# taz.de -- Genforschung: Komplex wie eine Fruchtfliege
       
       > Forscher versprachen sich große Erkenntnisse von der Entschlüsselung der
       > DNA, 2001 gelang sie erstmals. Doch bis heute bleiben viele Geheimnisse.
       
 (IMG) Bild: Die Entschlüsselung der DNA ging mit vielen Versprechen einher, die bis heute jedoch kaum eingelöst wurden
       
       Kein göttlicher Vergleich war zu groß, jeder irdische zu klein, um deutlich
       zu machen, wie revolutionär die Entschlüsselung des Genoms den Menschen und
       die Art, wie wir leben, grundsätzlich verändern würde. Der Blick auf das
       menschliche Genom erfülle ihn mit Demut, sagt Francis Collins, der das
       internationale Human Genome Project damals leitet. Im Juni 2000 steht er am
       Redepult im East Room des [1][Weißen Hauses], vor sich in den Stuhlreihen
       Diplomaten aus Deutschland, Frankreich, Japan und die Weltpresse.
       
       Zusammen mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, dem britischen
       Premier Tony Blair und Craig Venter, dessen Unternehmen Celera im
       wissenschaftlichen Wettstreit ebenfalls an der ersten Version des
       menschlichen Genoms arbeitete, würden sie gemeinsam verkünden, dass sie
       genau diese nun vorlegen konnten. Endlich, sagt Collins, konnten wir, die
       Menschheit, „einen ersten flüchtigen Blick in unser eigenes Handbuch
       werfen, das bisher nur Gott bekannt war“.
       
       Wenige Monate später werden im Februar 2001 die erste wissenschaftliche
       Analyse vom menschlichen Genom in den großen Fachmagazinen Nature und
       Science veröffentlicht. Viele weitere Erkenntnisse werden folgen. Doch
       obwohl die Forschung in den vergangenen 25 Jahren noch viel mehr
       Informationen über das Genom herausgefunden hat, können wir dieses
       vermeintlich göttliche Handbuch bis heute nicht vollständig lesen.
       
       Die Vorstellung, dass unsere Gene uns Zugang zu dem geben, was uns im
       Innersten zusammenhält oder sie wie ein Handbuch eben genau beschreiben
       würden, welche Eigenschaften und Krankheiten ein Mensch mal entwickeln
       würde – die konnte das Genom nicht einlösen. Trotzdem gibt es immer mehr
       gentechnische Anwendungen und in manchen von ihnen schlummert immer noch
       die Idee vom lesbaren Menschen.
       
       Wie einst das Internet oder heute künstliche Intelligenz war auch das Genom
       Projektionsfläche für eine bessere Zukunft. Die Forschenden und die
       Regierungen, die sie finanzierten, waren 2001 überzeugt: Ihr Fund, ihre
       Investition würde die Welt und den Menschen, die Art, wie wir leben und
       forschen, grundsätzlich verändern. Genomforschung würde die Diagnose,
       Vorbeugung und Behandlung der meisten, vielleicht sogar aller menschlichen
       Krankheiten revolutionieren, prophezeite noch US-Präsident Bill Clinton.
       
       ## Menschen teilen ihre intimsten Daten mit Unternehmen – ihre DNA
       
       Stattdessen meinen jetzt mehr als 40 Millionen Menschen weltweit zu wissen,
       dass sie zu 10 Prozent Italienerin oder 30 Prozent Japaner sind. Als wäre
       die [2][eigene Herkunft] ein Kuchen, in den man Fähnchen gesteckt hat von
       Ländern, deren Grenzen immer schon so existieren. Für dieses Wissen oder
       die Suche nach Verwandten haben sie mit den [3][privaten Anbietern 23andMe,
       Ancestry und Co] bereitwillig die vielleicht intimsten Daten geteilt, zu
       denen der Mensch sich Zugang verschafft hat.
       
       Das Interesse an der DNA beschränkte sich nie nur auf die Forschung, es gab
       immer auch ein kapitalistisches Interesse von Unternehmen und
       Versicherungen – und ein besonders problematisches von staatlichen
       Behörden.
       
       Doch über Unternehmen wie Ancestry hinaus haben Genanalysen in den
       vergangenen 25 Jahren immer tiefer Einzug in das Privatleben erhalten. Für
       die Sehnsucht, Informationen über ihr zukünftiges Baby zu erlangen,
       überqueren einige Paare sogar Ozeane und zahlen Zehntausende Dollar. Noch
       bevor es geboren oder sich in die Gebärmutter eingesetzt hat, soll ein
       sogenanntes [4][Embryo-Screening] verraten können, ob ihr Kind mal groß
       oder klug wird. Könnte es das BRCA-Gen haben, durch das das Risiko für
       Brustkrebs steigt, und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer
       und Diabetes?
       
       Start-ups wie Orchid, Herasight oder Nucleus verkaufen das Versprechen von
       einem optimierten Kind und die Illusion von einem Stück Kontrolle über das
       eigene Leben. Denn feste Aussagen dazu, wie sich auffällige Genvarianten
       tatsächlich irgendwann einmal die Eigenschaften oder auch Krankheit
       ausprägen, kann keines der Unternehmen treffen.
       
       Paradoxerweise war der Moment, in dem die Forschenden das Genom in Händen
       hielten, der, in dem alle ihre Vorstellungen über dieses in sich
       zusammenbrachen. Sie nahmen an, der Mensch als hochkomplexes Wesen müsse
       bis zu 100.000 proteincodierende Gene haben. Stattdessen sind es gerade mal
       25.000, nicht mehr als bei einer Fruchtfliege.
       
       Man glaubte damals noch, man würde Gene für alles finden. Dafür, dass
       Menschen groß sind, homosexuell oder geschickt. Als könnte man wie in einem
       Kinderrätsel, bei dem ein Gewirr an Linien übereinanderliegen, nur die Gene
       auf der linken Seite des Blatts mit ihren jeweiligen menschlichen
       Eigenschaften auf der rechten Seite des Blatts verbinden, solange man sich
       nur gut genug konzentriert.
       
       Aber als die Forschenden versuchten, einen Überblick über das Knäuel zu
       erlangen, wurde es immer komplizierter. Selbst Eigenschaften, die sie für
       einfach erkennbar hielten, etwa Größe oder Haarausfall, werden von vielen
       verschiedenen Genen beeinflusst. Und selbst, wenn es sehr klare
       Zusammenhänge zwischen Genvarianten und dem, was sie auslösen, gibt,
       erklären sie immer nur einen Teil davon, wie groß man wird, wann einen der
       Haarausfall erwartet und ob Brustkrebs ausbricht. Genauso entscheidend sind
       Umweltfaktoren, die sich aus dem eigenen Leben ergeben; von außen messbar
       in Luftqualität, Stress, Ernährung und Bewegung oder im Körper den
       Regulationswegen an der DNA, die den Namen Epigenom tragen.
       
       ## Auch mit der Veränderung menschlicher DNA wird experimentiert
       
       Von einigen Genen wissen wir ganz konkret, dass ihre Varianten
       Krankheitsrisiken erhöhen oder abmildern können. Wie gefährlich es ist,
       pauschal in die Genetik eingreifen zu wollen, wenn keine Erkrankungen
       bereits diagnostiziert vorliegen, zeigt auch die [5][Geschichte von He
       Jiankui]. Im November 2018 verkündete der chinesische Forscher, er habe
       mithilfe der Genschere Crispr-Cas-9 zwei genetisch veränderte Babys
       erzeugt. He hat ihnen die natürliche vorkommende Variante eines Gens
       mitgegeben, das vor HIV schützt. Ob die Variante aber andere
       gesundheitliche Risiken tragen würde, wusste er damals nicht. Solche
       Varianten sind immer wieder auch ein Handel zwischen zwei Risiken. So kann
       eine Genveränderung, die vor einer Krankheit schützt, die Menschen für
       andere Krankheiten wiederum anfällig machen.
       
       Ist man ehrlich: Die menschlichen Fähigkeiten in der Sprache der Biologie,
       reichen gerade mal aus, um ein Gefühl für den Klang zu erlangen. Es ist als
       hätte man zwar ein Buch vor sich, kann aber nur jedes zehnte Wort
       entziffern. Obwohl erste sinnvolle Analysen und sogar Veränderungen möglich
       sind, verstehen wir die großen Zusammenhänge noch nicht.
       
       ## Hunderte statt Milliarden Dollar
       
       Eine der größten Errungenschaften aus dem Human Genome Project selbst sind
       wohl die Fortschritte in der Sequenzierung des menschlichen Genoms. Während
       der Weg zum ersten menschlichen Genom 10 Jahre und Milliarden Dollar
       verschlang, braucht eine volle Sequenzierung heute nicht länger als einen
       Tag und kostet wenige Hundert Dollar.
       
       Diesem technologischen Sprung ist es zu verdanken, dass in der
       Coronapandemie Forschende in kürzester Zeit einen Impfstoff entwickeln und
       neue Varianten des Virus auffinden konnten. Auch können
       Mediziner*innen so in kürzester Zeit herausfinden, durch welche
       Mutationen Krebszellen im Körper sich unkontrolliert ausbreiten können.
       Mithilfe der DNA können Immunzellen dann sogar genau auf sie angesetzt
       werden.
       
       Für noch mehr Anwendungen braucht es noch mehr Genomdaten. Nur so lassen
       sich größere Zusammenhänge zwischen Krankheit und Genen besser feststellen
       und neue Medikamente entwickeln.
       
       Und vielleicht werden wir dann irgendwann doch genetische Daten nutzen
       können, um präventiv Krankheit vorherzusagen, so wie es derzeit das
       „Generation Project“ der britischen Gesundheitsbehörde und ähnliche Studien
       versuchen. Dieses will von 100.000 Babys das komplette Genom sequenzieren
       und sie auf mehr als 200 Konditionen testen, die im Kindesalter auftreten.
       Dadurch sollen vor allem seltene Generkrankungen gefunden werden. Schon
       jetzt mit Erfolg: Da ist etwa Freddie, dem durch das Projekt ein
       Retinoblastoma diagnostiziert werden konnte, eine seltene Form von
       Augenkrebs. Er konnte direkt behandelt werden.
       
       Und trotzdem müssen wir und auch die Studien sich fragen, wann Wissen mehr
       Nutzen als Schaden anrichtet. Bei der Genmutation, die bei Freddie zum
       Krebs geführt hat, bricht in den meisten Fällen tatsächlich die Krankheit
       aus – aber trotzdem muss das nicht immer der Fall sein. Die Forschung nennt
       den Faktor, der beschreibt, wie wahrscheinlich eine Genmutation zur
       Krankheit führt, Penetranz. Andere Erkrankungen haben eine sehr viel
       niedrigere. Unser Handbuch des Lebens ist also viel mehr ein Statistikheft.
       Wir müssen wohl weiter das Unwägbare aushalten.
       
       9 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=slRyGLmt3qc
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 (DIR) [4] /Gentests-von-Embryos/!6166659
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