# taz.de -- Oper für alle: Einmal als Ratte unter der Sopranistin liegen
       
       > Die Arena di Verona zieht Opernfans aus aller Welt an. Unsere Autorin
       > durfte als Statistin mit auf die Bühne.
       
 (IMG) Bild: Premiere von „Turandot“ in der Arena die Verona
       
       Beim Start muss ich das Tischchen hochklappen, auf dem ich mein Buch
       abstütze; und der Dame auf dem Nebensitz gelingt endlich ein Blick auf das
       Cover. „Ach“, nutzt sie prompt die Gelegenheit, „bestimmt wollen Sie auch
       in die Oper!“ Ich gebe es zu.
       
       Wir sitzen im Flugzeug nach Verona, wo alljährlich von Anfang Juni bis
       Mitte September ein großes Opernfestival stattfindet. Die Dame ist aus
       Stuttgart, wie sie erzählt, und [1][dort sei es ja mittlerweile völlig
       unmöglich, noch das Opernhaus zu besuchen]: „All dieses moderne Zeug!“
       Deshalb fliege sie einmal im Jahr nach Verona und sehe drei Vorstellungen
       hintereinander, da gebe es wenigstens noch die schönen alten Klassiker.
       
       Aha.
       
       Genau wie diese Dame, stockkonservativ und im fortgeschrittenen
       Rentenalter, habe ich mir das Publikum in Verona immer vorgestellt und bin
       fast erschrocken, dass meine Vorurteile offenbar schon im Vorfeld so
       einfach bestätigt werden. Was ich wirklich in Verona vorhabe, erzähle ich
       der Dame nicht.
       
       Das Festival in [2][Verona] gibt es seit mehr als hundert Jahren. Es gehört
       zu den populärsten der Welt, und es findet im gewissermaßen größten
       Opernhaus überhaupt statt: in einem antiken Amphitheater – der Arena, nach
       der auch das gesamte Festival benannt ist. Bis zu 12.000 Menschen finden
       hier zu den Opernaufführungen Platz.
       
       Die Arena betreibt seit einigen Jahren eine für den Kulturbereich
       ungewöhnliche Form der Pressearbeit. Man bietet Journalist*innen an,
       fast so [3][wie beim embedded journalism der Kriegsberichterstattung],
       einen Abend als Kompars*in auf der Bühne mitzuerleben. Ich darf mitmachen
       in einer legendären Inszenierung von Puccinis „Turandot“, die der 2019
       verstorbene Franco Zeffirelli bereits 1987 für die New Yorker Met
       eingerichtet hat; in Verona war sie erstmals 2010 zu sehen. Dabei werde ich
       ein Kostüm tragen, das die Oscarpreisträgerin Emi Wada – auch sie lebt
       nicht mehr – entworfen hat!
       
       Dieser großartigen Ankündigung wegen bin ich später stark ernüchtert, denn
       was mir von der Ankleiderin entgegengehalten wird, sieht auf den ersten
       Blick aus wie ein Haufen Lumpen. Ein Zettel steckt daran, auf dem
       „Giornalista“ steht. „Ihr seid Ratten“, erläutert Regisseur Yamal Das
       Irmich mir das Konzept hinter dem Outfit und macht vor, wie ich als Teil
       des armen, unterdrückten Volks von Peking untertänig über die Bühne huschen
       soll.
       
       Yamal Das Irmich ist derjenige, der dafür sorgt, dass Zeffirellis
       Regiekonzept auch heutzutage noch reibungslos und traditionsgemäß über die
       Bühne geht. Auf dem Programmzettel steht sein Name allerdings nicht, ebenso
       wenig wie die Namen der allermeisten der 1.100 Menschen, die an diesem
       Abend für die Produktion arbeiten, „400 davon auf der Bühne“, wie
       Intendantin Cecilia Gasdia erklärt, die sich nachmittags Zeit für einen
       Pressetermin genommen hat.
       
       Die gebürtige Veronesin, selbst früher eine bekannte Solosopranistin,
       begann 1976 als Statistin in der Arena zu arbeiten, da war sie gerade
       einmal 16. Seit 2018 leitet sie die Institution, zu der auch das Teatro
       Filarmonico di Verona gehört. Ich erzähle von der Dame im Flugzeug und
       frage die Intendantin, ob sie sich in erster Linie als Hüterin der
       Tradition sehe. Gasdia antwortet mit ökonomischem Pragmatismus. Sie erzählt
       von einer recht modernen Inszenierung, die sie mal auf dem Spielplan
       hatten. Allerdings häufiger, als die Zuschauenden sie sehen wollten, wie
       sich später herausstellte. Eine Auslastung von 5.000 bis 6.000 Personen
       reiche einfach nicht aus, wenn man mit einer anderen Produktion alle 10.000
       Tickets verkaufen könnte. „Im nächsten Jahr hatten wir diese Produktion nur
       zweimal, und beide Vorstellungen waren ausverkauft.“ Die ganz klassischen
       Inszenierungen seien eben äußerst beliebt beim Publikum. Die könne man auch
       öfter zeigen, und die Arena sei voll.
       
       Am Abend werde ich in mein Rattenoutfit gekleidet, das – eigentlich ist es
       doch ziemlich schön – aus einer weiten, um die Knöchel gebundenen Hose,
       einem seitlich zu knöpfenden Umhang und einer voluminösen Mütze besteht.
       Eine zweite Ankleiderin kommt hinzu, nur um mir die Schuhe anzuziehen.
       Unter der äußeren Lumpenhülle sind raffiniert nach hinten offene Sneaker
       eingearbeitet. Dann stellt man mir meine Begleiterin für den Abend vor.
       Chiara – die Statistin, an deren Seite ich kleben soll – arbeitet, wie sie
       erzählt, im Sommer in der Arena und im Winter in anderen Häusern. Sie ist
       gelernte Tänzerin und trägt ihre Aufgabe, die fremde Journalistin
       mitzuschleppen, mit dankenswert freundlicher Fassung.
       
       Unser erster gemeinsamer Einsatz ist eigentlich ganz einfach; wir – das
       ganze Volk von Peking – sollen auf die untere Bühnenebene huschen und dort
       untertänigst kauernd den Pomp am kaiserlichen Hof bestaunen.
       
       Ich tue mein Bestes, mit Chiara Schritt zu halten, schaffe es unfallfrei
       auf die Bühne, kollabiere wie geheißen neben ihr und stelle etwas
       erschrocken fest, dass wir uns zwar am unteren Rand, aber genau in der
       Bühnenmitte befinden, quasi in Tuchfühlung mit den Solist*innen. Die
       Statistin, die hinter mir kauert, tippt mich sachte an und zischt mir etwas
       zu, leider auf Italienisch. Habe ich was falsch gemacht, etwa den Kopf zu
       sehr gehoben? Ob die Kollegin vorwurfsvoll guckt, kann ich nicht erkennen,
       denn ich sehe alles verschwommen, weil ich meine Brille nicht tragen darf.
       Für alle Fälle ducke ich mich noch tiefer.
       
       Vom musikdramatischen Geschehen bekomme ich rein gar nichts mit, das
       Bizarre der Situation ist zu ablenkend. Hinter uns sitzen 10.000 Menschen.
       Vor uns, keine zwei Meter entfernt, stehen Lise Lindström als Turandot und
       Yusif Eyvazov als Calàf und singen übermenschlich phonstark in das Rund des
       riesigen Amphitheaters hinaus. Warum passiert das gerade? Bin ich wirklich
       hier? Und was haben die bloß für Stimmbänder? Von so nah dran klingt es ja
       gar nicht wirklich schön, denke ich vor mich hin, während ich unauffällig
       einen Fuß massiere, der einzuschlafen droht, weil er unter mir eingeklemmt
       ist, und hat Turandot wirklich so abartig lange Fingernägel, oder sehe ich
       bloß zu unscharf?
       
       Irgendwann dürfen wir wieder davonhuschen. Der Fuß ist weder eingeschlafen
       noch verliere ich den rechten Schuh, der etwas zu lose sitzt. Aber weil ich
       genau davor Angst habe und halb blind über die stufenreiche Bühne stolpern
       muss, bin ich beim nächsten Auftritt zu langsam, verliere für einen Moment
       die flinke Chiara aus den Augen und lande nur so ungefähr in ihrer Nähe.
       Zum Glück haben einige der anderen inzwischen begriffen, was für eine ich
       bin, und schieben mich behutsam in die richtige Position.
       
       Später bin ich ein bisschen stolz, weil es mir gelingt, die nur einmal kurz
       geprobte Trauerzeremonie für die tragisch verstorbene Sklavin Liù
       fehlerfrei mitzumachen, und finde auch fast rechtzeitig das im Hosenbund
       versteckte blaue Tüchlein wieder, mit dem ich winken muss. Denn beim
       Abschlussapplaus sitzen wir Statist*innen zu beiden Seiten der Bühne und
       wedeln endlose Minuten lang mit bunten Stofffetzen, bis uns fast die Arme
       abfallen.
       
       Erst jetzt sehe ich, wie viele wir waren; bestimmt mehr als hundert Leute.
       Ich bin ganz erleichtert, dass es vorbei ist, aber auch wehmütig. Wenn ich
       noch mal dürfte, wäre ich bestimmt sensationell!
       
       Beim Stadtsightseeing am nächsten Tag dringen neben vielen deutschen
       Dialekten auch zahlreiche völlig unbekannte Sprachen an mein Ohr. Falls
       diese Leute alle abends in die Arena wollen, denke ich, ist das Publikum
       tatsächlich sehr international. 40 Prozent seien Italiener*innen, hatte
       Cecilia Gasdia gesagt, fast genauso viele, 30 Prozent, kommen aus
       Deutschland und Österreich, der Rest von überallher. Die nicht sehr große
       Altstadt von Verona quillt jedenfalls über vor Menschen.
       
       Abends steht Verdis „La Traviata“ in einer Inszenierung von Paul Curran auf
       dem Programm, die im Juni ihre Premiere hatte. Dieses Mal sitze ich auf
       einem gepolsterten Plastikstühlchen im Publikum. Chiara wird wieder auf der
       Bühne dabei sein, hatte sie erzählt, „aber du erkennst mich bestimmt nicht
       auf die Entfernung. Nur vielleicht am Anfang, da stehe ich in so einer
       Glaskugel und mache Bewegungen.“ Tatsächlich erkenne ich sie, gewandet in
       ein schneeweißes Pompomkostüm, im ersten Akt sofort wieder und freue mich
       für sie, dass sie als leichtes Mädchen im Moulin-Rouge-Setting immerhin
       ansatzweise ihre tänzerischen Fähigkeiten einsetzen kann; dafür gab es am
       Abend vorher ja keine Gelegenheit.
       
       Ich selbst wiederum kann nun, da ich nicht mehr selbst auf der Bühne
       kauere, meine Vorurteile bezüglich des Arena-Publikums endlich revidieren.
       Es ist wahrscheinlich das am buntesten gemischte Opernpublikum, das ich je
       gesehen habe, und die Dame im Flugzeug war repräsentativ für nur eine der
       vielen verschiedenen Gruppen, die hier in der Arena zusammenkommen.
       
       Die größte scheint aus Menschen zu bestehen, die der Dolce Vita wegen
       anreisen und denen der Vino bianco in der Pause mindestens ebenso wichtig
       ist wie die Vorstellung selbst. Andere kommen mit Kind und Kegel; an diesem
       Abend ist sogar ein Baby dabei, das ausgerechnet während der ersten, in
       sanfter Traurigkeit schwebenden Klänge der „Traviata“-Ouvertüre zu einem
       kleinen Schreianfall ansetzt. Das Kind scheint aber umgehend entfernt zu
       werden und ist danach nicht mehr zu hören.
       
       Und bei einer sanften Traurigkeit bleibt es in Currans bonbonbunter
       Inszenierung sowieso nicht, die, umrahmt von einem gigantomanischen
       Bühnenbild, zu dem auch ein Riesenelefant gehört, in den Party-Massenszenen
       übersprudelt wie eine Sektflasche unter zu viel Druck.
       
       Im dritten Akt glaube ich in einer leicht bekleideten Kokotte unter den
       Statist*innen noch einmal Chiara zu sehen, bin mir aber nicht sicher –
       und verliere die Person sofort wieder aus den Augen, weil just in diesem
       Moment mit großem Knall eine Bombe platzt und sich ein viele, viele Meter
       hoher Konfettiregen auf die Bühne ergießt. Ein großes „Aaaah!“ geht durch
       die Menge, und auch ich muss spontan applaudieren.
       
       Denn genau das ist es doch, was wir alle von der Arena di Verona wollen:
       [4][Nur ein richtig großes Spektakel] wird der schieren Größe dieses Ortes
       gerecht.
       
       30 Aug 2026
       
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