# taz.de -- Seenotretter über Rettungsmissionen: „Im Mittelmeer gibt es auch keine Pause“
       
       > Die Doku „Nördlich von Libyen“ zeigt Dariush Beiguis Leben als Hamburger
       > Binnenschiffer. Im Urlaub rettet er Menschen auf der Flucht vor dem
       > Ertrinken.
       
 (IMG) Bild: Für viele Menschen auf der Flucht die letzte Rettung: Seenotrettungsschiffs „Iuventa“ vor der Küste Libyens
       
       Taz: Herr Beigui, wie rettet man eigentlich eine Person aus dem Wasser oder
       von einem Boot? 
       
       Dariush Beigui: Wenn jemand im Wasser ist, ist es meistens eine sehr
       hektische Angelegenheit, dann ist es lebensgefährlich. Und jede Sekunde
       zählt. Wenn die Leute auf dem Boot sind, ist das Ganze immer noch
       gefährlich, weil diese Boote sehr, sehr instabil und überfüllt sind. Die
       Menschen haben sich teilweise 230 Tage kaum bewegt, dann ins Wasser zu
       fallen wäre ein [1][Todesurteil]. Jedes Rettungsschiff hat immer so ein
       kleines schnelles Schlauchboot, mit dem fährt eine Crew hin zu diesem Boot
       und verteilt Rettungswesten, weil die Leute höchstens Autoreifen umhaben.
       
       taz: Wie war Ihr Weg zu Seenotrettung? 
       
       Beigui: Ich arbeite seit 1999 im Hamburger Hafen als Schiffsführer, also
       immer auf kleinen Hafenfahrzeugen. Und deswegen habe ich sehr, sehr früh
       mitbekommen, dass es so ein paar komische Hippies gibt, die sich ein Schiff
       gekauft haben, um das umzubauen, um aufs Mittelmeer zu fahren. Nämlich die
       „[2][Sea Watch“]. Im Sommer 2016 habe ich mich dann bei verschiedenen NGOs
       beworben und bin im November 2016 das erste Mal zu einer
       Seenotrettungsmission der [3][„Iuventa“] geflogen.
       
       taz: Wird dieser Weg auch in der Doku „Nördlich von Libyen“ gezeigt? 
       
       Beigui: Nicht wirklich. Eigentlich sollte es ein Kurzporträt werden.
       Letztendlich ist es eher eine Familiensaga über mich und meine Freundin
       geworden, die auch Seenotretterin ist. Wir wurden zwei Jahre von der
       Regisseurin bei der Arbeit und unserem Alltag in Hamburg begleitet.
       Eigentlich wird klar: Auch Seenotretter sind normale Menschen.
       
       taz: Auf welche Hürden ist die Mission der „Iuventa“ gestoßen? 
       
       Beigui: Die „Iuventa“ wurde 2017 vor Lampedusa beschlagnahmt. Und uns wurde
       vorgeworfen mit Schleusern zusammengearbeitet zu haben. Die Anschuldigung
       war [4][„Beihilfe zur illegalen Einreise“], darauf stehen 20 Jahre und
       13.000 Euro Strafe pro geretteter Person.
       
       taz: Und wie ging der Prozess aus? 
       
       Beigui: Es wäre leichtfertig zu sagen, es ging gut aus. Denn dieser Prozess
       hat uns 800.000 Euro gekostet und in den acht Jahren, in denen die
       „Iuventa“ beschlagnahmt war, sind über 10.000 Menschen im Mittelmeer
       ertrunken. Aber [5][die Anklage wurde 2024 komplett fallengelassen]. Die
       Behörden hatten nicht ordentlich ermittelt und der Freispruch des Richters
       ähnelte eher einem Manifest für die Seenotrettung.
       
       taz: Wie macht man danach weiter? 
       
       Beigui: Ich hatte 50 Gerichtstermine in zwei Jahren, mein Handy war immer
       auf Standby. Das war psychisch kaum aushaltbar. Als es vorbei war, war es,
       als wenn man aus einem fahrenden Zug geschleudert worden wäre und auf
       einmal auf so einer schönen Wiese sitzt. Das erste Mal seit zwei Jahren
       frische Luft atmet. Seenotrettung habe ich auch während des Prozesses
       weitergemacht. [6][Im Mittelmeer gibt es auch keine Pause.]
       
       taz: Auch Netflix hat jetzt die Geschichte der „Iuventa“ verfilmt, wie
       finden Sie das? 
       
       Beigui: Richtig gut! Ich bin mit dieser Meinung aber ein bisschen alleine
       mit, in meinem linken Umfeld. Da sehen es viele kritisch, dass wieder nur
       die Geschichte der mutigen Europäer erzählt wird. [7][White Saviourism] wie
       er im Buche steht quasi. Und das sehe ich schon auch kritisch.
       
       taz: Aber? 
       
       Beigui: Aber für mich ist viel wichtiger, dass es eine krass gute
       Möglichkeit ist, Leute anzusprechen, die sich sonst noch gar nicht mit dem
       Thema beschäftigt haben. Wenn dieser Film nur zwei, drei Leute dazu bringt,
       zu sagen, es ist gar nicht so schwer, was zu machen, ich werde jetzt aktiv
       und kümmere mich auch um was, dann ist das schon ein voller Erfolg. Wenn
       man jemanden dazu gebracht hat, was zu machen, hat man die Welt schon
       verändert.
       
       11 Jul 2026
       
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