# taz.de -- Forschung bei der Polizei Sachsen-Anhalt: „Ein Beamter sagte, viele Kolleg*innen fänden die AfD gut“
> Die Soziologin Franziska Sujeba beobachtete die Polizei Sachsen-Anhalt
> wochenlang bei Einsätzen. Ihre Frage: Wie antisemitisch sind die Beamten?
(IMG) Bild: Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 erntete die Polizei für ihren Umgang mit Jüdinnen und Juden heftige Kritik
taz: Frau Sujeba, Sie haben fünfzehn Wochen lang in der Polizei
Sachsen-Anhalt geforscht und etliche Einsätze begleitet. Warum?
Franziska Sujeba: Der Antisemitismus hat in [1][Deutschland stark
zugenommen]. Täglich melden davon Betroffene circa 34 antisemitische
Vorfälle, längst nicht alle werden strafrechtlich relevant. [2][Eine
Analyse der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, kurz Rias,
von 2025] zeigt jedoch: Die Polizei tut sich schwer, Antisemitismus
überhaupt zu erkennen. Betroffene werden nicht ernst genommen. Der Polizei
fehlt es an Kompetenz und Sensibilität. Deshalb wollte ich mir anschauen,
wie die Polizei funktioniert, und von dort aus Theorien entwickeln.
taz: Wie haben Sie es geschafft, in die Polizei hineinzukommen?
Sujeba: Das war schwierig und hat ein Jahr gedauert. Der Weg war sehr
undurchsichtig, man kann nicht einfach googeln, wie man Zugang zur Polizei
bekommt. Das ging in meinem Fall nur übers Netzwerken bei Fachtagungen,
über Vitamin B und später dann über einen Haufen an Unterlagen, die ich
ausfüllen musste. Zuletzt musste das Innenministerium meine teilnehmende
Beobachtung genehmigen.
taz: Warum wurde ausgerechnet Ihr Antrag genehmigt?
Sujeba: Es braucht immer etwas Strategie. Man darf die Anfragen nicht zu
kritisch formulieren, sondern muss Handlungsempfehlungen für die Polizei in
Aussicht stellen, auch wenn sie vielleicht nie umgesetzt werden. Vielleicht
war es auch Glück, dass mein Antrag bei jemandem landete, der das
interessant fand. Ich war die erste Person in Sachsen-Anhalt, die eine
solche Beobachtung machen durfte, was im Feld auch für Verwirrung sorgte.
Wie diese Entscheidungen politisch getroffen werden, kann ich nicht sagen.
taz: Und woran liegt es, dass der Zugang so schwer ist?
Sujeba: Vermutlich daran, dass die Polizei das Gewaltmonopol im Staat hat
und auch selbst Teil des Staats ist. [3][Kritik an der Polizei] wird
deshalb immer als Kritik am Staat verstanden. Probleme in der Polizei sind
also ein politisch aufgeladenes Thema, und medial wird mit dem Brennglas
darauf geschaut.
Gleichzeitig zeigen sich an der Polizei viele Missstände, die auch in der
Gesamtgesellschaft zu beobachten sind: Die Polizei stellt soziale Ordnung
her, reproduziert dabei aber Ungleichheit. Gerade auch deshalb ist es
schwer, überhaupt reinzukommen. Und das merkt man auch während der
Einsätze. Die Beamt*innen sagten mir selbst, dass sie in meiner
Anwesenheit genau aufpassen würden, was sie sagen. Das hängt auch mit den
Skandalen der letzten Jahre zusammen.
taz: Zum Beispiel mit dem Vorgehen der Polizei nach dem Angriff [4][auf die
Synagoge in Halle 2019]?
Sujeba: Ja, unter anderem. Kritik daran wehren die Beamt*innen jedoch
ab. Sie hätten Leben gerettet, könnten nicht die Belange jeder Minderheit
kennen. Dabei waren sie sehr technisch und wenig sensibel. Für Jüdinnen und
Juden kann es retraumatisierend wirken, wenn deutsche
Staatsvertreter*innen einem nach einem Angriff in der Synagoge zur
Opferzuordnung Nummern auf die Arme schreiben.
Aus meiner Sicht wirkte ein anderer Skandal aber stärker: Ein Imbisspächter
wurde von der Bereitschaftspolizei jahrelang als „Jude“ bezeichnet, man
unterstellte ihm überhöhte Preise und Geldwäsche. Das kam nur durch einen
Whistleblower heraus.
taz: Aus den [5][Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September könnte
die AfD als stärkste Kraft hervorgehen], eine Regierungsbeteiligung der
Partei scheint so möglich wie nie zuvor. Wie könnte sich das auf die
Polizei auswirken?
Sujeba: Meine größte Sorge ist, dass die wenigen Sensibilisierungsmaßnahmen
nach dem Anschlag in Halle – die schon jetzt größtenteils abgebaut sind –
dann komplett verschwinden. Die AfD stellt bereits jetzt Anfragen zu den
Fortbildungsmodulen der Polizei. Ein Beamter sagte mir, viele
Kolleg*innen fänden die AfD gut und würden sich durch eine
Regierungsbeteiligung bestätigt fühlen.
Ich befürchte, Rechtes und Diskriminierendes bekäme dann noch mehr Raum,
und das hätte Folgen für nichtweiße, jüdische, arme oder psychisch kranke
Menschen im Kontakt mit der Polizei. Es führte zu mehr Gewalt, auch
gegenüber Linken, obwohl die Polizei die Demokratie schützen soll. Auch die
Forschung ist gefährdet. Es gibt schon Anfragen seitens rechter Akteure an
Hochschulen zur Relevanz kritischer Studiengänge. [6][Polizeiforschung] wie
meine würde dann kaum noch genehmigt.
taz: Sie forschen auch zum Abbau von Empathie in der Polizei. Ist Ihnen
dieses Phänomen bei den Einsätzen begegnet, die Sie begleitet haben?
Sujeba: Einen Empathieabbau konnte ich häufig beobachten. Ständige
Extremsituationen, die nie aufgearbeitet werden, führen zu Verdrängung und
Abstumpfung. Zum Beispiel war bei einem Einsatz ein Kind vor seinem
alkoholkranken, alleinerziehenden Vater weggelaufen und überlegte laut,
lieber zum Jugendamt zu gehen.
Die Polizist*innen redeten es ihm aus, machten ihm ein schlechtes
Gewissen: „Mach so eine Scheiße nicht. Weißt du, wie viel Steuergelder das
kostet?“, und zwangen es am Ende, den Vater zu umarmen, obwohl es sichtbar
nicht wollte. Der sollte dafür nur „ein Bier weniger trinken“. Dann war der
Einsatz beendet. Keine Empathie mehr, nicht mal für ein Kind.
taz: Werden Polizist*innen nicht für solche Einsätze geschult?
Sujeba: Ich habe den Eindruck, die Polizei ist schlecht für ihren
tatsächlichen Berufsalltag ausgebildet, dabei üben sie einen sozialen Beruf
aus, bräuchten also sozialarbeiterische Fähigkeiten, um einen
Perspektivenwechsel leisten zu können. Aber auch für den Umgang mit
Traumata würde das helfen.
Ich habe erlebt, dass eine Person im psychischen Ausnahmezustand Hilfe bei
der Polizei suchte, stattdessen aber mit Gewalt konfrontiert wurde. Ein
Beamter wandte einen besonders schmerzhaften Griff an, den anwesende
Kolleg*innen im Nachhinein als unverhältnismäßig bezeichneten. Danach
verschlechterte sich der psychische Zustand der Betroffenen.
Als Externe dachte ich: Der Polizeialltag wäre leichter, wüssten die
Beamt*innen, wie man Menschen in psychischen Krisen beruhigt. Dann bräuchte
es auch weniger Gewalt.
taz: Werden solche Erlebnisse irgendwo reflektiert?
Sujeba: Strukturell verankerte Reflexionsräume gibt es nicht, die einzigen
finden informell im Auto statt. Ein Team nutzte immer die ruhige
Nachtschicht, um über die letzten Einsätze zu reden, aber das war
Eigeninitiative, keine professionelle Supervision. Eigentlich werden die
einzelnen Polizist*innen damit alleingelassen.
taz: Das klingt nach Organisationsversagen.
Sujeba: Und ist auch klare Unwissenheit. Einmal wurden wir nachts zu einem
Bordell gerufen, eine Frau hatte gemeldet, ein Freier habe das Kondom
abgezogen. Vor Ort trennten die Kolleg*innen Täter und Betroffene. Sie
hatte keinen Pass, sprach kaum Deutsch, kommunizierte über Google Translate
und war sichtlich aufgelöst. Was ich verstand: Sie hatten 100 Euro für
zweimal Sex vereinbart, er zog das Kondom ab, sie sagte Nein, er wurde
aggressiv. Für mich war das ganz klar: eine versuchte sexuelle Nötigung.
Die Polizistin war sich unsicher und sprach mit ihrem Kollegen.
taz: Erst mal gut …
Sujeba: Ja, aber dann gab es einen Plot-Twist. Der Täter sagte, er habe für
zweimal Sex bezahlt, aber nur einmal bekommen. Darauf erklärte der Polizist
das Ganze zu einem Betrugsfall, ließ die Frau dem Freier 50 Euro
zurückgeben und nahm ihn nur wegen seiner Aggressivität mit, aber ohne
Anzeige. Das zeigt, wie die Polizei mit Unwissen umgeht. Sie presst unklare
Situationen in bekannte Deutungsmuster, um ihre Autorität zu wahren.
Vermutlich dachten die Beamt*innen: Sie ist Prostituierte, es geht um eine
Dienstleistung, also keine sexuelle Nötigung, sondern Betrug.
taz: Möchte man da nicht am liebsten eingreifen?
Sujeba: Meine Rolle war die der externen Beobachterin. Einmal zweifelte ich
daran aber besonders: bei einem Training der Bereitschaftspolizei, nur
Männer, ein abgeschottetes Gelände. Nach der Vorstellung meines
Forschungsvorhabens stand ich mit einem Ausbilder etwas abseits der Gruppe.
Plötzlich hörte ich, wie jemand darin „Heil Hitler“ rief.
Ein anderer Ausbilder drehte sich sofort zu mir um, wir hatten kurz
Blickkontakt. Ich hatte das Gefühl, er wollte wissen, ob ich das gehört
hatte. Ich weiß nicht, wer es war, aber überlegte, es zu melden. In
Rücksprache mit anderen Polizeiforscher*innen entschied ich mich, den
Vorfall erst nach meiner Zeit bei der Polizei zu melden, um meinen
Aufenthalt nicht zu gefährden.
taz: War das eine Provokation, gedacht für Ihre Ohren?
Sujeba: Weil ich nicht bei der Gruppe stand, kann ich nur spekulieren. Ich
vermute, die Polizist*innen fühlten sich durch meine Anwesenheit in
ihrer Dominanz herausgefordert. Normalerweise hat die Polizei die
Deutungshoheit, ist immer in einer Position der Autorität. Und dann kommt
jemand von außen und beobachtet.
Soziologisch lässt sich das als sprachliches „Edgework“ lesen: bewusst die
Grenze des Sagbaren überschreiten, ein Spiel damit, ob die Außenstehende es
hört, um sich als Gruppe der Kontrolle zu vergewissern. Also: „Wir haben es
im Griff, lassen uns nicht einschüchtern.“ [7][Solche Aussprüche] werden in
der Polizei oft als „Witz“ abgetan, ohne zu sehen, dass sie rechte Sprache
bagatellisieren.
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Antisemitismus-in-Deutschland/!6201572
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## AUTOREN
(DIR) Cynthia Cornelius
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