# taz.de -- Dokumentarfilmer in Ceuta: „Wir wurden alleingelassen“
> Der Filmemacher Viktor Schimpf hat im August Migranten in Ceuta
> begleitet. Die taz hat ihn vom benachbarten Tanger aus telefonisch zu
> seinen Eindrücken befragt.
(IMG) Bild: Der Strand von Ceuta wird von Polizei und Armee geräumt, am 20.8.2026
taz: Was war Dein erster Eindruck, nachdem die Fähre vom spanischen
Festland in Ceuta anlegte?
Viktor Schimpf: Was sofort auffällt, ist die massive Präsenz von Militär
und Polizei. Sowie die Masse von Menschen, hauptsächlich junge Männer, die
scheinbar orientierungslos durch die Straßen ziehen. Morgens liegen viele
Migranten einfach so auf dem Bürgersteig. Auf dem Weg zur marokkanischen
Grenze wird es dann noch voller. Über allem Helikopter, im Hintergrund
heulen überall Sirenen.
taz: Sind mehrheitlich Marokkaner oder Migranten aus Subsahara-Afrika in
Ceuta geblieben?
Schimpf: Das war am Anfang schwer abzuschätzen. Aber nach einigen Tagen
habe ich dann verstanden, dass sehr viele Menschen aus Marokko in Ceuta
integriert leben oder dort arbeiten. Es sind auch sehr viele Migranten aus
Palästina oder Subsahara-Afrika geblieben. Genaue Zahlen hat niemand.
taz: Gibt es Probleme zwischen den verschiedenen Gruppen und mit den
Bewohnern?
Schimpf: In den ersten Tagen gab es nur leichte Spannungen. Ich hatte das
Gefühl, dass alle versuchten, die jeweils anderen zu tolerieren.
Mittlerweile sprechen viele spanische Bewohner von Angriff oder Invasion
und wollen, dass das endlich aufhört. „Wir wurden alleingelassen“. Diesen
Satz hört man häufig.
taz: Wie ist die Stimmung nach Einbruch der Dunkelheit?
Schimpf: Nach Sonnenuntergang ziehen sich die Bewohner Ceutas zurück,
niemand von ihnen ist auf der Straße. Aus Angst vor den Migranten sind die
meisten Läden auch am Tage zu.
Polizei und Armee tauchen unangekündigt am Strand auf und verscheuchen die
Schlafenden. Die Suche nach einem sicheren Platz führt wiederum zu
Konflikten unter den Migranten. Man will es ihnen so unangenehm wie möglich
machen. Die Angriffe finden immer wieder an denselben Orten statt, nur mit
dem Ziel der Einschüchterung.
taz: Hast Du solche Aktionen selbst erlebt?
Schimpf: Zweimal habe ich nur an ein und demselben Ort übernachten können.
In der ersten Nacht kam das Militär plötzlich um die Ecke, ich bin mit den
anderen geflohen. Die Migranten, mit denen ich umherzog, haben sich dann
mit Jungs aus der Nachbarschaft befreundet. Die haben ihnen dann einen
einigermaßen sicheren Schlafplatz angeboten, zum Beispiel in einem
Hauseingang.
taz: In den mehrheitlich arabischen Wohnvierteln Ceutas finden die
Migranten also mehr Unterstützung?
Schimpf: Die Gruppe, mit der ich unterwegs war, war in den Außenbezirken
rund um die Moschee unterwegs. Es waren junge Männer aus Gaza und Marokko,
sie haben dort auf Arabisch schnell Kontakt mit den Einheimischen gefunden.
Spanisch wird nur in der Innenstadt gesprochen.
taz: Wie viele Migranten sind aus Deiner Sicht derzeit in Ceuta?
Schimpf: Ich schätze zwischen 5.000 und 10.000, auf keinen Fall mehr.
taz: In Marokko sind die bis zu 2.000 Minderjährigen ein großes Thema.
Justizminister Abdelatif Quahbi fordert ihre Rückführung. Nun sollen aber
500 auf das spanische Festland gebracht werden. Hast Du minderjährige
Migranten gesprochen?
Schimpf: Viele haben mir gesagt, dass sie 30 Tage in Ceuta bleiben können
und dann zurück nach Marokko müssen. Ich habe nicht herausgefunden, was für
eine Genehmigung oder Prozedur das sein soll und wer ihnen das gesagt hat.
Aber es ist ein Gerücht, das jeder kennt und glaubt.
Einen großen Plan hat sowieso niemand, mit dem ich sprach. Sie bleiben,
wenn sie können. Müssten sie zurück nach Marokko, würden sie auch das
machen.
taz: Haben die Migranten aus Marokko eine andere Erwartungshaltung als
diejenigen aus Subsahara-Afrika oder anderen arabischen Ländern?
Schimpf: Wer von weiter weg kommt, ist davon überzeugt, weiterziehen zu
können. Wenn es von Ceuta aus nicht klappen sollte, wollen sie geschlossen
nach Melilla gehen. Wer aus Marokko kommt, rechnet eher nicht damit, es
nach Europa zu schaffen. Es sind viele Gruppen von Freunden unterwegs, oft
haben sie sich spontan auf den Weg gemacht.
taz: Wie ist die hygienische Lage?
Schimpf: Polizeibeamte haben mir von vom Ausbruch der Krätze und
Tuberkulose berichtet. An einigen Strandabschnitten schlafen die Menschen
dicht an dicht nebeneinander. Ein paar Meter weiter verrichten sie ihre
Notdurft. Es liegt nahe, dass bei solchen hygienischen Verhältnissen
Krankheiten ausbrechen. Je näher man dem Zentrum kommt, desto sauberer ist
es. Weil die Polizei dort präsenter ist, schlafen dort weniger Migranten.
taz: Gibt es Hilfsorganisationen in Ceuta?
Schimpf: Lokale Helferinnen in rosa Hemden [1][kümmern sich um
minderjährige Mädchen], sprechen diese an. Dann gibt es noch [2][das
Kollektiv „No Name Kitchen“], das auch regelmäßig Videos auf sozialen
Medien teilt.
taz: Gibt es sexuelle Übergriffe?
Jemand aus der Gruppe, mit der ich viel Zeit verbracht habe, hörte von
einer Massenvergewaltigung durch sieben Männer, das Opfer soll minderjährig
sein. Es sind bisher keine weiteren Details bekannt.
An einem Abend saß ich mit der Gruppe zusammen, als wildfremde Jungs mit
zwei minderjährigen Mädchen zu uns kamen. Sie sprachen mich mit „Germany“
an und sagten, dass die beiden erst einmal bei mir bleiben sollen. Später
erfuhren wir, dass zwei Migranten die minderjährigen Mädchen an einen
Schlafplatz locken wollten. Das haben dann andere verhindert. Ich kann mir
gut vorstellen, dass solche Übergriffe häufiger vorkommen.
taz: Die allgemeine Lage spitzt sich also eher zu?
Schimpf: Die Bewohner haben schlichtweg die Schnauze voll. Selbst wenn ich
ihnen von diesem Übergriff auf die beiden Mädchen erzählte, gab es kaum
empathische Reaktionen. Die Polizei ist komplett überfordert. Für einige
Jungs auf den Straßen ist das Ganze ein Spiel, auch an die
Einschüchterungsjagden der Polizei haben sie sich gewöhnt. Andere leiden
sehr unter der hygienischen Lage, der Unsicherheit und der Polizeigewalt.
taz: Wie brutal gehen die spanische Armee und Polizei vor?
Schimpf: In dem Fall, den ich erlebt und gefilmt habe, hatte offenbar ein
Nachbar ein Kommando gerufen. Die Uniformierten haben dann eine Gruppe von
ungefähr 100 Leuten aus einem Wald vertrieben. Tränengas und Stöcke sind im
Einsatz, ich habe auch einen Bürger mit einem Knüppel gesehen. Ich habe
Ceuta verlassen, weil ich die Unsicherheit, wann und wo die Attacken
passieren, nicht mehr ausgehalten habe. Es war extrem anstrengend.
30 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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