# taz.de -- Chinas Aufstieg seit 2001: Von der Goldgrube zum Konkurrenten
       
       > Der WTO-Beitritt war zentral für Chinas Entwicklung. Der Westen träumte
       > vom „Wandel durch Handel“, Xi Jinping aber seinen „chinesischen Traum“.
       
 (IMG) Bild: Die Börse in Shanghai im Juni 2001
       
       Vor Kurzem liefen in Peking menschenähnliche Roboter um die Wette. Der
       schnellste, gebaut von einer chinesischen Firma, unterbot bei dem Rennen
       sogar den menschlichen 100-Meter-Weltrekord. Sagenhafte 0,19 Sekunden war
       die Maschine schneller als der jamaikanische Sprinter Usain Bolt. Der neue
       humanoide Rekord und Chinas Dominanz bei der Roboterweltmeisterschaft waren
       ein Propagandaerfolg. Weltweit berichteten Medien von den rasenden Robotern
       „Made in China“.
       
       Die chinesische Regierung hatte zuvor die Entwicklung verkörperter
       künstlicher Intelligenz (KI) als „neue Produktivkräfte“ zur
       Zukunftsindustrie erklärt. Mit staatlicher Förderung werden nun
       technologische Abhängigkeiten vom Ausland reduziert, Hardware- und
       KI-Startups mit Börsenkapital ausgestattet. Umgekehrt verbot [1][Ende Juli
       die US-Regierung den Import humanoider Roboter aus China – aus Sorge um die
       nationale Sicherheit].
       
       Das Beispiel Robotik zeigt, dass die Volksrepublik 25 Jahre nach ihrem
       Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) längst nicht mehr nur noch als
       „Werkstatt der Welt“ diesen Globus mit Billigwaren überschwemmt. Vielmehr
       macht China westlichen Industrieländern heute auch bei Hightech Konkurrenz.
       
       Jacob Gunter leitet beim Berliner China-Institut Merics das Wirtschafts-
       und Industrieprogramm. Gunter sagt: „Eine verbreitete Fehleinschätzung in
       den Industrieländern war 2001, dass China sich zwar öffnen, aber nie
       wirklich innovativ werden könne, solange es ein Einparteienstaat ist.“
       Deshalb habe man im Westen stets geglaubt, die Führung in der Forschung zu
       behalten. Aus heutiger Sicht ein fataler Fehler.
       
       ## Ungehinderte Zugänge...
       
       China hat große Forschungs- und Entwicklungskapazitäten mit dem Ziel der
       Technologieführerschaft aufgebaut. „Der WTO-Beitritt war für China
       außerordentlich wichtig,“ sagt Gunter. Er fand wenige Monate statt, nachdem
       Peking die Olympischen Spiele 2008 zugesprochen bekommen hatte, und sorgte
       für umfassende Zollsenkungen und damit Chinas ungehinderten Zugang zu
       Exportmärkten. „Das löste einen Boom aus“, sagt Gunter. [2][Chinas
       nominales Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von 1,355 Billionen US-Dollar im
       Jahr 2001 auf 19,498 Billionen 2025, fast eine Verfünfzehnfachung.] 2010
       wurde China zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.
       
       „Profitiert haben auch westliche Firmen, die in China investierten,“ sagt
       Gunter. Besonders deutsche, die komplementäre Industrieprodukte wie
       Maschinen lieferten. „Nutznießer günstiger Konsumartikel aus China waren
       auch die Verbraucher in den Industrieländern. Dort hielt das die Inflation
       niedrig.“
       
       In den ersten Jahren nach dem WTO-Beitritt war China „eine Goldgrube“ für
       die deutsche Industrie, sagt ein Mitarbeiter einer deutschen
       Wirtschaftsorganisation, der namentlich nicht genannt werden darf. „Wir
       hatten gute Angebote und haben überproportional vom Chinaboom profitiert.“
       Größter Nutznießer sei aber China selbst gewesen: „Definitiv hat dort die
       breite Bevölkerung profitiert.“ Zwar gebe es noch heute prekäre
       Arbeitsverhältnisse.
       
       Doch 600 Millionen Menschen seien aus der Armut geholt worden. „Davon hat
       natürlich auch die Partei profitiert,“ sagt der Mann, der seit den 1990er
       Jahren zu China arbeitet und seitdem Dutzende Austauschprogramme
       organisiert und begleitet hat. Dabei sei auch eine Schicht Superreicher
       entstanden, und Parteifunktionäre hätten viel Geld mit dem Verkauf von
       Landnutzungsrechten gemacht.
       
       ## ...Profite im Übermaß...
       
       Der WTO-Beitritt sei Teil eines Entwicklungspfads für ein liberaleres,
       moderneres Land gewesen. „Man nenne uns Träumer, aber es gab 2001 die
       Option, China zu einem Land mit mehr Marktwirtschaft, mehr
       Bürgerpartizipation und der Hinwendung zu einem System zu entwickeln, wo
       individueller Reichtum und Rechte des Individuums einen höheren Stellenwert
       bekommen.“
       
       China würde sich dem Druck zur Liberalisierung auf Dauer nicht entziehen
       können, glaubte der Wirtschaftsexperte damals. „Doch dann hat Xi Jinping
       diesem Pfad den Rücken gekehrt und China auf einen Weg gebracht, der ein
       Primat der Stärkung der Macht der Kommunistischen Partei, ein Zurückdrehen
       der marktwirtschaftlichen Entwicklung und eine Stärkung der Staatsbetriebe
       zur Folge hatte.“
       
       Wirtschaftsreformer und Premierminister Zhu Rongji, der den WTO-Beitritt
       nach 15-jährigen Verhandlungen besiegelt hatte, war längst nicht mehr im
       Amt, als Xi Jinping 2012 Partei- und 2013 Staatschef wurde. Xi
       zentralisierte die Macht und wurde so mächtig, wie es seit Mao Tsetung kein
       chinesischer Führer mehr war. Der von Xi verkündete „chinesische Traum“
       erschien zunächst als Kopie des „American Dream“. Doch Xis
       parteichinesischer Traum meint mitnichten unbegrenzte individuelle
       Freiheiten, sondern Chinas Rückkehr zu nationaler Größe und globaler Macht.
       Dem hat sich die Bevölkerung zu fügen, während unter Führung der Partei die
       Nation wieder zum „Reich der Mitte“ werden soll.
       
       Ausdruck davon ist neben dem Projekt der „Neuen Seidenstraße“, bei dem
       China durch massive Infrastrukturinvestitionen und -kredite andere Staaten
       an sich bindet, auch der 2015 verabschiedete Plan „Made in China 2025“.
       Ziel ist eine führende Hightechnation, die in Zukunftstechnologien die
       Führung übernimmt. Schwerpunkte sind Informationstechnologie, Robotik,
       Elektromobilität, Maschinenbau, Luft-, Raumfahrt- und Bahntechnik, Medizin
       und Pharmaindustrie.
       
       ## ...unterlaufene Regeln...
       
       Zentral ist die stark dominierende Rolle der Staatsbetriebe. China habe
       eine spezifische Verquickung von Partei, Staat und Wirtschaft, die es
       chinesischen Firmen erlaube, längerfristig am Markt zu operieren, ohne
       Gewinne erwirtschaften zu müssen, kritisiert der Wirtschaftsexperte. „Wir
       waren nicht darauf vorbereitet, dass wir uns mit China einen Partner in
       unser WTO-System holen, dessen Grundsystem gar nicht zu unserem Regelwerk
       passt.“ Heute könne der WTO-Beitritt deshalb auch gelesen werden als:
       „China nutzt die Vorteile der Integration in die Weltwirtschaft, unterläuft
       aber das internationale Regelwerk durch seine parteigelenkte
       Staatswirtschaft.“
       
       2019 erklärte der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) in einem
       [3][China-Grundsatzpapier] das Konzept „Wandel durch Handel“ für
       gescheitert. Stattdessen „entsteht ein Systemwettbewerb“. Beklagt werden
       Marktverzerrungen und -abschottungen durch staatliche Eingriffe, Streben
       nach Technologievorherrschaft, Ungleichbehandlung ausländischer Unternehmen
       sowie wachsende politische Kontrolle. Viele dieser Probleme waren nicht
       neu. Doch so lange der Industriemarkt um 20 Prozent pro Jahr wuchs, waren
       sie verkraftbar, das Wachstum überkompensierte sie über lange Zeit.
       
       China selbst aber wurde immer innovativer und wettbewerbsfähiger. Erst
       wurde es in Drittmärkten zum Konkurrenten, später etwa auch bei
       Maschinenbau, Industrieautomatisierung und Autos, deutsche Domänen also.
       „Natürlich haben wir auch selbst mit dazu beigetragen, dass China
       wettbewerbsfähiger wurde“, sagt der Mann von der Wirtschaftsorganisation.
       Die Idee des Westens sei gewesen: Je höher Märkte auf der
       Hochtechnologieleiter steigen, desto mehr Chancen gebe es für die deutsche
       Industrie. „Doch das ist in China nicht aufgegangen.“
       
       Nach dem WTO-Beitritt litt die US-Wirtschaft als Erste darunter, dass
       chinesische Billigprodukte US-amerikanische Hersteller auf dem Heimatmarkt
       verdrängten, die Waren bei Walmart also immer chinesischer wurden. Dieser
       „China-Schock 1.0“ kostete die USA viele Arbeitsplätze, vor allem im
       Niedriglohnsektor, brachte dem Westen negative Globalisierungserfahrungen
       und dürfte mit zu Donald Trumps erstem Wahlsieg beigetragen haben. In
       Großbritannien auch zum Brexit. Deutschland machte zu diesem Zeitpunkt mit
       hochwertigen Industriegütern, die China zur Modernisierung brauchte, noch
       gute Geschäfte.
       
       ## ... und viele verlorene Jobs...
       
       Doch ab etwa 2020 forderte die Volksrepublik die deutsche Industrie mit
       immer besseren und stets preiswerteren Produkten heraus. Da Chinas
       Bevölkerung nicht genug konsumiert, um die heimische Industrie und ihre
       Überkapazitäten auszulasten, exportiert China so viel wie möglich – so der
       westliche Vorwurf – zu künstlich niedrigen Preisen. Dieser „China-Schock
       2.0“ trug mit dazu bei, dass der [4][Bundesagentur für Arbeit] zufolge im
       Jahr 2025 in Deutschland 177.700 Arbeitsplätze in der verarbeitenden
       Industrie verloren gingen. Das sind knapp 15.000 Stellen – die auch heute
       noch – jeden Monat wegfallen. In einer [5][Studie der OECD zu Subventionen]
       heißt es: „Zwischen 2005 und 2024 erhielten chinesische Unternehmen je nach
       Region im Durchschnitt eine drei- bis achtmal stärkere Unterstützung von
       staatlicher Seite als in den OECD-Ländern ansässige Unternehmen.“ Zugleich
       schreckt Peking nicht davor zurück, die eigene monopolartige Stellung etwa
       bei Seltenen Erden als Hebel einzusetzen, um Vergeltungsmaßnahmen
       abzublocken.
       
       Laut Jacob Gunter vom Merics-Institut hat China die meisten WTO-Regeln dem
       Text nach, aber eben nicht dem Geist nach befolgt. „Für Xi hatte das sicher
       nie Priorität.“ Dabei wird die WTO, an der die Exportnation Deutschland ein
       großes Interesse hat und zu deren Regeln heute noch etwa 60 Prozent des
       Welthandels stattfinden, auch von der Trump-Regierung torpediert, etwa
       indem sie Handelspartner mit Zolldrohungen erpresst.
       
       Wegen Chinas neuer Stärke scheut auch Trump vor einem offenen Handels- und
       Zollkonflikt mit Peking zurück. Dabei hat Chinas bisheriges
       Wirtschaftsmodell ausgedient, das auf hohen Wachstumsraten, Landverkäufen,
       Immobilien und flächendeckendem Ausbau der Infrastruktur basiert. Der
       Wandel zu nachhaltigerem und stärker konsum- wie binnenmarktorientiertem
       Wachstum steht noch aus.
       
       Daran ändern bisher auch sprintende Roboter nichts. Dabei hat in Peking
       nach nur drei Tagen ein anderer humanoider Roboter aus China [6][den neuen
       Sprintrekord um weitere 0,53 Sekunden unterboten.] Gemeinsam ist den
       humanoiden Sprintern, dass sie nach dem Ziel gegen Schutzmatten prallen und
       umfallen. Denn sie können noch nicht bremsen. Für Chinas Ingenieurinnen und
       Wirtschaftspolitiker bleibt also noch viel zu tun.
       
       12 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://apnews.com/article/china-us-humanoid-robots-ban-tech-c9f5e3c94d91d00eff3b61b141fab366
 (DIR) [2] https://www.macrotrends.net/global-metrics/countries/chn/china/gdp-gross-domestic-product
 (DIR) [3] https://bdi.eu/de/publications/china-partner-und-systemischer-wettbewerber
 (DIR) [4] https://www.arbeitsagentur.de/presse/2026-26-beschaeftigung-im-verarbeitenden-gewerbe-um-177000-gesunken
 (DIR) [5] https://www.oecd.org/de/about/news/press-releases/2026/06/industrial-subsidies-reach-highest-levels-since-the-global-financial-crisis-says-oecd.html
 (DIR) [6] https://www.channelnewsasia.com/east-asia/chinese-humanoid-robot-100m-sprint-record-beijing-games-6341451
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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