigte
Haseloff seinen Rückzug an und benannte Schulze als seinen bevorzugten
Nachfolger. Im September waren es 27 Prozent. Heute liegt die CDU mit etwa
22 Prozent auf dem zweiten Platz – je nach Umfrageinstitut mit 20
Prozentpunkten hinter der AfD.
[2][Im Januar schließlich trat Haseloff zurück] und Schulze wurde zum
Ministerpräsidenten gewählt. Am Abwärtstrend der CDU änderte das nichts.
Amtsbonus? Dafür haben die sieben Monate offenbar nicht gereicht.
Dabei mangelt es Schulze nicht an selbstbewussten Auftritten. Zum Beispiel
Ende Juli, der Wahlkampf nimmt schon richtig Fahrt auf, da tritt er
gemeinsam mit den Spitzenkandidat:innen Armin Willingmann (SPD) und
Lydia Hüskens (FDP) vor die Kameras. Die drei Parteien regieren seit fünf
Jahren gemeinsam das Land. Inzwischen kommen sie in Umfragen nur noch auf
ein Drittel der Stimmen. Trotzdem erklären sie noch im Juli: Nach der Wahl
wollen sie am liebsten in der Koalition weiterregieren. Nach dem
gemeinsamen Auftritt halten sie sich mit derlei selbstbewussten Aussagen
aber zurück.
## Schulze kommt nicht einmal über die Lippen, Siegmund sei ein
Rechtsextremist
Zehn Tage vor der Wahl trifft Sven Schulze [3][im TV-Duell beim MDR] –
jetzt im dunkelblauen Anzug, am Revers eine Anstecknadel mit dem
Landeswappen von Sachsen-Anhalt – auf den Mann, der ihn als
Ministerpräsidenten ablösen möchte. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der
AfD, wäre der erste rechtsextreme Ministerpräsident der Bundesrepublik.
Laut Infratest dimap sind 37 Prozent der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt
mit der Arbeit des 35-jährigen Vorsitzenden der AfD-Landtagsfraktion
zufrieden. Und das, obwohl er familiär in den Vetternwirtschaftsskandal der
AfD verstrickt ist und Kontakt zu Menschen aus der Neonazi-Szene pflegt.
Das alles könnte Schulze im TV-Duell auf den Tisch bringen. Doch auf die
Frage, was er Menschen sage, die Siegmund wählen wollen, antwortet er mit
etwas anderem. Die AfD habe kein Konzept für die Zukunft von Sachsen-Anhalt
und wolle Frauen „zurück an den Herd“ schicken.
Während der freundlich lächelnde Siegmund im weiteren Verlauf Schulze
politisch [4][als „Flachzange“ bezeichnet], kommt Schulze nicht mal über
die Lippen, Siegmund sei ein Rechtsextremist. Er umgebe sich „mit sehr
gefährlichen, sehr extremen Menschen“, deutet Schulze nur an.
Dann spricht er wieder über seine Politik als Ministerpräsident. „Ich habe
geliefert und nicht nur gelabert.“ Als Beispiel nennt er die
„Bürgerarbeit“: Langzeitarbeitslose und Asylbewerber:innen sollen in
Sachsen-Anhalt verpflichtend arbeiten. Es geht um die Pflege von
Grünflächen oder Hilfsarbeiten bei Vereinen. „Jeder, der ’ne Leistung vom
Staat bekommt, sollte auch ’ne Gegenleistung bieten“, sagt Schulze. Ende
Juni hat er eine entsprechende Vereinbarung für Sachsen-Anhalt
unterzeichnet. Wer sich dieser Arbeitspflicht verweigert, muss mit
Leistungskürzungen rechnen.
Im TV-Duell will Schulze damit offenbar zeigen, dass er regieren kann. Doch
um Ministerpräsident zu bleiben, bräuchte er eine Mehrheit im Landtag – und
die ist den Umfragen nach aktuell nicht gegeben. Stand jetzt bräuchte er
entweder Stimmen von der AfD oder der Linken. Eine Zusammenarbeit schließt
die CDU aber aus. Schulze sagte in einer Talk-Sendung des ZDF, er werde
nicht nach Stimmen fragen. Deshalb werde es auch keine Minister:innen
der Linkspartei in seinem Kabinett geben. Wenn er allerdings auf Podien
steht, fällt auf, dass er Linken-Spitzenkandidatin [5][Eva von Angern]
deutlich weniger angeht als den AfDler Ulrich Siegmund.
## „CDU? Um Gottes willen!“
Zurück in seinem Wahlkreis in Magdeburg. Hinter ein paar Bäumen ragen
Plattenbauten hervor. Aus einer anliegenden Bäckerei zieht der Duft
frischer Brötchen herüber. Vor der heißen Augustsonne schützt den Infostand
ein Schirm in der orangen Farbe des CDU-Landesverbands Sachsen-Anhalt. Fünf
Wahlhelfer:innen der Union haben sich rund um den Eingang zum
Discounter verteilt, in den Händen halten sie aufgefächert die orangen
Flyer mit dem Foto von Sven Schulze. An drei Stellen „bittet“ er darin „um
Ihre Unterstützung“. Passend zu den Frühstücksbrötchen gibt es als
Give-away auch Marmelade: Bitter Orange.
Mit abwehrender Geste und ohne die Flyer eines Blickes zu würdigen, läuft
ein Mann mit Käppi an den Helfer:innen vorbei. Seine Stimme gehe an die
AfD, sagt er, und verschwindet im Aldi. Eine Frau mit großer Einkaufstasche
ruft: „CDU? Um Gottes willen!“ Eine andere Frau tritt auf Schulze zu.
„Machen Sie weiter, diesen Idioten von der AfD braucht keiner“, sagt sie.
Der CDU-Politiker lächelt.
Als Schulze vor einem Jahr zum Spitzenkandidaten wurde, war die Bekanntheit
sein Problem. Oder besser: Seine mangelnde Bekanntheit. Er stammt aus dem
kleinen Ort Heteborn in Sachsen-Anhalt, engagierte sich für die CDU im
Gemeinderat und wurde Landesvorsitzender der Jungen Union. 2014 zog er ins
Europäische Parlament ein, 2021 wurde er Wirtschaftsminister von
Sachsen-Anhalt. Trotzdem kannte ihn laut Infratest dimap ein Jahr vor der
Wahl nicht mal jede:r Zweite im Bundesland.
Seitdem ist Schulze häufig in der Öffentlichkeit. Er besucht Talkshows,
wird in der Satiresendung „heute-show“ auf den Arm genommen, spricht bei
einem Interview in der Illustrierten Bunte gemeinsam mit seiner Frau über
das Erfolgsrezept ihrer Ehe, [6][radelt öffentlichkeitswirksam mit dem
Mountainbike durch Sachsen-Anhalt], beantwortet Fragen der rechten
Propagandaplattform Nius.
## Auftritt mit Hallervorden
Bei vier Terminen stand Schulze [7][mit dem 90-jährigen Kabarettisten Didi
Hallervorden auf der Bühne], der erklärt hatte, er wolle sein „kleines
Gewicht“ in die Waagschale werfen, um die erste AfD-Regierung in
Deutschland zu verhindern. Doch schon beim ersten Auftritt kritisierte der
Kabarettist die aktuelle Bundesregierung von Friedrich Merz (CDU). Wenn der
glaube, dass Krieg sich lohne, solle er auf dem Mond kämpfen, sang
Hallervorden in einem Liedchen.
Prompt folgte Kritik an Hallervorden von der Bundes-CDU. Doch Schulze ging
noch dreimal mit ihm auf die Bühne. Er teile nicht dessen Meinung, aber das
sei auch kein Problem. Hallervorden genieße schließlich Kunstfreiheit.
Doch auch Schulze selbst kritisiert die Regierung von Merz; ganz konkret
etwa bei der geplanten Rentenreform. Ende Juni hatte er auf Instagram noch
geschrieben, er unterstütze die Vorschläge. „Jetzt kommt es darauf an, sie
zügig umzusetzen.“ Dann änderte er seine Meinung.
Ein zentrales Vorhaben der Reform ist, den abschlagsfreien Ruhestand nach
45 Beitragsjahren abzuschaffen. Im August erklärte Schulze gemeinsam mit
den CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen: Das ist eine
schlechte Idee. Die Menschen in Ostdeutschland würden unter diesem Vorhaben
besonders leiden. Darum wollten die Ministerpräsidenten im Bundesrat
dagegen stimmen. Geändert hat das an Schulzes Umfragewerten nichts.
Auf dem Aldi-Parkplatz geht der CDU-Spitzenkandidat nach einem weiteren
Foto mit einem Wähler schließlich zu dem Mann in Arbeitshose, der geduldig
im Schatten gewartet hat. Die beiden reden etwa eine halbe Stunde lang, der
Bärtige erzählt von seinem Job, bei dem er Maschinen reinigt. Schulze sagt:
„Ich habe ja viele Jahre als Ingenieur gearbeitet, wir haben Maschinen
aufgebaut.“ Als Vertriebsleiter sei er früher viel im Land unterwegs
gewesen, erzählt Schulze. Der Mann sagt, er müsse auch ständig durch die
Gegend fahren. „Da kennst du wahrscheinlich jede Autobahn?“, fragt Schulze,
und der bärtige Mann lacht. Fast jede.
Im Verlauf des Gesprächs stellt sich heraus, der Mann hat noch nie CDU
gewählt. Wolle er auch nicht. Gregor Gysi, der dienstälteste
Bundestagspolitiker von den Linken, der sei für ihn Kult. Dieses Jahr
überlege er allerdings, ob er taktisch den Grünen seine Stimme gebe, damit
die in den Landtag kommen. Seine größte Sorge sei die AfD.
Beim Direktmandat im Wahlkreis Magdeburg West habe die Linke keine Chance,
sagt der CDU-Spitzenkandidat. Da heiße es: entweder AfD oder Sven Schulze.
Deshalb solle der Mann ihm die Erststimme geben. „Und mit der Zweitstimme
kannst du wen anderes wählen.“ Der Mann überlegt kurz. Dann sprechen sie
noch über Sozialpolitik.
Zum Abschied schenkt er Schulze zwei Kugelschreiber mit seinem Firmenlogo.
Schulze lacht. „Das ist das erste Mal, dass ich was kriege.“
Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Version des Artikels hieß
es, die CDU schließe aus, dass Schulze mit Stimmen von AfD und Linken
gewählt werde. Richtig ist allerdings, dass die CDU eine Zusammenarbeit
ausschließt. Wie haben die Stelle korrigiert.
30 Aug 2026
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(DIR) David Muschenich
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