# taz.de -- Iranische Künstlerin Aynaz Najafi: „Die Mullahs traten an die Stelle von Holofernes“
       
       > Die iranische Malerin Aynaz Najafi wird im Kunstverein Ruhr ausgestellt.
       > Sie spricht über die Entwicklung ihrer Bildsprache und die Bedrohung im
       > Exil.
       
 (IMG) Bild: Aynaz Najafi neben ihrem Gemälde „Teheran Femmes II“, 2026, Gouache und Collage auf handgeschöpftem Papier
       
       taz: Frau Najafi, einige Ihrer Bilder werden momentan im Kunstverein Ruhr
       in Essen gezeigt. Der Titel der Gruppenausstellung im Kunstverein Ruhr
       heißt „Summer of a Revolution“. Wie blicken Sie auf diesen Titel
       [1][angesichts der Situation in Iran]? 
       
       Aynaz Najafi: Es ist ein starker Titel – er macht denjenigen Mut, die für
       einen Regimewechsel in Iran kämpfen. Gleichzeitig stimmt er angesichts der
       zerschlagenen Januarrevolution traurig. Auch der anschließende Krieg weckte
       Erwartungen, die erneut enttäuscht wurden. Bezogen auf die Situation in
       Iran ist der Titel ambivalent. Er steht sowohl für Hoffnung als auch für
       Enttäuschung.
       
       taz: Wie verhält sich der Titel zu Ihren Bildern? 
       
       Najafi: Sie finden sich darin wieder, gerade in diesem Widerspruch. In der
       Essener Ausstellung hängt zentral ein größeres Bild, das ich in diesem Jahr
       nach der Niederschlagung der Proteste gemalt habe. Im Vordergrund sehen wir
       zwei selbstbewusste, nackte Frauen, die das islamische Regime besiegt haben
       und den abgetrennten Kopf des Ajatollahs auf einen Speer gespießt
       präsentieren. Um sie herum spielen sich traurige Szenen ab. Man sieht die
       Opfer des islamischen Regimes: Menschen, die trauernd neben Leichensäcken
       kauern, andere, die an Stricken um ihren Hals aufgehängt wurden.
       
       taz: Das große Setting ist in strahlenden Farben gemalt, dann sieht man
       kleine, schwarz-weiße Zeichnungen, die wie hineingeklebte Fotografien
       aussehen. 
       
       Najafi: Bunte Traumbilder stehen den grauen Bildern der Wirklichkeit
       entgegen. Ich habe die Dokumentarfotos, die nach dem Massaker entstanden
       sind, mit dem Zeichenstift übertragen. Meine Bilder stehen in vielerlei
       Hinsicht unter dem Einfluss alter persischer Miniaturmalerei.
       
       taz: Was hat es mit diesen Miniaturen auf sich? 
       
       Najafi: Ihre Tradition reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Man nutzte
       sie, um Mythen oder Geschichten persischer Könige zu erzählen. Nur selten
       verwendete man die Miniaturform für religiöse Erzählungen. Immer wieder
       werden in islamischen Gesellschaften bildende und [2][darstellende Künste]
       verboten. Es ist eine Religion der Schrift, nicht des Bildes. Wenn gemalt
       wird, dann meist abstrakt und dekorativ.
       
       taz: Die figürliche Miniaturmalerei hat sich nach der islamischen Eroberung
       des persischen Reiches entwickelt? 
       
       Najafi: Die persische Gesellschaft war stets dynamisch und keineswegs
       monolithisch, wie die islamische Republik behauptet, die ja selbst gerade
       mal seit knapp 50 Jahren besteht. Bleiben wir bei der Miniaturmalerei des
       16. Jahrhunderts, so finden sich in den privaten Sammlungen des Landes
       sogar Darstellungen nackter Frauen.
       
       taz: Auf welche Weise haben Sie zu Ihrem Malstil gefunden? 
       
       Najafi: Es war ein langwieriger Prozess. Als ich noch in Iran lebte, habe
       ich mir Ästhetik und Technik der Miniaturmalerei angeeignet. Von einem
       Meister dieser Disziplin bekam ich Privatunterricht. Ich habe dann
       versucht, diese Malweise zu aktualisieren. Eines meiner frühen Bilder zeigt
       die Steinigung einer Frau. Ich habe Fotos gesehen, auf denen eine Frau, die
       vielleicht Ehebruch begangen hat, bis auf den Kopf eingegraben und dann von
       um sie herum stehenden Männern mit Steinen zu Tode beworfen wurde. Seit
       vierzig Jahren wird diese Strafe offiziell nicht mehr angewandt, man hat
       andere Mittel gefunden. Diese Fotos zu sehen, haben mir weh getan. Ich
       wollte die narrative Form der persischen Miniatur dazu verwenden, um vom
       Leiden, aber auch vom Kampf der iranischen Frauen zu erzählen. Meist habe
       ich zu dieser Zeit symbolisch verschlüsselte Szenen gemalt. Eine Frau, auf
       die ein Gewehr gerichtet ist, hätte ich nicht malen können. Die Kritik am
       patriarchalen Staat wäre eindeutig gewesen, und ich wäre möglicherweise
       verhaftet worden. Also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. So
       habe ich beispielsweise eine Frau gemalt, die über einer Flamme in
       kochendem Wasser saß.
       
       taz: Wie veränderte sich Ihre Malerei mit der Ankunft in Italien? 
       
       Najafi: Es war das Jahr, in dem Mahsa Amini aufgrund eines unordentlich
       gebundenen Kopftuches verhaftet und auf der Polizeiwache ermordet wurde. Es
       folgten unter dem Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ landesweite Proteste und ihre
       brutale Niederschlagung. Meine Bildsprache ist direkter geworden. Neben der
       Freiheit, mich künstlerisch auszudrücken, kam neues Wissen hinzu. In den
       italienischen Museen entdeckte ich die Malerei der Renaissance und des
       Barock. Ich war begeistert von den Bildern [3][Artemisia Gentileschis].
       Ihre Darstellung der Enthauptung des assyrischen Kriegsherren Holofernes
       durch Judith, eine junge Israelitin, habe ich in einem meiner Bilder
       übernommen. Es erschien mir sinnbildlich für die nötige Wehr gegen ein
       System patriarchaler Gewalt. In meinen Bildern traten später an die Stelle
       Holofernes' die Mullahs.
       
       taz: Sie haben persische Miniatur- mit italienischer Renaissancemalerei
       zusammengebracht? 
       
       Najafi: Es erschien mir schlüssig zu sein. Beispielsweise habe ich eine
       Pietà nach Botticelli gemalt. Die Mutter hält ihren toten Sohn im Arm, aber
       umstellt von Gewehren. Ich habe ihnen sogar nach Art christlicher Ikonen
       aus Blattgold einen Heiligenschein aufgesetzt, aber das Kleid der Mutter
       und den Torbogen über ihnen mit persischen Mustern verziert.
       
       taz: Welche Merkmale der persischen Miniaturmalerei finden sich hier neben
       den Verzierungen? 
       
       Najafi: Für meine Bilder verwende ich keine Leinwände oder Holztafeln,
       sondern festes, faserreiches Papier. Die Hintergründe male ich transparent,
       mit Aquarell, die dichten Flächen der Körper mit Gouache. Zusätzlich
       verstärke ich die Figuren mit einer schwarzen Konturzeichnung. Außerdem
       male ich nicht perspektivisch, was in der Malerei der Renaissance, der das
       Motiv Botticellis entstammt, enorm wichtig ist.
       
       taz: Wird so ein universelles Bild daraus? 
       
       Najafi: Nicht nur die Motive, auch die Mittel sind in gewissem Sinne
       universell. Die flachen, perspektivlosen Figuren findet man so auch in der
       Altarmalerei des europäischen Mittelalters. Ohne ihre Perspektive werden
       die Szenen naiv und direkt.
       
       taz: Wie kommen Ihre Bilder außerhalb Irans an? 
       
       Najafi: Ich habe Ausstellungen in Galerien in Italien, aber auch in den
       USA. Meine Bilder werden gekauft und ich kann davon leben. Das war in Iran
       anders. Selbst meine symbolischen Bilder konnte ich nicht ausstellen und
       sie nur heimlich verkaufen. Beispielsweise an Touristen, die sie vorher in
       meinem Instagram-Account gesehen haben. Aber es gibt auch Rückschläge: Vor
       einiger Zeit ist mein Account gesperrt worden und ich habe einige Tausend
       Follower verloren. Für meine Sichtbarkeit war er enorm wichtig.
       Wahrscheinlich haben mich sehr viele Leute gemeldet. Jedenfalls bekomme ich
       über Social Media immer wieder von regimetreuen Iranern Hassnachrichten und
       Morddrohungen. Die gibt es auch in Italien. Man schrieb mir, man würde mich
       auch in Rom finden. Was ich nicht verstehe, ist die Unterstützung des
       iranischen Regimes durch die italienische Linke. Leute, die sich für
       progressiv halten, gehen für diese Schlächter auf die Straße und verklären
       sie zu antiimperialistischen Heroen. Man kann sich hier in Europa kaum
       vorstellen, welches Leid dieses Regime der iranischen Bevölkerung zufügt.
       
       14 Aug 2026
       
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