# taz.de -- Migrantischer Streik in Sachsen-Anhalt: Land ohne Läden als Warnung gegen die AfD
> Beim „Migrantischen Streik“ bleiben laut Veranstalter etwa 160 Läden in
> Magdeburg geschlossen. So soll auf die Gefahr durch die AfD aufmerksam
> gemacht werden.
(IMG) Bild: Der Bingöl-Grill am „Hassel“ ist in Magdeburg eine Institution, er gehört zu den ältesten Dönerläden an prominenter Stelle
Am Mittwochvormittag sieht es vor dem Bingöl-Grill in Magdeburg anders aus,
als an einem normalen Wochentag. Der Laden ist zu, die Lichter aus und kein
Personal im Laden. Statt Kunden, die auf ihr Essen warten, ist vor der Tür
eine Menschengruppe im erregten Gespräch über die politische Lage in
Deutschland. Journalist*innen und Kamerateams sind unterwegs, führen
Interviews und filmen durch die Fensterscheiben geschlossener Geschäfte und
Restaurants.
Samet beobachtet das Geschehen zufrieden. An einem normalen Wochentag würde
sein Unternehmen Bingöl-Grill und viele weitere Geschäfte in der Stadt
beliefern, aber heute nicht, denn heute ist [1][„Migrantischer Streik“].
Gemeinsam mit laut Veranstalter bis zu 160 weiteren Gewerbetreibenden in
Magdeburg und darüber hinaus hat sich Samet an diesem Tag gegen Profite
entschieden: „Geld kommt schnell wieder, aber wenn die Demokratie einmal
weg ist, dann kommt sie nicht so schnell wieder“, erklärt er seine
Entscheidung.
Samet, der aufgrund von Sicherheitsbedenken nur mit Vornamen genannt werden
will, wollte vor dreißig Jahren aus der Türkei als gelernter Elektroniker
nach Deutschland kommen. Er hatte sogar schon einen Arbeitsvertrag bei
einer deutschen Firma, aber die türkische Regierung erteilte ihm ein
Ausreiseverbot und so kam er erst einige Monate später als Asylbewerber
über andere Wege nach Deutschland. Mittlerweile hat er hier eine Familie
und leitet ein millionenschweres Unternehmen. Wählen darf er trotzdem
nicht, da er sich bisher dem komplizierten Einbürgerungsprozess noch nicht
gestellt hat. Hätte er die politischen Entwicklungen in Deutschland
vorhersehen können, hätte er der Einbürgerung mehr Priorität gegeben, sagt
er.
Die politische Entwicklung, das ist der Aufstieg der AfD. In Umfragen liegt
die rechtsextreme Partei in Sachsen-Anhalt inzwischen bei über 40 Prozent.
Zur Wahl sind es weniger als zwei Wochen. Das Spitzenpersonal der Partei
redet offen von Remigration.
## 200.000 dürfen nicht wählen
Umso bedeutungsvoller ist der heutige Tag, denn wie Samet geht es sehr
vielen Menschen in Sachsen-Anhalt und auch darüber hinaus. Laut dem
Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt leben in Sachsen-Anhalt circa 200.000
Menschen mit Migrationsgeschichte ohne Wahlberechtigung. Unter ihnen sind
viele Geschäftsleute. Mit dem Streik wollen sie deutlich machen, was die
Konsequenz wäre, wenn die AfD ihre rassistische Politik durchsetzt.
Laut [2][einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW)]
würde der Anteil an Erwerbstätigen in der Bevölkerung der ostdeutschen
Flächenländer bereits bis 2035 auf 45,3 Prozent der Bevölkerung absinken,
wenn die Migration gestoppt würde. Da Menschen mit Migrationsgeschichte
neben Gewerbebetrieben auch viel Raum im Dienstleistungssektor einnehmen,
hätte eine solche Entwicklung für eine zugleich alternde Gesellschaft
verheerende Folgen.
Samet sagt, er spüre schon jetzt einen deutlichen Einfluss des Rechtsrucks
auf das Zusammenleben in Deutschland. Rassismus werde wieder deutlich
salonfähiger und Menschen wie er, die seit Jahrzehnten im Land leben,
wissen, dass auf eine solche Verschärfung des Tons auch Taten folgen.
Yasar, der gerade kurz vor der Gründung seines eigenen Geschäfts steht,
stellt im Gespräch am Bingöl-Grill klar, dass die gesamte Gesellschaft
darunter leiden wird, wenn sich die „Ausländer raus“-Parolen durchsetzen:
„Vom Halleschen Platz bis Neustadt sind fast alle Geschäfte von Ausländern
betrieben, Gastronomie, Friseursalons, Kiosks, Gemüseläden und vieles mehr.
Was macht ihr, wenn die alle zumachen?“.
## Bedrohung durch Rechts
So klar wie für Yasar und Samet war die Entscheidung zum Streik aber
offenbar nicht für alle. Im Gespräch erklärt Samet, dass sie bei manchen
Gewerbebetreibenden einiges an Überzeugungsarbeit leisten mussten. Viele
würden unterschätzen, was unter einer faschistischen Partei, wie der AfD
passieren könnte. Sie gingen davon aus, dass sie nicht betroffen sein
werden von den Plänen der AfD. Durch Gespräche hätten sie schlussendlich
aber viele überzeugen können, mitzustreiken.
Laut [3][dem Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt] ging die Solidarität am
Mittwoch weit über Magdeburg hinaus. Einige seien dafür aus kleinen Städten
und Dörfern, wie Wolmirsleben oder Burg in ganz Sachsen-Anhalt angereist,
um sich Plakate zu holen und zu solidarisieren. Manchen hätten sie zwar
davon abgeraten an dem Streik teilzunehmen, da sie als einzelne Geschäfte
in den Orten zu offen rechter Gewalt ausgesetzt sein könnten. Insgesamt sei
der heutige Tag jedoch ein großes Zeichen der Solidarität, des
Zusammenhalts und auch des gemeinsamen Kämpfens für eine offene
Gesellschaft. Auch viele deutsche Geschäfte seien in Solidarität nicht
geöffnet.
Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, treffen sich die Streikenden
nachmittags am Landtag Sachsen-Anhalts zur Demo. Einer der Redner auf der
Bühne sagt: „Die Gewerbebetreibenden, die hier heute streiken leisten
unheimlich viel für die Gesellschaft, aber eine menschenwürdige Behandlung
sollte nicht daran hängen.“ Die Menschenwürde müsse „immer und überall
gelten, unabhängig von Religion, Herkunft, Aufenthaltsstatus oder
vermeintlichen Nutzen für die Gesellschaft.“
Samet verlässt die Kundgebung schließlich mit einem positiven Gefühl. Er
empfinde eine Form von innerer Ruhe, sagt er da er heute etwas für die
Zukunft seiner Kinder getan habe. Mit einem so großen Presseecho national,
wie auch international habe er nicht gerechnet.
Er hofft, dass sie mit dem heutigen Streik einige Menschen wachrütteln
konnten und ihnen das Ausmaß der Gefahr bewusst werde, was mit einem
Aufstieg der AfD verbunden ist. „Drohender Faschismus geht nicht nur
Migrant*innen etwas an, sondern die ganze Gesellschaft, denn die
Demokratie steht auf dem Spiel“, sagt er. „Faschismus war schon immer so,
dass zunächst Minderheiten in ihren Rechten beschränkt wurden, aber am Ende
ist nach und nach die ganze Gesellschaft davon betroffen.“
26 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Timo Krügener
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