# taz.de -- Philosophin über Intelligenz: „Intelligenz wird dazu benutzt, Gruppen zu denunzieren“
       
       > Ein verengter Intelligenzbegriff könne zur Abwertung von einzelnen
       > Menschen und Bevölkerungsgruppen eingesetzt werden, kritisiert Gisela
       > Schmalz.
       
 (IMG) Bild: Jedenfalls nicht künstlich: Der „Intelligent Garden“ bei der Chelsea Flower Show ist so bunt wie die Vielfalt der Intelligenzen
       
       taz: Frau Schmalz, stellen wir uns mal ganz dumm und fragen: Was ist
       überhaupt Intelligenz?
       
       Gisela Schmalz: Es gibt viele unterschiedlicheIntelligenzdefinitionen, aber
       auch den Intelligenzquotienten, den man über Intelligenztests ermittelt.
       Und für diese nimmt man an, Intelligenz sei aus fünf kognitiven Fähigkeiten
       zusammengesetzt. Diese sind bei klassischen Tests sprachliches Vermögen,
       mathematisch-logisches Vermögen, räumliches Denken, Arbeitsgedächtnis und
       Geschwindigkeit im Denken.
       
       taz: Steckt dahinter nicht ein sehr reduziertes Verständnis von
       Intelligenz? 
       
       Schmalz: Richtig. Man könnte ja auch von kreativer, sozialer, emotionaler,
       kritischer oder körperlicher Intelligenz sprechen oder von
       Out-of-the-Box-Denk-Vermögen. All das sind Talente, die eben auch mit
       Kognition zu tun haben. Und ich mache mich stark dafür, dass diese Vielfalt
       an Intelligenzbegriffen zum Ausdruck kommen kann.
       
       taz: Warum sprechen Sie dann vom „Fetisch Intelligenz“? Ist diese nicht
       eine menschliche Qualität wie die Schönheit? Wir wollen doch alle gut
       aussehen und gut denken können. 
       
       Schmalz: Intelligenz ist auf jeden Fall etwas Gutes, aber man sollte diesen
       Begriff nicht überstrapazieren. Das Problem ist, dass der gängige
       IQ-Intelligenzbegriff überhöht wird. Ich wehre mich gegen seine
       Verselbständigung; dagegen, dass das Konzept vom Menschen abgelöst wird,
       als sei das ein Wert an sich, der dann fetischisiert wird.
       
       taz: Sie sagen ja auch, dass mit diesem Fetisch Politik gemacht wird. Was
       meinen Sie damit? 
       
       Schmalz: Zum einen beziehe ich mich auf das Bildungswesen, wo der IQ-Test
       zur Anwendung kommt, wenn Kinder Lernprobleme haben. Dann wird der IQ zum
       Kriterium bei der Zuweisung von Förderprogrammen. Problematisch kann es
       sein, wenn man so sehr früh damit beginnt, Kinder in gut und schlecht zu
       sortieren. Und wenn Kinder das mitkriegen, kann das bei ihnen zu einer
       Selbststigmatisierung führen, weil sie sich für weniger intelligent halten
       könnten und obendrein womöglich sogar für weniger wertvoll. Zum anderen
       findet Missbrauch statt, wenn die angeblich geringere Intelligenz
       bestimmter Bevölkerungsgruppen dazu benutzt wird, diese zu denunzieren oder
       schlechter zu behandeln als andere Gruppen.
       
       taz: Und was meinen Sie, wenn Sie von der „Macht des Begriffs Intelligenz“
       sprechen?
       
       Schmalz: Überhöht man das Konzept Intelligenz, bekommt der Begriff Macht
       über uns Menschen. Das nutzen etwa aus der rechten Szene stammende
       selbsternannte Intelligenzforschende. Sie behaupten, dass der IQ-Wert
       primär von den Genen und weniger von Umweltfaktoren geprägt sei. Sie sagen
       auch, dass ganze Menschengruppen, die sie fälschlicherweise Rassen nennen,
       einen höheren IQ als andere Gruppen oder ganze Nationen hätten. Da Weiße
       oder Männer laut deren Logik in puncto Intelligenz besser aufgestellt
       seien, solle man die fördern und deren Geburtenrate steigern. Zugleich sei
       es sinnlos, andersfarbigen Bevölkerungsgruppen Bildung zuzuführen.
       
       taz: Die Frage, was Intelligenz überhaupt ist, spielt ja auch bei der
       Entwicklung von künstlicher Intelligenz eine große Rolle. 
       
       Schmalz: In der KI-Branche wird eine Superintelligenz angestrebt, die über
       menschliche kognitive Fähigkeiten, auch in Bezug auf Verarbeitungsmenge und
       -tempo, hinausreicht. Ich plädiere dafür, genügend kritische Distanz zu
       KI-Systemen zu bewahren und sich mit der Technologie und den
       Machtstrukturen dahinter zu beschäftigen.
       
       taz: Warum? 
       
       Schmalz: Es ist wichtig zu verstehen, dass KI-Systeme Voraussage-Maschinen
       sind. Daten aus der Vergangenheit werden mittels
       Wahrscheinlichkeitsrechnung in die Zukunft extrapoliert. Nicht mehr, nicht
       weniger. KI-Systeme sind keine Freunde, sie sind keine Intelligenzwesen und
       sollten nicht mit Menschen verglichen werden. Aber Unternehmen, die die
       Systeme entwickeln, haben natürlich ein Interesse an dieser
       Vermenschlichung, weil sie damit ihre Produkte besser verkaufen können.
       
       13 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wilfried Hippen
       
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