# taz.de -- Journalistin über Feminismus in Italien: „Es hat sich in kurzer Zeit eine kulturelle Revolution ereignet“
> Ist Italien fortschrittlich oder altmodisch, was Frauen- und Transrechte
> angeht? Jennifer Guerra über Widerstandskraft und mangelnde Solidarität.
(IMG) Bild: Moment der Eingkeit: Proteste aus Anlass des Femizids an Giulia Cecchettin, hier in Mailand am 22. November 2023
taz: Frau Guerra, die italienische Premierministerin [1][Giorgia Meloni]
ist eine Frau, die Oppositionsführerin [2][Elly Schlein] ebenfalls. Ist
Italien damit Vorreiter in Sachen Gleichstellung?
Jennifer Guerra: Wir haben zum ersten Mal sowohl eine Premierministerin als
auch eine Oppositionsführerin, das stimmt. Aber das ist keineswegs
repräsentativ. Weder für die italienische Gesellschaft und für die Macht,
die Frauen im Alltag ausüben können, noch für die politische Klasse. Denn
abgesehen von diesen zwei Figuren sind Politikerinnen in Italien immer noch
stark unterrepräsentiert, ihre Zahl ist nach der letzten Wahl sogar
gesunken.
taz: Ist das Bild eines sexistischen Landes also weiterhin berechtigt?
Guerra: Vor einigen Monaten [3][wurde ich vom deutschen
öffentlich-rechtlichen Fernsehen interviewt] und auch gefragt, warum
Italien noch so frauenfeindlich sei und es so viele Hausfrauen gäbe. Meiner
Meinung nach ist dieses Bild zwar sehr klischeehaft, aber realitätsnäher.
Wir sind immer noch ein traditionelles und [4][stark von der katholischen
Kirche beeinflusstes Land.] Dieser Traditionalismus wird jedoch durch das
[5][starke zivile Engagement und die Widerstandskraft der Frauen]
ausgeglichen, vor allem bei bestimmten Themen wie der
geschlechtsspezifischen Gewalt.
taz: Sie meinen vor allem den Feminizid, also die Tötung von Frauen und
Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Der Feminizid ist seit einigen Monaten
als eigenständiger Straftatbestand im italienischen Strafgesetzbuch
verankert. Auch in den Medien ist das Thema präsenter als in Deutschland.
Guerra: Italien hat hier in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren enorme
Fortschritte gemacht – sowohl auf der gesetzlichen wie auch auf der
gesellschaftlichen Ebene. Inzwischen weiß jede*r, was ein Feminizid ist. Es
gibt viele Initiativen zur Prävention von Gewalt an Frauen: Die Ergebnisse
sind zwar nicht immer zufriedenstellend, aber was die Wahrnehmung des
Phänomens angeht, hat sich innerhalb kurzer Zeit eine kulturelle Revolution
ereignet. Man muss aber auch betonen, dass sich leider selten etwas tut,
wenn es keine Fälle gibt.
taz: Welche andere Themen gelten als zentral innerhalb des feministischen
Diskurses?
Guerra: Der italienische Feminismus unterteilt sich meiner Meinung nach in
drei Hauptströmungen: der [6][Differenzfeminismus] der zweiten Welle, der
in den siebziger Jahren entstanden ist und immer noch eine große,
symbolische Autorität genießt. Der transfeministische und queere Feminismus
von Non una di meno (der 2015 in Argentinien als Ni una menos entstanden
ist; Anm. d. Red.), der mit den queeren Bewegungen verbündet ist. Und dann
gibt es die Welt des Netzfeminismus, zu der Influencerinnen und all die
jungen Frauen, die ihnen folgen, zählen. Sie sind für feministische Themen
sensibilisiert, gehören aber nicht unbedingt einer organisierten Bewegung
an. Die Antwort, welche Themen gerade wichtig sind, kann, je nachdem, wen
man fragt, unterschiedlich ausfallen. Das Thema der Gewalt ist dasjenige,
das alle Strömungen verbindet. Auch wenn junge Feministinnen den Eindruck
haben, dass bestimmte Formen der digitalen Gewalt nicht ernst genommen
werden.
taz: Die Verbreitung von revenge porn, also von intimen Bildern oder Videos
ohne Zustimmung, und von Deepfakes ist in Italien eine Straftat. Ist das
Gesetz angemessen?
Guerra: Das Gesetzt deckt nicht die gesamte digitale Gewalt ab, und die
Straftat ist schwer nachzuweisen. Für mich ist es also nicht besonders
wirksam. Das Problem ist aber nicht nur ein Mangel an Gesetzen, sondern
auch ein Mangel an Bewusstsein dafür, dass das, was im Internet geschieht,
auch im realen Leben geschieht. Die digitale Welt ist kein Hyperuranion,
also kein metaphysischer Ort jenseits unserer Welt, sondern Teil der
Realität.
taz: Ein weiteres Thema, über das diskutiert wird, ist die Inklusion und
die Rechte von trans Personen.
Guerra: Das ist ein riesiger Streitpunkt innerhalb der Bewegung – nicht nur
in Italien. Gleichzeitig ist es ein Generationenkonflikt: Jüngere Frauen
sind stärker mit der queeren Bewegung verbündet, manche ältere
Feministinnen sind da hingegen ziemlich kompromisslos – und haben eine
gewisse Macht. Zum Beispiel Eugenia Roccella, Ministerin für Familie und
Chancengleichheit, und Marina Terragni, Ombudsfrau für Kinder. Beide
definieren sich als Differenzfeministinnen, auch wenn andere
Differenzfeministinnen sich von ihnen distanzieren. Trans-Aktivist*innen
werfen ihnen vor, transphobe Positionen zu vertreten.
taz: Wie würden Sie den Zustand der Bewegung insgesamt einschätzen?
Guerra: Meiner Meinung nach befindet sich der italienische Feminismus in
einer Krise. Es gibt zwar tausende feministische Organisationen, weshalb
man den Eindruck gewinnen könnte, dass die Bewegung sehr stark ist. In
Wirklichkeit ist es sehr schwierig, sich zu verbünden und
zusammenzuschließen – auch bei den wichtigsten Anliegen. Die Reaktion auf
den sogenannten [7][„DDL Bongiorno“ ist ein Beispiel.] Dieser Gesetzentwurf
zu Vergewaltigungen legt den Fokus nicht auf das Einvernehmen – also auf
das „nur Ja heißt Ja“ – wie Feministinnen seit Jahren fordern, sondern auf
den Widerspruch. Das heißt, dass die Person, die Gewalt erfahren hat,
beweisen müsste, dass sie sich gewehrt hat. Das ist eine Verschlechterung
gegenüber dem geltenden Gesetz, das sowieso schon problematisch ist.
Trotzdem haben nicht alle feministischen Gruppen an den Protesten
teilgenommen. Es hat eine gewisse Einigkeit gefehlt. Das macht die Bewegung
schwach.
taz: Dennoch gab es sehr wohl Momente der Einigkeit, zum Beispiel nach dem
Feminizid von [8][Giulia Cecchettin] 2023, über den auch die taz
berichtete.
Guerra: Das stimmt, an der großen Demo in Rom haben damals 500.000 Menschen
teilgenommen. Aber zugleich ist es sehr schwer, politische Initiativen
gemeinsam voranzubringen. Tatsächlich kann die feministische Bewegung in
Italien in den letzten Jahren nur sehr wenige Erfolge für sich
beanspruchen, anders zum Beispiel als in Spanien. Viele Dinge haben sich
zwar auf kultureller Ebene geändert. Aber diese Veränderungen sind nicht
das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen und Praktiken über alle Strömungen
hinweg.
29 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zerwuerfnis-zwischen-Meloni-und-Trump/!6171217
(DIR) [2] /Italienische-Linke-ueber-Kommunismus/!5742008
(DIR) [3] https://presseportal.zdf.de/pressemappe/das-zdf-programm-anlaesslich-des-internationalen-orange-day#text
(DIR) [4] /Italienische-Zeitschrift-MicroMega/!6038278
(DIR) [5] /Antje-Schrupp-ueber-Differenzfeminismus/!6099043
(DIR) [6] /Alternativen-zum-Patriarchat/!6153179
(DIR) [7] https://ilmanifesto.it/meglio-nessuna-legge-in-piazza-il-no-al-ddl-bongiorno
(DIR) [8] /Strafrechtsverschaerfung-in-Italien/!6129987
## AUTOREN
(DIR) Francesca Polistina
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