# taz.de -- Streit um GEAS-Reform: Rette sie, wer kann
> Italien und Deutschland streiten über die Rücknahme von Geflüchteten. Die
> Seenotretter*innen im Mittelmeer geraten zwischen die Fronten.
(IMG) Bild: Ankunft in Italien: Ein von der „Sea-Watch“ geretteter Mann kann im Mai 2026 nach vier langen Tagen auf See das Schiff verlassen
Kein halbes Jahr ist es her, dass die große Reform des europäischen
[1][Asylsystems GEAS in Kraft trat] – und schon zeigen sich tiefe Risse.
Seit Wochen streiten die Regierungen Deutschlands und Italiens um die
Verantwortung für Geflüchtete, die übers Mittelmeer kamen. Jetzt nimmt
Premierministerin Georgia Meloni auch die Seenotrettungsorganisationen ins
Visier, deren Schiffe unter deutscher Flagge fahren.
Kern des Streits ist, dass Italien sich weigert, Geflüchtete
zurückzunehmen, für die es nach den europäischen Regeln zuständig ist. Nach
den sogenannten Dublin-Regeln müssen Asylanträge dort bearbeitet werden, wo
Geflüchtete zuerst EU-Boden betreten. Viele ziehen aus den
Mittelmeerstaaten aber nach Norden weiter, wo die Lebensbedingungen oft
besser sind, zum Beispiel nach Deutschland. Das will die Bundesregierung
möglichst unterbinden und pocht deshalb auf Abschiebungen nach Italien.
Die Regierung in Rom aber weigert sich und stellt nun ihrerseits
Deutschland als Problem dar. Genauer: die deutschen
Seenotrettungsorganisationen, die im Mittelmeer unterwegs sind und
schiffbrüchige Geflüchtete immer wieder in Italien anlanden.
## Unverhohlene Drohung
Innenminister Matteo Piantedosi rechnete vor, die Seenotretter*innen
hätten dieses Jahr schon rund 2.200 Menschen aufgenommen, und diese
Menschen hätten ihren Fuß damit „zuerst auf deutschen Boden“, nämlich auf
ein deutsches Schiff, gesetzt. Das müsse jetzt ordentlich mit den
Dublin-Fällen verrechnet werden. Noch deutlicher wurde der
Vize-Ministerpräsident und Lega-Chef Matteo Salvini, der rundheraus
erklärte, Deutschland habe „kein Recht, auch nur einen einzigen irregulären
Immigranten zu uns zurückzuschicken“, solange die deutschen NGOs im
Mittelmeer aktiv seien. Das ist eine unverhohlene Drohung in Richtung der
Seenotretter*innen und eine klare Aufforderung an Deutschland, gegen
die Aktivist*innen vorzugehen.
Die taz hat mit Vertreter*innen aller großen
Seenotrettungsorganisationen gesprochen, die auf dem Mittelmeer aktiv sind.
Cornelia Ernst, Vorständin von Mission Lifeline nennt die italienischen
Forderungen „blanken Rechtspopulismus, der Lebensrettungsorganisationen
kriminalisieren soll und vor keinem deutschen wie italienischen Gericht
standhalten würde“.
Wasil Schauseil, Pressesprecher von SOS Humanity, spricht von einer
„reißerischen Debatte“, die ein „verzerrtes Bild der Realität“ zeichne.
Anna di Bari, Vorständin von Sea-Eye sagt: „Weil unsere Arbeit zum
Spielball rechter Politik wird, werden die Bedingungen für die zivile
Seenotrettung schlechter und mehr Menschen ertrinken.“ Und Anna Giannessi
von Sea-Watch spricht von „zynischer Erpressungsrhetorik“ und fordert: „Ein
deutscher Innenminister darf sich nicht auf das politische Spiel einer
italienischen Regierung einlassen.“
Das Bundesinnenministerium antwortet auf eine taz-Anfrage dazu lediglich,
man arbeite „eng und vertrauensvoll“ mit Italien zusammen, das Auswärtige
Amt reagierte am Dienstag gar nicht. Allerdings ist der Einfluss der
Bundesregierung auf die Rettungsorganisationen ohnehin begrenzt. Die
staatliche Teilfinanzierung der Organisationen, die die Ampelkoalition
einst eingeführt hatte, hat die schwarz-rote Koalition jedenfalls schon
lange wieder gestrichen. Darüber hinaus wäre wohl nur noch die Aberkennung
der deutschen Flagge, unter der die Rettungsschiffe fahren, eine
Möglichkeit – allerdings sind die juristischen Hürden dafür extrem hoch.
## „Sea-Watch 5“ festgesetzt
So ist es wohl die italienische Regierung selbst, die derzeit am ehesten in
der Lage ist, den Seenotretter*innen zu schaden. Ein altbekanntes
Mittel setzten die Behörden am Wochenende schon ein, als sie das Schiff
„Sea-Watch 5“ für 45 Tage festsetzten und eine Geldstrafe von 7.500 Euro
verhängten. Begründet wurde dies damit, dass die Crew angeblich bei einer
Rettungsaktion nicht wie vorgeschrieben die libysche Küstenwache
kontaktiert hatte. Bei der angeblichen Küstenwache handelt es sich um eine
bewaffnete Miliz, die Migranten brutal misshandelt und auch schon auf
Seenotretter*innen schoss.
Die italienische Regierung wird aber bald wohl ein noch ungleich stärkeres
Instrument parat haben, um die Seenotretter*innen zu blockieren. Ein
neues Gesetz, dass das Parlament derzeit berät, soll es erlauben, in vage
definierten Krisensituationen eine Art Seeblockade zu verhängen. Dann
könnte allen Rettungsschiffen verboten werden, italienische Gewässer
anzusteuern.
Dass die Regierung von Giorgia Meloni solch drastische Maßnahmen erwägt,
hat vor allem innenpolitische Gründe. Nächstes Jahr wird das italienische
Parlament neu gewählt und den Regierungsparteien ist ein neuer gefährlicher
Konkurrent entstanden: Roberto Vannacci. Der Ex-Fallschirmjägergeneral hob
im Februar seine Partei Futuro Nazionale (FN) aus der Taufe und versucht
nun, die rechte Regierung noch weiter rechts zu überholen. Er predigt offen
die „Remigration“ und findet damit wachsenden Anklang. Das ist wohl auch
ein Grund dafür, dass Meloni bei dem [2][Migrationschaos in der spanischen
Exklave Ceuta] vor einigen Wochen so scharf reagierte und sogar das
Schengenabkommen gegenüber Spanien aussetzte.
Noch viel deutlicher unter Druck steht aber die deutsche Bundesregierung
mit ihrer langen Kette an politischen Unfällen, die sich inzwischen in
desaströsen Umfragewerten widerspiegeln. Insbesondere für die Union ist die
„Migrationswende“ quasi der einzige Erfolg, den sie nach über einem Jahr
Regierungszeit vorzuweisen hat. Gegenüber Italien nachzugeben, würde
heißen, auch dies noch zu riskieren, so denken wohl viele in CDU und CSU.
## Konstruktionsfehler von GEAS
Ergebnis ist, dass sich jetzt zwei Regierungen streiten, die sich ansonsten
in der Migrationspolitik betont einig geben. Das Ziel maximaler Abschottung
teilen Merz und Meloni ja. Der Konflikt zeigt aber nicht nur, wie schnell
die Einigkeit zwischen Rechten und Konservativen zerbricht, sobald es um
nationale Prioritäten geht. Vielmehr zeigt der Zwist auch die
Konstruktionsfehler des europäischen Asylsystems GEAS, das im Juni in Kraft
getreten ist.
Denn auch das neue System schreibt keine verbindlichen Regeln fest, die
auch wirklich alle EU-Staaten zur Aufnahme zwingen. Stattdessen können sich
die ost- und nordeuropäischen Staaten weiterhin um die Aufnahme winden,
indem sie sich mit Geld an der Sicherung der EU-Außengrenzen beteiligen.
Während sie sich so freikaufen können, bleibt die Last bei den
Mittelmeerstaaten wie Italien, wo die Geflüchteten zuerst ankommen.
Dass daraus ein großes Potenzial für innereuropäische Zerwürfnisse
entsteht, hatten Kritiker*innen der GEAS-Reform von Anfang an orakelt.
Italien und Deutschland liefern nun den Beweis.
25 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Frederik Eikmanns
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