# taz.de -- G8-Gipfel in Genua: „Da ist ein roter Faden“
> Vittorio Agnoletto war Sprecher der G8-Proteste 2001, bei denen Carlo
> Giuliani von der Polizei erschossen wurde. Ein Gespräch über das, was
> blieb.
(IMG) Bild: Polizisten umstehen den erschossenen Demonstranten Carlo Giuliani, Genua 2001
taz: Herr Agnoletto, in den Tagen vom 18. bis zum 22. Juli 2001 strömten im
norditalienischen Genua Hunderttausende zusammen, um gegen den G8-Gipfel
dort zu protestieren. Ich berichtete damals von dort für die taz. Sie waren
der Sprecher des Genoa Social Forum, in dem sich Organisationen aus aller
Welt zusammengeschlossen hatten, um den Protest zu koordinieren. Woran
erinnern Sie sich besonders?
Vittorio Agnoletto: Meine wichtigste Erinnerung ist die Auftaktversammlung.
Das war eine wirklich globale Versammlung von Bewegungen aus aller Welt,
die gemeinsame Ziele hatten. Da war der philippinische Fischer, der
Soziologe aus Thailand, die Bauern aus Lateinamerika, die Bewegungen aus
Europa. Ihnen allen war klar, dass die Entscheidungen in einer globalen
Welt alle betreffen. Dass die Bewegungen am Finanzmarkt der City of London
genauso wie die Freihandelsabkommen der Welthandelsorganisation tiefe
Auswirkungen auf das Leben von hunderten Millionen Menschen haben. Dem
setzten wir unsere Vision entgegen: „Eine andere Welt ist möglich.“
taz: In die kollektive Erinnerung eingebrannt haben sich jedoch andere
Bilder von Genua: Bilder der brutalen Schlagstock- und Tränengaseinsätze
der Polizei gegen die Demonstrationen des 20. Juli etwa, die in dem
Todesschuss auf [1][den 23-jährigen C][2][arlo Giuliani] gipfelten. Wann
erfuhren Sie selbst vom Tod Giulianis?
Agnoletto: Ich war selbst noch am Freitagnachmittag auf einer der Demos
unterwegs, als mich die Nachricht erreichte. Mich hat dann sehr
beeindruckt, wie die Großversammlung am Abend reagierte. Die Geschichte
hätte völlig aus dem Ruder laufen können, doch das war trotz des Schocks
nicht der Fall.
taz: Warum kam es in der Folge trotzdem zu noch mehr Gewalt gegen die
Demonstrierenden?
Agnoletto: Ich denke, die neue globalisierungskritische Bewegung, die sich
zuerst in Seattle 1999 gezeigt hatte, machte den Mächtigen Angst. Sie war
nicht nur global, sie überwand auch alte ideologische Barrieren. Zwischen
Menschen zum Beispiel, die aus der kommunistischen oder sozialistischen
Tradition stammten und anderen, deren Engagement im Katholizismus wurzelte.
Darauf wollten die Mächtigen reagieren, um diese Bewegung zu stoppen. In
Italien waren die Voraussetzungen gut: Dort hatte gerade die Rechte unter
Silvio Berlusconi die Regierung übernommen.
taz: Am Ende des G8-Gipfels stand der polizeiliche Sturm auf die
[3][Diaz-Schule in Genua, in der Demonstrierende übernachteten]. Ich traf
Sie damals in dem Moment, als dutzende Schwerverletzte auf Bahren aus der
Scuola Diaz gebracht wurden. Sie sagten mir damals, das sei die Rache des
Staats.
Agnoletto: Vor allem zeigte sich dort, dass der Staat selbst kein Problem
damit hatte, die Gesetze und die Verfassung zu brechen. Da ging es auch
darum, die Schuldfrage für die Ausschreitungen in Genua zu klären, mit
einem Toten, mit polizeilichen Angriffen auf genehmigte Demonstrationen,
mit den durch verletzte Demonstrant*innen überfüllten Notaufnahmen der
Krankenhäuser.
taz: Die Begründung für den Sturm auf die Schule war, dass dort angeblich
Angehörige des Schwarzen Blocks waren …
Agnoletto: … dafür brachte die Polizei auch gefakte Beweismittel vor. Zum
Beispiel zwei angeblich in der Schule gefundene Molotowcocktails. Damit
sollte die gesamte Bewegung kriminalisiert werden. Dabei hatte die Polizei
bei allen Demonstrationen der Vortage die gewalttätigen Mitglieder des
Schwarzen Blocks immer gewähren lassen, um anschließend auf die
überwiegende Mehrheit der friedlichen Demonstranten einzuschlagen. Nach
diesem Schema lief auch der völlig unprovozierte Angriff auf die
Demonstration der „Ungehorsamen“ aus den besetzten autonomen Zentren
Italiens ab, an dessen Ende der Todesschuss auf Carlo Giuliani stand.
taz: Schon wenige Jahre nach Genua war von der mächtigen
globalisierungskritischen Bewegung kaum noch etwas zu sehen. Ist die
Strategie der staatlichen Repression in Ihren Augen also aufgegangen?
Agnoletto: Wir dürfen nicht unterschätzen, dass viele der Basisinitiativen,
die in Genua präsent waren, dort überhaupt zum ersten Mal bei
Straßendemonstrationen dabei waren. Sie taten sich oft schwer mit der
Anschuldigung, auch sie gehörten zu den extremistischen Kräften. Und sie
fürchteten oft auch um ihre Bewegungsfreiheit in ihrer lokalen Arbeit, auf
die viele sich dann wieder zurückzogen.
taz: Im November 2002 gab es noch das Europäische Sozialforum in Florenz,
zu dem zehntausende Menschen zusammenkamen, im Februar 2003 dann die
Demonstrationen gegen den drohenden Irakkrieg, an denen sich – auch in
Italien – Millionen beteiligten. Widerspricht das nicht Ihrem Befund?
Agnoletto: Ich bin ja Arzt, und ich vergleiche das mit einer Verletzung, da
sorgt die neurovegetative Reaktion auch dafür, dass man den Schmerz nicht
unmittelbar fühlt. Später jedoch stellt er sich ein, mit dem Bewusstsein,
dass man nicht einfach weitermachen könne. Und da fand dann für viele der
Rückzug auf die eigenen ursprünglichen Aktivitäten in den jeweiligen
sozialen Initiativen statt. Außerdem dürfen wir den 11. September nicht
vergessen – nur 50 Tage nach Genua. Vorher war unsere Konfliktlinie die
zwischen dem Neoliberalismus und den sozialen Bewegungen. Nach dem 11.
September jedoch wird eine ganz andere Konfliktlinie präsentiert, nämlich
die zwischen dem Westen und dem islamistischen Terrorismus. Und jeder wurde
mit der Frage konfrontiert: Stehst du auf der Seite des Westens oder auf
der Seite des Terrorismus?
taz: Ihr jüngstes Buch heißt „[4][Il G8 di Genova: Ieri, oggi, domani]“ und
will den Gipfel aus den Perspektiven von gestern, heute und morgen
betrachten. Wie ist es um die Perspektiven für heute und morgen bestellt?
Sie waren im August beim Weltsozialforum in Benin. In Europa wurde über
dieses Forum aber schlicht nicht gesprochen.
Agnoletto: Das stimmt. Vor 25 Jahren dominierten europäische und
lateinamerikanische Kräfte die globalisierungskritische Bewegung. In Benin
dagegen kamen die Teilnehmer*innen ganz überwiegend aus Afrika und
Asien. Gerade in Afrika bewegt sich sehr viel, während europäische Stimmen
so gut wie nicht zu vernehmen waren.
taz: Hier in Europa bewegt sich also nichts?
Agnoletto: Ich sehe ein verbreitetes Bewusstsein gerade in den jungen
Generationen, dass ihre Zukunft nicht positiv sein wird. Und dann kommt
noch der Faktor Zeit dazu – das Risiko, dass der Menschheit das Ende droht.
Zu Protest wird dieses Bewusstsein dann, wenn die jungen Menschen das
Gefühl haben, dass ihr Engagement zählt.
taz: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Agnoletto: In Italien waren im März alle erstaunt über die hohe Beteiligung
der Jüngeren am [5][Verfassungsreferendum] über die Justizreform, die die
Rechten um Ministerpräsidentin Giorgia Meloni durchsetzen wollten.
Normalerweise bleiben die Jungen bei Parlamentswahlen eher zu Hause. Und
was mir ebenfalls immer wieder auffällt, ist der ethische Antrieb, der das
Engagement leitet.
taz: Wie damals, vor 25 Jahren, bei den Protesten in Genua?
Agnoletto: Da ist ein roter Faden, der Fridays for Future, die Kampagne zum
italienischen Verfassungsreferendum und die hier in Italien ja sehr breiten
Gaza-Proteste verbindet. Überall geht es über die konkrete Frage hinaus
auch um die Zukunft des Planeten.
9 Sep 2026
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