# taz.de -- Italiens nächste Wahlen: Meloni will mit neuem Wahlgesetz ihre Macht sichern
> Italiens rechtes Lager erhofft sich vom neuen Wahlrecht einen satten
> Mehrheitsbonus – und will Streit in der gegnerischen Mitte-links-Allianz
> schüren.
(IMG) Bild: Braucht dringend ein neues Wahlrecht: die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni
Glaubt man Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, dann braucht Italien
dringend ein neues Wahlrecht. In dieser Woche hat das Abgeordnetenhaus die
Beratungen über das Gesetz aufgenommen, das ganz auf die Schnelle noch vor
der Sommerpause verabschiedet werden soll.
„Stabilicum“ hat die in Rom regierende Rechtskoalition ihren Vorschlag
getauft. Böse Zungen lästern, das klinge eher nach Nahrungsergänzungsmittel
als nach einem neuen Wahlgesetz.
[1][Meloni] beeindrucken solche Sticheleinen nicht. Ihr geht es darum, auch
nach den nächsten, spätestens im Herbst 2027 anstehenden Wahlen eine satte
Parlamentsmehrheit für die Regierung zu garantieren.
[2][Über eine solche Mehrheit verfügt Italiens Rechte auch jetzt schon].
Bei den Wahlen von 2022 holte sie in beiden Häusern des Parlaments knapp 60
Prozent der Sitze. Doch dieser Erfolg verdankte sich allein der Tatsache,
dass sich die Mitte-links-Opposition damals in drei Blöcke gespalten
präsentierte und damit so gut wie alle Personenwahlkreise (sie machen 37
Prozent der Sitze aus) an die Rechte fielen, obwohl diese insgesamt nur 44
Prozent der Stimmen erhielt.
## Es ist jedoch offen, ob Melonis Rechnung wirklich aufgeht
Mit einem solchen Geschenk kann das Meloni-Lager in Zukunft jedoch nicht
mehr rechnen. Die Oppositionskräfte haben sich halbwegs zusammengerauft.
Und da beide Lager über je rund 45 Prozent der Stimmen verfügen, droht bei
der nächsten Wahl ein Patt.
Also, so Meloni, muss ein neues Wahlgesetz her. Die Personenwahlkreise
sollen weg, stattdessen soll der Proporz zwischen Listen gelten. Doch am
Ende kann von Proporz keine Rede sein: Die siegreiche Parteienallianz soll,
wenn sie denn mindestens 42 Prozent der Stimmen erhält, einen
Mehrheitsbonus von 70 der 400 Sitze im Abgeordnetenhaus und 35 der 200
Sitze im Senat erhalten. Erneut könnte so bei 45 Prozent der Stimmen eine
Mehrheit von knapp 60 Prozent der Sitze herausschauen.
Da der Rechtsblock bisher in den Umfragen immer einen leichten Vorsprung
vor dem Mitte-links-Lager hatte, hofft Meloni, so erneut zu einer
komfortablen Mehrheit im Parlament zu kommen.
Und zugleich nutzt sie das Gesetz, um durch die Hintertür eine von ihr
gewollte Verfassungsänderung de facto über das Wahlrecht einzuführen: die
direkte Wahl des Regierungschefs oder der Chefin durch das Volk. Die
Parteienallianzen sollen nämlich verpflichtet werden, in ihrem gemeinsamen
Programm auch den Namen des von ihnen vorgeschlagenen Ministerpräsidenten
zu nennen.
Damit würde die Wahl nicht nur zum Plebiszit über die Person an der Spitze
der Regierung – sie würde zugleich zur Freude der Rechten auch zum
gewaltigen Problem des progressiven Lagers. Dort nämlich rivalisieren Elly
Schlein, Vorsitzende der rund 22 Prozent starken Partito Democratico, und
Giuseppe Conte, Chef der auf 12 bis 13 Prozent geschätzten Fünf Sterne –
offen miteinander. Mit dem neuen Wahlrecht stünden der Mitte-links-Allianz
zermürbende Auseinandersetzungen bevor.
## Auch die Rechte ist nicht geeint
Ein nicht zu unterschätzendes Problem hat allerdings auch die Rechte. Es
heißt Roberto Vannacci. Der Ex-General war im Februar aus der
rechtspopulistischen Lega ausgeschert, in der er Vizevorsitzender war, und
hatte seine eigene Partei, die Futuro Nazionale, gegründet.
Zu soft sei die Lega, sagt Vannacci. Als sein Vorbild nennt er die deutsche
AfD, fordert tagein und tagaus „Remigration“ und verlangt die völlige
Einstellung aller Hilfen für die Ukraine. Mit Erfolg: Seine Partei kommt in
den Umfragen mittlerweile auf über 4 Prozent.
Das heißt, dass die Rechte nur dann realistische Siegchancen hat, wenn sie
auch Vannacci in die Allianz aufnimmt. Dies wiederum stößt Forza Italia
sauer auf, die sich zunehmend moderat gibt. Am deutlichsten wurde
[3][Marina Berlusconi]. Die Tochter des Forza-Italia-Gründers Silvio
Berlsuconi hat zwar kein Parteiamt inne – doch zusammen mit ihren
Geschwistern steht sie als Bürgin für die 100 Millionen Euro Schulden von
Forza Italia gerade und ist damit faktisch Eignerin der Partei.
Marina Berlusconi sprach sich klar gegen ein Bündnis mit dem General aus.
Ohne seine Beteiligung im Rechtsbündnis droht jedoch am Ende ein unschönes
Szenario für Meloni: eine satte Parlamentsmehrheit des Mitte-links-Lagers.
2 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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