# taz.de -- Gentests von Embryos: Der Albtraum vom perfekten Baby
       
       > US-amerikanische Start-ups werben damit, Embryos mit Genanalysen zu
       > scannen. Eltern sollen sich so für das beste Kind entscheiden können.
       > Wollen wir das?
       
 (IMG) Bild: Warum wollen Sie kein größeres, schlaueres, gesünderes Kind, fragt ein US-amerikanisches Start-up zukünftige Eltern
       
       Wer im November am Broadway die Stufen hinab zur New Yorker U-Bahn stieg,
       konnte sich den Blicken der Babys kaum entziehen. Schon auf dem Plakat über
       der Treppe stützt sich ein kleiner brauner Körper im weißen Strampler auf
       die Arme; der Mund im Erstaunen halb geöffnet, als verstünde er bereits die
       Versprechung über seinem Kopf: „Have your best baby“, steht da, „Bekommen
       Sie Ihr bestes Baby“.
       
       Das US-amerikanische Start-up Nucleus Genomics hatte New York mit seiner
       Botschaft tapeziert: Treppenstufen, Laternenmasten und digitale
       Anzeigetafeln mit süßen Fotos von Kindern, die aus allen Regionen der Welt
       kommen könnten. „IQ ist zu 50 Prozent genetisch“, steht da, die Körpergröße
       zu 80 Prozent. Warum also, fordert die Kampagne, sollten Sie nicht mehr für
       Ihr Kind wollen? Haben Sie ein größeres. Ein schlaueres. Ein gesünderes.
       
       In New Yorks U-Bahn-Stationen sind die dystopischen Vorboten einer schönen
       neuen Welt ins reale Leben geschwappt. Einer Welt, in der Eltern für ihre
       Kinder mehr festlegen können als die Wandfarbe ihrer Zimmer, den
       Krippenplatz und die Marke der Breigläschen. In dieser Welt würde nicht
       länger der Zufall bestimmen, welcher Mensch zur Welt kommt und ob dieser
       mit einer Erbkrankheit leben muss.
       
       Wenn es nur danach ginge, was wissenschaftlich möglich ist, könnten Eltern
       auch in Deutschland heute schon vor der Geburt viele Informationen über ihr
       Kind erfahren. Aber es gibt Grenzen dessen, wie viel sie wissen dürfen und
       was sie mit diesem Wissen machen können. Grenzen, die aus guten Gründen eng
       gezogen wurden in einem Land, in dem es noch keine hundert Jahre her ist,
       dass Menschen mit Behinderung ermordet wurden.
       
       Eltern können hierzulande deswegen nicht einfach so im Labor erzeugte
       Embryonen genetisch untersuchen, auch nicht nach Krankheiten, die auf jeden
       Fall zu einer Fehlgeburt führen. Technisch ist das seit über 30 Jahren
       möglich. Nur wenn aufgrund der elterlichen Veranlagung bereits ein hohes
       Risiko für eine schwerwiegende Erbkrankheit besteht, dürfen Embryonen
       darauf getestet werden. Was als schwerwiegend gilt, bestimmen
       Ethikkommissionen in jedem Fall einzeln. Einfacher geht das in Spanien oder
       in Großbritannien und nahezu unreguliert in den USA, wo Eltern sogar ihr
       künftiges Kind bei der künstlichen Befruchtung nach Geschlecht wählen
       können.
       
       ## Kinder der Superlative werden in Laboren gezeugt
       
       Aber einige Forschende und Start-ups, unterstützt von Technolibertären des
       Silicon Valleys, wollen mehr. Sie wollen die ethischen und technischen
       Grenzen neu setzen. Und damit womöglich auch unser Verständnis davon, was
       den Menschen ausmacht, neu bestimmen. Die Kinder der Superlative werden in
       Laboren gezeugt. So könnten werdende Eltern zunächst eine Auswahl an
       Embryonen herstellen lassen und sie nach ihren Eigenschaften screenen.
       Fehlerhafte Gene könnten ausgemerzt werden, vielleicht eines Tages sogar
       Genvarianten weitergegeben werden, die in der Familie gar nicht vorkommen.
       Sozusagen Supergene, die vor Krankheiten schützen sollen.
       
       Rafal Smigrodzki und seine Frau Thuy waren wohl unter den Ersten, die mit
       ihrer Familienplanung in eine der neuen Technologien investierten. Über die
       Entscheidung habe der Neurologe nicht lange nachdenken müssen, sagte er
       2022 [1][dem Magazin Wired]. Ein Genscreen käme ihm nur wie der nächste
       logische Schritt vor, um seinem Kind ein langes, gesundes Leben zu
       ermöglichen. Also habe das Paar 2019 die Firma Genomic Prediction
       kontaktiert, die damals als eine der ersten solche Tests anbot.
       
       Damit, hieß es, könnten sie das eigene Kind nach dem größten
       Gesundheitspotenzial wählen, sodass es im Erwachsenenalter nicht an
       Herzkrankheiten, Diabetes oder Krebs leiden müsse. Dafür würde jeder Embryo
       einen Score bekommen, der sein jeweiliges Krankheitsrisiko im Vergleich mit
       den anderen Embryonen und mit der Gesamtbevölkerung ermittelt. Aurea gewann
       diesen Wettstreit, als sie quasi noch nicht existierte. Sie war nicht mehr
       als ein unförmiger Embryo, wenige Tage alt, Hunderte Zellen groß. 2020 kam
       sie in Los Angeles zur Welt, ohne schwere Erbkrankheiten und mit der Bürde,
       in etwas die Erste zu sein. Das erste Baby, das auf Grundlage eines solchen
       Screens geboren wurde.
       
       Solche Methoden könnten die Welt besser machen, glaubt ihr Vater Rafal
       Smigrodzki. „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle Menschen
       vollkommen gesund sind“, sagt er [2][am Ende eines Videobeitrags]. „In der
       alle Menschen gleich intelligent und sehr klug sind. In der alle Menschen
       vernünftig und nett sind. Wäre das eine schlechte Welt? Wäre es falsch,
       Technologie einzusetzen, um dorthin zu gelangen?“
       
       Seit 2019 kamen mehrere weitere Anbieter solcher Tests hinzu, der Großteil
       in den USA, unterstützt von Milliardären wie Paypal-Gründer Peter Thiel,
       Elon Musk und Coinbase-CEO Brian Armstrong. Sie verkaufen die Idee von
       Prävention und Fürsorge. Prognosen gehen davon aus, dass der Markt bis 2034
       auf 1,7 Billionen US-Dollar wachsen wird. Paare aus diversen Ländern sollen
       dieses Angebot nutzen, das in ihren Heimatländern nicht erlaubt ist. Auch
       ein deutsches Paar, [3][berichtet die Zeit,] habe Embryonen durch ein
       solches Verfahren ausgewählt.
       
       Dabei geht es längst nicht mehr nur um gesündere Kinder. Neuere Anbieter,
       wie eben Nucleus Genomics in ihrer New Yorker Werbekampagne, versprechen
       auch, den erwarteten IQ vorherzusagen oder die Körpergröße. Noor Siddiqui
       ist Gründerin des Genscreening-Start-ups Orchid und proklamiert eine
       Zukunft, die die Art verändere, wie Menschen Kinder bekommen. „Sex ist zum
       Vergnügen da und Embryoscreening für Babys“, sagt die 31-jährige
       Firmenchefin [4][in einem Video auf X]. „Es wird verrückt sein, nicht zu
       screenen.“ Ein lukratives Geschäft. Bei Orchid zahlt man dafür pro Embryo
       2.500 Dollar.
       
       Wer diese Welt betritt, verspürt so was wie Größenwahn. Erkrankungen sollen
       nicht therapiert werden, sondern gar nicht erst entstehen. Manche von ihnen
       träumen von einer Welt ganz ohne Krankheiten und wollen den Tod besiegen.
       Andere verstehen sich als Vertreter*innen des Transhumanismus. Sie
       wollen einen neuen Menschen schaffen, die Evolution technisch anschieben.
       Dafür sind sie auch bereit, noch weiter zu gehen und den genetischen Code
       des Menschen umzuschreiben.
       
       Gestützt von Techmilliardären wie Sam Altman, dem CEO des KI-Riesen OpenAI,
       haben sich vergangenes Jahr gleich drei Start-ups an ein bisher tabuisierte
       Thema herangewagt: Embryonen auch vor ihrer Geburt genetisch zu verändern.
       Bisher geht es dabei um Forschung, noch nicht um ein Angebot an Eltern.
       
       Grundsätzlich hat viel von dem, was die Firmen versprechen, mehr mit
       Marketing zu tun als mit wissenschaftlicher Realität. In der Vorstellung
       der Start-ups müssen wir nur genug über den Körper und dessen Biologie
       verstehen, um den Menschen zu verbessern. Wenn nachvollziehbar wird,
       welches Zusammenspiel von Genen Krebs befördert oder verhindert, wie
       Stoffwechsel, psychische Erkrankungen oder sogar komplexe Eigenschaften von
       Intelligenz bis Empathie angelegt sind, dann könnte man all das von Grund
       auf beeinflussen.
       
       Aber das Leben ist nicht vorhersagbar – auch nicht durch eine Auswahl
       perfekter Gene. Was die Eltern bisher bei den Screenings verkauft bekommen,
       muss man sich vorstellen wie den Einkauf in einer Spielzeugabteilung, bei
       der jede Babypuppe mit einer Packungsbeilage an Wahrscheinlichkeiten
       daherkommt. Dass diese so zutreffen werden, dafür gibt es keine Garantie.
       
       ## Was die Gene wirklich verraten und was nicht
       
       „Ich sehe viele Eltern, die glauben, dass der genetische Code mehr
       Informationen über ihre Kinder liefert, als er tatsächlich vorhersagen
       kann“, sagt Anneke Lucassen, Professorin für genetische Medizin an der
       Universität Oxford. „Ich mache mir Sorgen, dass Menschen zu viel in die
       Genetik investieren, um irgendetwas vorherzusagen.“
       
       Während manche Krankheiten wie Sichelzellanämie oder Chorea Huntington
       konkret durch Mutationen in einem Gen ausgelöst werden, entstehen die
       meisten Krankheiten und Eigenschaften durch das komplexe Zusammenspiel
       vieler Genvarianten zusammen mit Umweltbedingungen und dem eigenen
       Verhalten. Das gilt etwa für psychische Erkrankungen, Herzprobleme,
       Adipositas oder Alzheimer. Und erst recht gilt es für so komplexe
       Eigenschaften wie Intelligenz.
       
       Schon darüber, wie man Intelligenz definieren oder messen kann, tobt
       wissenschaftlicher Streit. Die Genetik hat zwar einen Einfluss auf
       Intelligenz; wie viel aber, ist völlig unklar. Denn so viele andere
       Faktoren beeinflussen Intelligenz, von der Luftverschmutzung im
       Stadtviertel über die Ernährung bis zum Zugang zu frühkindlichen
       Lernangeboten. Sie in Studien voneinander zu trennen, ist kaum möglich.
       
       Woher kommen dann aber die Daten, mit denen die Unternehmen
       Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten und Intelligenz vorhersagen wollen?
       Grundlagen bieten sogenannte genomweite Assoziationsstudien. Um die
       Bedeutung von genetischer Veranlagung zu verstehen, suchten Forschende in
       Biobanken nach DNA-Varianten und statistischen Häufungen. Werden
       Träger*innen dieser Genvariante besonders alt? Wurden bei
       überproportional vielen von ihnen Depressionen diagnostiziert? So entstand
       ein Katalog an Wahrscheinlichkeiten. Die polygenetischen Tests beruhen
       primär auf zwei großen Biobanken, eine in Großbritannien und die andere in
       den USA. Beide erfassen zu großen Teilen weiße Menschen westeuropäischer
       Abstammung.
       
       Diese Ergebnisse aber auf die Embryonenwahl anzuwenden, „wäre bestenfalls
       verfrüht“, schreibt die Europäische Gesellschaft für Humangenetik 2021
       [5][in einer Studie]. Eigentlich nutzen Forschende sie, um
       Krankheitsmechanismen besser zu verstehen. Bisher zeige keine klinische
       Studie die Wirksamkeit vorhersagender Tests, wie ihn die Firmen anbieten,
       kritisieren Forscher*innen.
       
       Aber auch ohne wissenschaftlich bewiesene Wirkung stärken die
       Genscreening-Start-ups mit ihrer Werbung eine Erzählung. Die, dass es gute
       und schlechte Gene gibt. Solche, die gefördert, und solche, die vermieden
       oder ausgemerzt werden sollten. Und das ist die Logik von Eugenik.
       
       Auf keinen Fall wollen sich die Gründer*innen in die Nähe dieses
       Begriffs stellen. Sie sprechen lieber von „Superbabys“, von „genetischer
       Optimierung“. Zu sehr ist Eugenik mit großen Menschheitsverbrechen
       verknüpft, mit der Aktion T4, dem Holocaust und Jahren der globalen
       Zwangssterilisierung. Entscheidend sei, dass Techniken nicht von
       autoritären Regierungen zur Diskriminierung genutzt würden. Sich
       auszusuchen, ob Eltern lieber einen Jungen oder ein Mädchen, ein blau- oder
       braunäugiges Kind haben wollten – das sei doch ihre freie Wahl.
       
       So frei ist die Wahl in einer Leistungsgesellschaft allerdings nicht.
       Bereits die Anbieter geben durch ihre Vorschläge eine Richtung vor.
       Intelligenter ist offenbar wertvoller als weniger intelligent, größer
       wertvoller als kleiner. Es ist verständlich, dass Eltern ihren Kindern
       Vorteile verschaffen wollen, um erfolgreich zu sein. Deswegen schicken sie
       sie ja auch, wenn möglich, auf gute Schulen. Manche geben ihrem Kind einen
       deutsch klingenden Namen in der Hoffnung, dass es weniger Rassismus
       erfahren wird. Oder sie sagen ihren Söhnen, dass sie aufhören sollten zu
       weinen, weil das nicht dem Männerbild entspreche, mit dem man
       gesellschaftlich Erfolg habe. Alle diese nachvollziehbaren persönlichen
       Entscheidungen manifestieren gesellschaftliche Unterschiede – umso stärker,
       je geringer das soziale Netz ausgeprägt ist.
       
       So ist nur wahrscheinlich, dass Eltern, wenn sie könnten, ihren Kindern
       auch genetisch einen Vorteil verschaffen wollten. Solch ein Test „scheint
       das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten; es kostet pro Jahr weniger
       als eine Privatschule“, sagte ein Paar im Dezember anonym [6][dem
       Guardian]. Aber was, wenn die Entscheidung von Eltern sich nicht auf die
       Augenfarbe beschränkt, wenn sie die Wahl zwischen hellerer oder dunklerer
       Haut betrifft? Es gibt [7][mehrere Studien], die belegen, dass Menschen,
       die soziale Gruppenunterschiede mit Genetik oder Biologie erklären,
       grundsätzlich stärker zu rassistischen Einstellungen neigen. Zu
       Zuschreibungen wie denen, dass bestimmte Gruppen mehr oder weniger
       intelligent sind, mehr oder weniger leistungsbereit.
       
       ## Wenn Gene schuld sind, muss die Politik nichts ändern
       
       Wie wir uns gegenseitig menschliches Verhalten erklären, hat politische
       Auswirkungen. Erklären wir Probleme in der Schule mit gesellschaftlichen
       Umständen, liegt die Forderung nahe, etwas an den Umständen zu ändern.
       Erklären wir sie mit einem genetischen „So sind sie halt“, kann
       gesellschaftlich leichter begründet werden, warum manche Menschen in
       besseren und andere in schlechteren Jobs arbeiten.
       
       Die Möglichkeit, dass Menschen entscheiden, wer auf die Welt kommt und wer
       nicht, klingt bedrohlich. Aber eigentlich tun wir das längst. Überall auf
       der Welt fehlen Mädchen. Bestärkt durch die Möglichkeiten der
       Pränataldiagnostik, das biologische Geschlecht sicherer und früher in der
       Schwangerschaft zu ermitteln, wurden viele von ihnen über Jahrzehnte nie
       geboren. In Dänemark etwa entscheiden sich bei einem positiven
       Trisomie-21-Testergebnis [8][95 Prozent] im Laufe der Schwangerschaft für
       einen Abbruch. [9][Auch in Deutschland wird der Bluttest auf Trisomien in
       der Schwangerschaft von der Krankenkasse bezahlt].
       
       Diese Möglichkeit kann man als Zeichen einer ableistischen Gesellschaft
       sehen oder als Selbstbestimmung. Aber wenn es erlaubt ist, durch Tests
       während der Schwangerschaft die Gene des Fötus auf schwere Behinderungen zu
       untersuchen und dann im Zweifel die Schwangerschaft abzubrechen – ist es
       dann logisch, dass solche Tests bei Embryonen vor dem Einsetzen verboten
       sind?
       
       ## Sind Tests legitim, wenn sie Fehlgeburten vermeiden?
       
       Neben der Trisomie 21, dem Downsyndrom, gibt es noch die Trisomie 13 und
       die Trisomie 18. Dass diese Varianten weniger bekannt sind, liegt daran,
       dass die allermeisten Babys mit diesem Chromosomensatz schon im Mutterleib
       und sonst oft kurz nach der Geburt sterben.
       
       Fehlgeburten bedeuten körperliche und emotionale Risiken für die schwangere
       Person. Ist es nicht legitim, das nicht zu wollen? Und falls das legitim
       ist, wo ist die Grenze?
       
       Träger*innen eines mutierten BRCA-Gens werden mit viel größerer
       Wahrscheinlichkeit irgendwann in ihrem Leben an Krebs erkranken. Für die
       betreffenden Frauen liegt das Risiko, bis zum 80. Lebensjahr an Brustkrebs
       zu erkranken, bei etwa 70 Prozent, fast sechsmal höher als das der
       Allgemeinbevölkerung. Für Männer steigt das Risiko, an Prostatakrebs zu
       erkranken. Wer solche Fälle mehrfach in der Familie hatte, vielleicht sogar
       ein Elternteil daran verloren hat, möchte dieses Risiko möglicherweise
       nicht an die Kinder weitergeben. Das Gen zu haben, bedeutet noch keine
       Diagnose, nur eine Wahrscheinlichkeit. Trotzdem kann es nachvollziehbar
       sein, sich für einen Embryo ohne diese Variante zu entscheiden.
       
       Und wenn es sicher möglich ist, mit der Genschere CRISPR/Cas einen kranken
       Embryo im Labor so zu verändern, dass er gesund ist – ist dass dann nur ein
       Tabubruch oder auch eine Chance? Es gebe nicht das Recht auf eine
       angeborene Krankheit, sagte der Medizinrechtler Jochen Taupitz schon vor
       zehn Jahren beim Ethikrat.
       
       Der Ethikrat und seine Arbeit in Deutschland sind ein Beispiel dafür, dass
       wir schon seit langer Zeit nicht alles tun, was wir technisch könnten. Der
       Technodeterminismus des Silicon Valleys tut so, als würden Technologien den
       Lauf der Gesellschaft vorgeben. Einmal erschaffen, seien sie nicht zu
       stoppen. Aber gerade die Reproduktionsmedizin zeigt, dass das nicht stimmt.
       Nachdem 1978 das erste Baby nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt
       kam, sind überall auf der Welt unterschiedliche Gesetze zum Umgang mit
       Embryonen und künstlicher Befruchtung entstanden. Längst nicht alles, was
       geht, ist überall erlaubt.
       
       Schon 2018 [10][schuf der chinesische Forscher He Jiankui drei gentechnisch
       veränderte Babys]. Geheim, im Alleingang. Sein Fall löste eine
       Empörungswelle aus, das Verfahren war zu dem Zeitpunkt hochgefährlich, He
       Jiankui ging für drei Jahre ins Gefängnis. Seitdem hält der globale Konsens
       in der Forschung, keine menschlichen Embryonen gentechnisch zu verändern.
       
       Bis jetzt, wo gleich drei Start-ups verkündet haben, wieder zu dem Thema zu
       forschen. Sie wollen herausfinden, ob es einen sicheren Weg gibt, Gene in
       Embryonen umzuschreiben. Eine der Ideen: Menschen könnten „Supergene“ zu
       Beginn der Schwangerschaft eingeschrieben werden. So nennen sich die
       Genvarianten, die den Ruf haben, Menschen vor Krankheiten zu schützen. Etwa
       vor Alzheimer. Dazu forscht aktuell auch ein alter Bekannter: He Jiankui.
       Nachdem er sich für kurze Zeit reumütig zeigte, ist er wieder zurück. Schon
       jetzt sieht er sich als den Helden im Laborkittel, der die Menschheit vor
       Krankheit bewahrt. In 50 Jahren, hofft er, werde er nicht mehr als Doktor
       Frankenstein betrachtet, sondern als „Chinas Darwin“.
       
       Viele Eugeniker halten es gerne mit Darwins Survival of the Fittest: Die,
       die am besten an die eigene Lebensraumnische angepasst sind, überleben; sie
       sind die Treiber der Evolution.
       
       Oft wird das ins Soziale übertragen. Wer sich an gesellschaftliche
       Gegebenheiten anpassen kann, wer die Eigenschaften hat, die als wertvoll
       gelten, kommt weiter und wird im Zweifel länger leben. Aber die Darwinisten
       vergessen, was den Menschen besonders macht: Statt sich anzupassen, kann
       der Mensch sehr wohl die Nische, in der er lebt, umgestalten. Hin zu einer
       Gesellschaft, in der Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit sein dürfen.
       
       Leid zu verringern, sollte durchaus das Ziel einer jeden vernünftigen
       Gesellschaft sein. Der Weg dahin aber kann nicht beinhalten, Menschen, die
       leiden, schlicht aus ihr zu entfernen. Denn was erstrebenswert ist, wo
       Krankheit anfängt und wo Gesundheit aufhört, das sind keine neutralen Maße
       der Natur. Es sind Entscheidungen von Menschen. Geprägt von sozialen
       Vorstellungen, die sich ändern können.
       
       ## Die Technologie sei definitiv sehr mächtig, sagt die Gründerin
       
       Die 30-jährige kanadische Unternehmerin Cathy Tie ist die Gründerin eines
       der neuen Unternehmen zur gentechnischen Veränderung von Embryonen. Sie hat
       bereits mehrere Biotechfirmen gestartet, eine davon bietet Gentests für
       Erwachsene an. Unter anderem ist sie Partnerin eines Projekts, das laut
       eigener Aussage an der Erschaffung von Einhörnern arbeitet, in dem
       Pferdeembryos Gene für Hörner bekommen. Cathy Tie war für kurze Zeit mit He
       Jiankui in einer Beziehung, die aber schnell endete, nachdem sie nicht nach
       China einreisen und er nicht ausreisen durfte.
       
       Nun will sie Embryonen gentechnisch verändern. Die Technologie sei
       definitiv sehr mächtig, sagte Tie [11][dem Magazin Wired], das hätten
       „Manipulation des Atomkerns und Manipulation des Zellkerns“ gemein. Sie hat
       ihre Firma Manhattan Genomics genannt, abgeleitet vom Geheimprogramm der
       US-Regierung im Zweiten Weltkrieg, das zur ersten Atombombe führte.
       
       „Es ist das Manhattan-Projekt unserer Generation“, sagt Cathy Tie. Auch bei
       der Atombombe wollten Forscher die Welt besser machen, dann kostete ihre
       Erfindung Hunderttausende Menschen das Leben. Anschließend einigte man sich
       auf das Ziel, die Technik möglichst nie wieder zu benutzen.
       
       4 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.wired.com/story/genetic-screening-ivf-healthiest-embryos/
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=LiciNlrc3sE
 (DIR) [3] https://www.zeit.de/2026/04/kuenstliche-befruchtung-genetik-embryonen-auswahl/komplettansicht
 (DIR) [4] http://x.com/noor_siddiqui_/status/1782556586650767423
 (DIR) [5] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9090769/
 (DIR) [6] https://www.theguardian.com/society/2025/dec/06/uk-ivf-couples-use-legal-loophole-rank-embryos-iq-height-health
 (DIR) [7] https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Migration/FdM/NaDiRa-Monitoringbericht_2026.pdf
 (DIR) [8] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1877575619302988
 (DIR) [9] /Praenataltests-auf-das-Downsyndrom/!5922757
 (DIR) [10] /Gen-manipulierte-Babys/!5916566
 (DIR) [11] https://www.wired.com/story/startup-edit-human-embryos-manhattan-genomics-cathy-tie/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Adefunmi Olanigan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Gene
 (DIR) Babys
 (DIR) Fortpflanzung
 (DIR) New York
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Podcast „Reingehen“
 (DIR) dna-probe
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Entwicklungszusammenarbeit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) KI im Schulalltag: Das große Ausprobieren
       
       ChatGPT und Co haben den Schulalltag verändert. Auch Lehrkräfte greifen
       immer öfter zur KI-Unterstützung. Was fehlt, sind einheitliche Regeln.
       
 (DIR) Wochentaz-Podcast: Der Vergewaltiger-Chat
       
       Acht Männer besprachen im Chat, wie sie Frauen betäuben und vergewaltigen.
       Im Podcast erzählen wir von den Gerichtsprozessen.
       
 (DIR) Grenzen der DNA-Analyse: Mehr Informationen oder mehr Rassismus?
       
       Durch Daten zur Herkunft erhoffen sich Ermittler:innen präzisere
       Informationen zu Straftätern. Andere befürchten eine Ausweitung
       rassistischer Stereotype.
       
 (DIR) Sozialarbeiterin über Schreibabys: „Ich mache Friedensarbeit“
       
       Paula Diederichs hat in Berlin das Hilfesystem für Eltern mit Schreibaby
       aufgebaut. Ein Gespräch über Familien in Not und wie sie sie unterstützt.
       
 (DIR) Kinder fragen, die taz antwortet: Warum haben Babys keine Haare?
       
       Wir wollen von Kindern wissen, welche Fragen sie beschäftigen. Jede Woche
       beantworten wir eine. Diese Frage kommt von Terje, 9 Jahre alt.