# taz.de -- Antifaschismus und Militanz: Weckruf zur Wehrhaftigkeit
> Mit „Gewaltromantik“ hat die linke Militanzdebatte wenig zu tun. Es
> braucht eine Zivilgesellschaft, die notfalls mit ihren Körpern
> Minderheiten verteidigt.
(IMG) Bild: Das Plakat hängt in Magdeburg: Eine Kampagne aus der Zivilgesellschaft aus Sachsen Anhalt
Einmal mehr wird derzeit die alte Frage diskutiert, ob und wann
gewalttätiger Widerstand gegen rechts legitim ist. Als „linke
Gewaltromantik“ tat Andreas Petrik, Professor für Politische Bildung an der
Martin-Luther-Universität Halle, an dieser Stelle zuletzt Überlegungen zur
Militanz ab und warb für eine scharfe Abgrenzung von Gewalttäter:innen,
eine [1][„linke Seite der Brandmauer“].
Entzündet hatte sich die Debatte am Song „Keine Angst“ von Danger Dan,
[2][von „Antifa-Romantik“ war dabei schon zuvor in der taz die Rede]. Die
Romantik-Metapher impliziert Spinnereien und Träumereien, eine Verklärung
der Wirklichkeit, sie legt nahe, mit gewalttätigen Mitteln sollten
revolutionäre Umsturzphantasien linker Gruppen durchgesetzt werden.
Mit Romantik aber hat all das wenig zu tun. Gegenwärtig geht es in erster
Linie darum, einen rechtsradikalen Umsturz abzuwenden, nicht aktiv einen
linksradikalen herbeizuführen. Mehr antifaschistische Reaktion als Aktion
also.
Wenn wir uns an den Anfang der Debatte – Danger Dan – erinnern, so weist
die erste Strophe des Lieds direkt darauf hin: „Wir können darauf warten,
dass sie in den Parlamenten / Und auf der Straße erstarken, bevor wir sie
bekämpfen / Und wir warten, warten, warten, das ist erstmal bequemer / Es
geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später.“
## Die politische Gemengelage
Es ist ja eher die Ohnmacht, die einen dazu bringt, Gewalt als letztes
Mittel ins Feld zu führen. Denn der Hass erreicht Höchststände dieser Tage
in Deutschland, insbesondere der gegen vulnerable Gruppen, gegen
Migrant:innen, Jüd:innen, Queers, Frauen.
Die Pegel kann man unter anderem an den aktuellen Zahlen des BKA ablesen:
Insgesamt 42.544 rechtsextreme Straftaten, 2.070 queerfeindliche Straftaten
(doppelt so viel wie vor drei Jahren) und 6.548 antisemitische Delikte
(mehr als doppelt so viel wie vor drei Jahren) hat das BKA für das Jahr
2025 gezählt, [3][die Zahl der misogynen Gewalt stieg zuletzt um 73
Prozent].
Eine Auswahl der Schlagzeilen, die in den vergangenen Tagen und Wochen
durchrauschten: „[4][AfD-Politiker soll 14-Jährigen mit Baseballschläger
verfolgt haben]“, „[5][Schwimmtag für Schwarze Menschen nach Drohung
abgesagt]“, „[6][Kleinkind wird im Park aus rassistischem Hass unter Wasser
gedrückt]“.
Das ist die gesellschaftspolitische Gemengelage, in die Andreas Petrik
seinen Text platzierte. Einem seiner Hauptargumente, politischer Widerstand
werde „erst dort legitimierbar, wo demokratische Strukturen systematisch
beseitigt werden“, ist dabei absolut zuzustimmen – umso mehr verwundert es
aber, dass der Text insgesamt suggeriert, in Deutschland seien wir von
solchen Verhältnissen meilenweit entfernt oder gar vor ihnen gefeit.
„Politische Gewaltakte sind (…) stets Teil eines Interaktionsgeschehens,
das einerseits durch nichtlineare und zirkuläre Wechselwirkungen zwischen
verschiedenen Akteur:innen geprägt ist“, heißt es so richtig in einer
Publikation der Bundesfachstelle Linke Militanz. Die Akteur:innen, das sind
hier die gewalttätigen Rechtsextremen auf der Straße; das ist die AfD und
ihre perfide und leider erfolgreiche Strategie, die Hemmschwelle für
verbale und physische Gewalt immer weiter herunterzuschrauben; das sind
aber auch Teile der Konservativen, die beim schrittweisen Absenken
jeglicher Anstandsgrenzen mitwirken.
Dazu kommt noch eine mediale Öffentlichkeit, die – siehe die [7][Diskussion
um den Spiegel-Titel] —eine gewisse Angstlust bedient und so die Marke AfD
stärkt. In diesem Gesamtsetting ist es wenig überraschend, dass auch linke
Gewalt sprunghaft steigt. Natürlich besteht immer die Gefahr der
Gewaltspirale, die Furcht davor ist berechtigt.
## Wenn der Staat nicht schützt
Es gibt aber – auch angesichts der eingangs zitierten Zahlen – berechtigte
Zweifel, ob der Staat seinen Schutzpflichten gegenüber gesellschaftlichen
Minderheiten so nachkommen kann, wie er es sollte. Kennt nicht jede:r von
uns eine marginalisierte Person, die bestimmte Landstriche in Deutschland
lieber meidet?
Rassistisches Handeln wird normalisiert, bagatellisiert, geduldet. Und so
wie vulnerable Gruppen in den Neunzigern froh sein konnten, dass
mancherorts in (vor allem) ostdeutschen Landstrichen immerhin noch die
Antifa zugegen war, so kann man auch heute in solchen Fällen auf eine
wahrhaft wehrhafte Zivilgesellschaft hoffen.
Es ist deshalb auch unangebracht zu behaupten, potenzielle linke
Gewalttäter:innen würden „nach alter RAF-Manier den Ausnahmezustand“
vorwegnehmen. Angesichts solcher Argumente könnte man glauben, es drohe
keine AfD-geführte Landesregierung, Schwarz-Rot sei dem Rechtsruck nicht
einigermaßen hilflos ausgeliefert und es hätte die autoritäre Wende (und
damit die Skripts für die AfD) in anderen Ländern nicht längst gegeben. Die
Gewalt ist lange schon überall.
Die Exekutive eines Bundeslands könnte bald in AfD-Hand sein. Insofern ist
es zwingend, sich mit Widerstandsformen – notfalls auch gewaltförmiger
Natur – auseinanderzusetzen. Denn die Szenarien in Sachsen-Anhalt (und
anderswo) sind völlig ungewiss. Es ist weder gesagt, dass
Polizist:innen und Beamt:innen sich verfassungswidrigen Anordnungen
widersetzen werden, [8][wie Sven Hüber, Vizechef der Gewerkschaft der
Polizei, es fordert]. Noch ist gesagt, dass man eine eskalierende Lage in
dem Bundesland von Seiten des Bundes schnell unter Kontrolle bekäme.
## Weckruf nicht Aufruf
Was, wenn wie angekündigt eine ICE-mäßige [9][„Task Force Abschiebungen“]
in Sachsen-Anhalt eingeführt wird und der Landesregierung die Befugnisse
nicht entzogen werden (Stichwort Bundeszwang)? Dass die AfD vor
rechtswidrigen Anordnungen zurückschrecken würde, davon sollte man sicher
nicht ausgehen.
In diesem Kontext ist die Debatte über linke Gewalt zu lesen. Danger Dans
Song kann so auch als Weckruf und nicht als Aufruf zur Gewalt verstanden
werden. Eine Brandmauer brauchte es zur RAF, aber nicht zu jenen, die heute
versuchen, Schwächere zu schützen und dafür bereit sind, Grenzen zu
überschreiten. Ab wann organisierter gewalttätiger Widerstand legitim ist,
bleibt dennoch eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Doch wo fortdauernd
eine neue, etwas rechtere Normalität erschaffen wird, müssen wir sie uns
täglich neu stellen.
21 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Linker-Militarismus/!6203728
(DIR) [2] /Debatte-um-Liedtext/!6197164
(DIR) [3] https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_Straftaten_gegen_Frauen2024.html
(DIR) [4] https://www.tagesspiegel.de/politik/mutmassliche-attacke-in-sachsen-anhalt-afd-politiker-soll-14-jahrigen-mit-baseballschlager-verfolgt-haben-15946064.html
(DIR) [5] https://www.rbb24.de/panorama/av/av24/volksbad-even-fuer-schwarze-menschen-abgesagt.html
(DIR) [6] https://www.instagram.com/p/DbvgqEuCOUg/
(DIR) [7] /Spiegel-Titelseite-mit-Ulrich-Siegmund-AfD-Werbung-oder-wichtiges-Statement/!6205299
(DIR) [8] https://www.nd-aktuell.de/artikel/1201832.debatte-um-afd-machtuebernahme-sven-hueber-sven-hueber-gegen-afd-polizist-ploetzlich-antifa.html
(DIR) [9] /AfD-Parteitag-in-Sachsen-Anhalt/!6169128
## AUTOREN
(DIR) Jens Uthoff
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