# taz.de -- Linke Militanz: Die linke Seite der Brandmauer
> Linke Gewaltromantik schadet dem Kampf gegen Rechtsextremismus. Sie
> spielt denen in die Hände, die die wahren Feinde der Demokratie links
> ansiedeln.
(IMG) Bild: Antifa-Demonstration in Berlin für die Freilassung von Maja T. im Februar 2026
Ulf Poschardt ist einer der wirksamsten publizistischen Demokratiegefährder
der Republik. In seinem Welt-Kommentar vom 6.7.2026 mit
Rio-Reiser-Anspielung „Es ist vorbei, bye, bye, Antifa!“ zum
[1][AfD-Parteitag in Erfurt] nutzt er linke Gewalt gegen
Journalist:innen rechtspopulistischer Medien, um Zivilgesellschaft zu
dämonisieren: antirassistische Initiativen, Gewerkschaften, NGOs, kritische
Medien, Faktenchecker – sowie SPD, Grüne und Linkspartei als ihre
politischen Stützen.
Poschardt fantasiert – anschlussfähig an Rechtsextremist:innen – eine
wirtschaftlich-kulturelle Zerstörung der Republik durch „linksliberale
Verlierer“ und „Shitbürger“ herbei. Aber militante Linke haben ihm erneut
die Vorlage geliefert – und damit all denjenigen, die die wahren Feinde der
Demokratie links ansiedeln. Ausgerechnet jetzt, da Sachsen-Anhalt das erste
rechtsextremistische Versuchslabor der Republik werden könnte.
Daraus wird eine toxische Dreieckslage: reale Gefahr durch
Rechtsextremist:innen, publizistische Stützung durch Pseudoliberale,
Steilvorlagen von links außen. [2][Die Brandmauer gegen Rechtsextremismus]
ist alternativlos. Die AfD lässt sich nicht durch Duldung, Kooperation oder
eine [3][Kopie ihrer Migrations- und Kulturkampfpolitik] schwächen. Studien
zeigen: Wenn demokratische Parteien rechtsextreme Positionen übernehmen,
normalisieren sie diese – und stärken das Original.
Der antifaschistische Schutzwall braucht jedoch ein linkes Pendant. Nicht
gegen die Lehramtsstudentin [4][Lisa Poettinger]: radikale Klima- und
Kapitalismuskritik, Ablehnung von Profitmaximierung, Lützerather
Baumbesetzungsprotest, schließlich strafrechtliche Vorwürfe nach den
Räumungen. Bayern machte daraus zu Unrecht fehlende Verfassungstreue und
ließ sie nicht ins Referendariat. Doch das Grundgesetz schreibt keine
kapitalistische Wirtschaftsordnung fest.
## Pluralismus und Rechtsstaat schützen
Die Grenze von legitimem Aktivismus liegt dort, wo ziviler Ungehorsam in
Einschüchterung, Selbstjustiz oder Gewalt gegen politische Gegner kippt –
und erst recht dort, wo Unbeteiligte leiden. Wie im Fall der ehemaligen
RAF-Aktivistin [5][Daniela Klette]: bewaffnete Raubüberfälle,
traumatisierte Opfer – und ein Solidaritätsmilieu, das Terrorgeschichte
noch immer zu revolutionärem Widerstand verklärt. Oder [6][Lina E.]: Wegen
Selbstjustiz an Neonazis zu über fünf Jahren verurteilt, aber wegen guter
Führung und glaubhafter „Lossagung“ von Gewalt nach zwei Dritteln der
Strafe entlassen.
Nun sitzt sie wegen Verweigerung der Aussage zu mutmaßlichen Mittätern in
Beugehaft. Politisch zeigen beide Fälle, wie Szeneloyalität innerlinke
Aufarbeitung blockiert. Die doppelte Brandmauer ist kein Hufeisen.
Linksextreme Gleichheitsutopien jenseits von Stalinismus und
Avantgarde-Diktatur haben Schnittmengen mit Demokratie und Grundgesetz;
rechtsextreme Ungleichwertigkeitsvorstellungen nie, selbst wenn sie
gewaltfrei bleiben.
Demokratiefeindlich wird Linksextremismus dort, wo er Pluralismus,
Rechtsstaat und Mehrheiten durch Gewalt, Wahrheitsmonopol oder
Erziehungsdiktatur ersetzt. Die größere Bedrohung der Demokratie kommt von
rechts; Verfassungsschutzberichte und BKA-Zahlen stützen diese Asymmetrie.
Aber lässt sich daraus ein Recht auf gewaltförmigen Widerstand in
Demokratien ableiten?
Die [7][Black Panthers] zeigen die Ambivalenz von Militanz und
Demokratisierung: Sie entstanden unter rassistischer Segregation und
systematischer Polizeigewalt. Produktiv waren nicht Strafaktionen gegen
politische Gegner, sondern Selbstschutz und soziale Infrastruktur:
Polizeibeobachtung, Frühstücksprogramme, Gesundheitskliniken,
Rechtsberatung, politische Bildung.
## Gewalt führt nicht zu Mehrheiten
Der Hauptbefund der Protestforschung lautet: Wo Wahlen, Gerichte,
Öffentlichkeit, Versammlungsfreiheit und legale Opposition noch real
funktionieren, verringern gewaltförmige Taktiken oft Unterstützung,
erleichtern Repression und beschädigen legitime Anliegen. Radikale Flügel
können Moderate manchmal stärken; Gewalt selbst baut aber keine
demokratische Mehrheitsmacht. Hingegen beteiligen gewaltfreie Bewegungen
mehr Menschen und verändern eher Institutionen. Demokratie braucht
Mehrheiten.
Marx’ Revolutionsmodell lässt sich auf moderne Demokratien nicht
übertragen. Es gibt kein einheitliches revolutionäres Subjekt, keine
homogene Mehrheit, die nur von falschem Bewusstsein befreit werden müsste.
Militante Linke verweisen auf reale, dringliche Krisen: [8][Klimawandel],
wachsende Ungleichheit, rechtsextremistische Aushöhlung der Demokratie. Und
da die aus Expert:innensicht nötigen Maßnahmen zurzeit keine
gesellschaftlichen und politischen Mehrheiten bekommen, erscheint ihnen
Gewalt als legitime Notwehrstrategie.
Notwehr gegen rechtsextremistische Angriffe ist legitim und legal.
Gewaltförmiger politischer Widerstand wird aber erst dort legitimierbar, wo
demokratische Strukturen systematisch beseitigt werden und andere Abhilfe
nicht mehr möglich ist. Das hat seinen guten Grund: Solange demokratische
Institutionen noch tragen, bedeutet politische Gewalt fast immer, dass eine
Minderheit sich über den Mehrheitswillen hinwegsetzt. Sie produziert so
keine Aufklärung, sondern die sektenartige Selbstbestätigung einer
Avantgarde des objektiven Interesses. So verliert sie den Anschluss an die
Gesellschaft, die sie aus guten Gründen verändern will.
Wer politische Gegner körperlich bestraft, schützt niemanden vor
Faschismus. Er verwandelt Täter in Opferfiguren, stärkt rechte Trotzmilieus
und macht demokratischen Antifaschismus angreifbar. Faschismus bekämpfen
heißt: bedrohte Menschen schützen, antidemokratische Netzwerke offenlegen,
Institutionen verteidigen, pseudoliberale Steigbügelhalter enttarnen,
mühsam Mehrheiten gewinnen.
Dazu muss die demokratische Linke mit linker Gewaltromantik brechen – so
eindeutig, wie sie zu Recht von Konservativen die Abgrenzung vom
Rechtsextremismus verlangt. Antifaschismus wird nicht stärker, wenn er nach
alter RAF-Manier den Ausnahmezustand vorwegnimmt, auf den der Faschismus
abzielt. Leider kann das neue Lied von [9][Danger Dan] genau so gelesen
werden, zumal er darin Lina E. explizit grüßt.
13 Aug 2026
## LINKS
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(DIR) [5] /Daniela-Klette/!t6166501
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(DIR) [7] /Bewaffnete-Mitglieder-der-New-Black-Panther-Party-protestieren-gegen-ICE/!6151412
(DIR) [8] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
(DIR) [9] /Keine-Angst-von-Danger-Dan/!6197056
## AUTOREN
(DIR) Andreas Petrik
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