# taz.de -- Chefin der italienischen Opposition: Mailand oder Madrid – Hauptsache links
> Elly Schlein will die sozialdemokratische Partei Italiens wieder mit den
> Arbeitenden versöhnen. Muss Giorgia Meloni ihre Gegenspielerin fürchten?
(IMG) Bild: Die Vorsitzende des Partito Democratico (PD) Elly Schlein am 81. Jahrestag des Tags der Befreiung in Sant'Anna di Stazzema
Frisch wirkt Elly Schlein, als sie an diesem Sommerabend, kurz vor 19 Uhr,
die Buchhandlung Feltrinelli im Zentrum Roms betritt, gesund die
Gesichtsfarbe, entspannt ihre Züge. Obwohl ihr ein weiterer Termin
bevorsteht, der x-te nach Wochen, in denen die Hoffnungsträgerin der
schwachen Linken Italiens quer durchs Land getourt ist, vom Veneto hoch im
Norden bis runter nach Sizilien. Kommunalwahlkampf eben.
Dennoch hat sich Schlein, Vorsitzende der Partito Democratico (PD), der
größten Oppositionspartei Italiens, die Zeit genommen, um bei Feltrinelli
ein Buch vorzustellen. Auch Maurizio Landini ist da, Chef der CGIL, des
größten traditionell linken Gewerkschaftsbundes Italiens. Die beiden
sprechen über ein Buch dreier Autoren aus dem gewerkschaftlichen Lager: Der
Titel: „L’Italia che non arriva a fine mese“ (Das Italien, das es nicht bis
zum Monatsende schafft).
Da geht es um die seit Jahrzehnten stagnierenden, ja in den Jahren der
Inflation seit 2022 real geschrumpften Löhne im Land, um die ausufernden
prekären Arbeitsverhältnisse, um die sich weiter öffnende Schere zwischen
Arm und Reich. Rund 80 Menschen drängen sich in dem kleinen Saal und oben
auf der Galerie.
Einer der Autoren setzt zur Eröffnung gleich den Ton gegenüber Schlein. Er
erinnert an die neoliberalen Arbeitsmarktreformen ihrer Partei im Jahr 2015
unter dem damaligen Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Matteo
Renzi. Jene Reformen seien Verrat an den arbeitenden Menschen im Land
gewesen, hält der Buchautor der heutigen PD-Vorsitzenden entgegen und legt
noch nach. Das kenne man ja aus dem Privatleben: Wer einmal seinen Partner
betrogen habe, müsse dann hinterher größte Mühe aufwenden, um die Beziehung
wieder zu kitten.
Eben daran versucht sich Elly Schlein gerade. Kaum ergreift sie das Wort,
wird deutlich, dass sie das Buch nicht nur gründlich gelesen hat, sondern
dass sie dessen Befunde teilt. Auf direkte Nachfrage erklärt sie, Renzis
Reform werde sie natürlich sofort rückabwickeln, wenn sie einmal an der
Regierung sei. Und immer wieder nickt sie zustimmend, als der
Gewerkschaftsboss Landini spricht. An dem Abend wird deutlich: Zwischen
Schleins PD und den Gewerkschaftsbund CGIL passt kein Blatt.
## Vorbild Pedro Sánchez
Immer wieder nennt sie dabei ein ausländisches Vorbild für die Politik, die
ihr vorschwebt. Nein, nicht Lars Klingbeil – sein Name fällt kein einziges
Mal –, sondern [1][Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez] von der
sozialistischen PSOE. Ob die kräftige Erhöhung des Mindestlohns oder die im
Dialog mit Arbeitgebern und Gewerkschaften vereinbarte Einhegung prekärer
Arbeitsverhältnisse: Sánchez mache einfach linke Politik. Und genau dafür
ist Elly Schlein schließlich vor gut drei Jahren zur Parteichefin gewählt
worden, in den für Mitglieder und Anhänger*innen offenen Urwahlen, an
denen sie, ganz so wie Sánchez einst in Spanien, als Parteiaußenseiterin
teilgenommen hatte.
Kaum jemand wettete damals auch nur einen Cent auf Schlein. Gerade hatte
die PD die Parlamentswahlen gegen Italiens Rechte unter Giorgia Meloni
krachend verloren. Zudem war das Verhältnis der Partei zur
[2][zweitstärksten Oppositionskraft, den Fünf Sternen] unter Giuseppe
Conte, völlig zerrüttet. Es zeichnete sich keinerlei Perspektive für eine
geeinte, starke Opposition gegen Meloni ab.
Stefano Bonaccini, damals Präsident der Region Emilia-Romagna und über
Jahrzehnte hinweg in der Partei groß geworden, ging daraufhin ins Rennen.
Ein Mann, den breite Unterstützung aus dem Parteiapparat trug. Er schien
die natürliche Nachfolge an der Spitze der PD. Und Elly Schlein? Die damals
37-Jährige hatte kaum Parteierfahrung, ja sie trat erst im Dezember 2022
wieder in die PD ein, um überhaupt bei den Urwahlen kandidieren zu können.
Politische Erfahrung dagegen hatte Elly Schlein schon reichlich gesammelt.
Aufgewachsen ist sie im Tessin, dem italienischsprachigen Teil der Schweiz,
als Tochter eines US-amerikanischen Politikprofessors und einer
italienischen Juraprofessorin. Nach dem Abitur ging sie zum Studium nach
Bologna, wurde dort in studentischen Initiativen aktiv, gründete gemeinsam
mit anderen eine Vereinigung, die mit Migrant*innen und mit
Strafgefangenen arbeitete.
## Wahlkampf für Obama
Ganz nebenher flog sie in den Jahren 2008 und 2012 in die USA, um sich in
den Kampagnen Barack Obamas zu engagieren. In Italien startet sie selbst im
Jahr 2013 im Verein vor allem mit jungen Mitstreiter*innen aus der PD
die Kampagne OccupyPD. Diese protestierte mit der Besetzung zahlreicher
Parteibüros dagegen, dass über 100 PD-Abgeordnete bei der Wahl des
Staatspräsidenten den Gründervater der PD, Romano Prodi, abgeschossen und
so auch den linken Parteivorsitzenden Pier Luigi Bersani zum Rücktritt
gezwungen hatten.
In einem Video von damals sieht man Schlein, wie sie gegen „die Kandidaten
des Apparats“ wettert. Nur ein Jahr später wurde sie auf der Liste der PD
ins Europaparlament gewählt – trat aber schon im Jahr 2015 wieder aus der
Partei aus, eben wegen jener vom neuen Vorsitzenden Matteo Renzi
durchgesetzten Arbeitsmarktreform.
Elly Schlein ist sich da immer treu geblieben. Wenn sie im 2026 in der
Feltrinelli-Buchhandlung gegen Renzis Reform polemisiert, wiederholt sie
nur, was sie schon Jahre zuvor vertreten hatte.
Nach ihrer Erfahrung in Brüssel wurde sie zur Spitzenkandidatin der radikal
linken Liste Emilia-Romagna coraggiosa (mutige Emilia-Romagna) bei den
Regionalwahlen des Jahres 2020. Die Liste holte 4 Prozent und trat als
Koalitionspartnerin der PD in die Regionalregierung ein; Schlein übernahm
das Amt der Vizepräsidentin, zuständig für Soziales und für Klimapolitik,
ausgerechnet unter jenem Stefano Bonaccini, gegen den sie dann im Januar
2023 um den Parteivorsitz kandidierte.
Kein einziges Meinungsforschungsinstitut gab Schlein im Rennen um den
Parteivorsitz auch nur die geringste Chance. In einer ersten Runde durften
nur die Parteimitglieder abstimmen – und es siegte Bonaccini. Dann aber
ging es in die Stichwahl und die ist offen für alle Anhänger*innen der
PD. Bei ihnen [3][holte Schlein völlig überraschende 54 Prozent], mit denen
sie Parteivorsitzende wurde.
„Wieder einmal haben sie uns nicht kommen sehen“, kommentierte Elly Schlein
das. Kaum war sie im Amt, ging auch schon das Gerede los, ob die PD sich
wohl spalten werde und wie lange sich diese gleichsam hereingeschneite
Vorsitzende überhaupt halten könne.
## Eine geeinte Opposition
Den PD-Abgeordneten vom linken Flügel Arturo Scotto wundert das nicht.
„Vorher war die PD eine technokratische, bloß auf die Stabilität des Landes
orientierte Partei, nicht eine Partei, die sich als Alternative zu den
herrschenden Zuständen verstand“, sagt er der taz. Das habe sich kräftig
geändert, und geändert habe sich mit Schlein auch das Klima in der PD
genauso wie im Mitte-links-Lager.
Mal wird Schlein in den Medien als Diktatorin beschrieben, die die PD bloß
mit dem engsten Kreis ihrer Vertrauten führt, mal dagegen als machtlose
Geisel der Granden aus den verschiedenen Parteiströmungen. „Das sind zwei
Bilder, die jeder Grundlage entbehren“, findet Scotto.
Interessant sei doch, dass es unter Schlein keinerlei Abspaltung gegeben
habe. Sie sei eine Vorsitzende, „die allen zuhört, auch den alten
Parteigranden“, dann aber Kurs halte. Und so sei es ihr, mit Schleins immer
vorgetragenen Mantra „hartnäckig für die Einheit“, auch gelungen, [4][links
der Mitte eine geeinte Opposition gegen Melonis Rechte aufzustellen].
„Mittlerweile kandidieren PD, Fünf Sterne und die radikal linke Liste bei
so gut wie allen Regional- und Kommunalwahlen als Allianz“, sagt Arturo
Scotto.
Und das mit einigen Erfolgen. Die Opposition konnte der Rechten in den
letzten drei Jahren die Regionen Sardinien und Umbrien entreißen, die PD
kam bei den Europawahlen 2024 auf beachtliche 24 Prozent, und beim
Verfassungsreferendum über ihre umstrittene Justizreform im März 2026
[5][musste Ministerpräsidentin Giorgia Meloni eine herbe Schlappe
einstecken].
## Zu woke, zu radikal?
Dennoch zeigt sich Scotto überzeugt, dass es „immer noch die gibt, in der
PD ebenso wie außerhalb, die Elly Schlein absägen wollen“. Mal heißt es,
sie sei zu woke. Schließlich macht sie sich regelmäßig auch für
LGBTIQ+-Themen stark und ist offen bisexuell. Schließlich hat sie drei
Pässe, den italienischen, den US-amerikanischen und den der Schweiz. Dann
wieder lautet der Vorwurf, sie sei „zu radikal“, wegen ihrer Positionierung
in sozialpolitischen Fragen.
„Ist Pedro Sánchez etwa zu radikal?“, fragt Arturo Scotto zurück. „Dass
Elly Schlein eine junge Frau ist, die keine orthodoxe Parteierfahrung
hinter sich hat, bringt viele um den Schlaf“, sagt er. Er selbst kann sich
Schlein sehr gut als Spitzenkandidatin der Opposition bei den nächsten
Parlamentswahlen im Jahr 2027 vorstellen. „Aber das wird kein einfacher
Weg, davon bin ich seit dem Tag ihrer Wahl zur Parteichefin überzeugt.“
3 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [4] /Neues-Buendnis-in-Italien/!6022551
(DIR) [5] /Justizreform-von-Giorgia-Meloni/!6165175
## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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