# taz.de -- Wenn es Nutztieren zu warm wird: Die Hitze und das liebe Vieh
       
       > Mindestens zehntausend Nutztiere starben während der Hitzewelle im Juni,
       > zeigt eine taz-Recherche. Offiziell erfasst werden die Fälle kaum.
       
 (IMG) Bild: Hühner sind besonders gefährdet bei Hitze, denn sie haben keine Schweißdrüsen
       
       Flirrende Hitze, geschmolzene Bahnschienen, zehntausend [1][hitzetote
       Menschen]: Ende Juni 2026 durchlebte Deutschland mit Temperaturen von knapp
       42 Grad historisches Extremwetter. Auch die Landwirtschaft wurde mit
       trockenen Böden, Ernteeinbrüchen und Qualitätsverlusten massiv von dem
       Extremwetter getroffen.
       
       Ein bislang wenig beachtetes Problem: der Hitzetod bei Nutztieren. Allein
       am [2][Hitzewochenende vom 26. bis 28. Juni] verendeten in Deutschland
       mindestens Zehntausende Nutztiere durch die hohen Außentemperaturen. Das
       ergab eine Recherche der taz. Offizielle, deutschlandweite Zahlen zu den
       hitzebedingten Tierverlusten gibt es jedoch nicht.
       
       In anderen europäischen Ländern macht das Thema seit Wochen Schlagzeilen.
       Französische Medien berichten von Millionen verendeten Nutzvögeln. Das
       verantwortliche Ministerium liefert zwar keine genaue Zahl, spricht aber
       von einem Massensterben bei Geflügel und Schweinen durch die Hitzewelle.
       Das zuständige Ministerium in Großbritannien bezifferte den Verlust diesen
       Sommer mit über 17.000 Tieren, größtenteils Geflügel.
       
       ## Zehn Prozent des Geflügelbestands verendet
       
       Die Recherche der taz zeigt, dass der Hitzetod bei Nutztieren in
       Deutschland während der extremen Temperaturen im Juni mindestens ähnliche
       Ausmaße wie in Großbritannien angenommen hat. Besonders betroffen ist
       Geflügel, da die Tiere keine Schweißdrüsen haben. Deshalb können sie bei
       hohen Temperaturen ihre Körpertemperatur nicht über die Verdunstung von
       Flüssigkeit auf der Haut kühlen. Gerade in Kombination mit hoher
       Luftfeuchtigkeit kann der Hitzestress zu akutem Organversagen führen. Auch
       Schweine können nicht schwitzen und sind dementsprechend bei hohen
       Temperaturen besonders gefährdet.
       
       Die taz hat in mehreren Landkreisen nachgefragt, in denen es Ende Juni
       besonders heiß war und die gleichzeitig besonders viel Nutztierhaltung
       betreiben. Die meisten belastbaren Zahlen stammen aus Sachsen-Anhalt, wo
       vom 26. bis 28. Juni Rekordtemperaturen für ganz Deutschland verzeichnet
       wurden. Der Salzlandkreis meldete, dass während dieser Zeit mehr als 5.400
       Eltern-Masthühner, Broiler und Legehennen in insgesamt vier Betrieben
       verendeten. Insgesamt macht das über 10 Prozent des Gesamtbestands aus.
       Laut Informationen aus dem Landkreis traten die Fälle ausschließlich in
       Stallanlagen auf, die nicht über aktive Kühlsysteme verfügten. Auch
       Kühlsysteme sind allerdings keine sichere Lösung, dann nämlich, wenn die
       starke Hitze sie so überfordert, dass sie ausfallen, wie ein Landwirt der
       taz berichtete.
       
       Der Großteil des im Salzlandkreis verendeten Geflügels wurde in
       konventioneller Landwirtschaft gehalten. Auch bei Schweinen konnte der
       zuständige Amtstierarzt eine höhere Mortalität feststellen, wobei Ferkel
       weniger betroffen waren als erwachsene Tiere.
       
       Im Landkreis Stendal starben ebenfalls etwa 5.000 Nutzvögel – laut einem
       Sprecher eine vergleichsweise kleine Zahl im landesweiten Vergleich.
       
       Eine erste landesweite Hochrechnung für Sachsen-Anhalt trug auf Anfrage der
       taz das Landesverwaltungsamt aus Meldungen der Landkreise und kreisfreien
       Städte zusammen. Demnach verendeten in Sachsen-Anhalt während des
       Hitzewochenendes 43.316 Tiere – überwiegend Geflügel, in geringem Umfang
       auch Schweine. Das entspricht einer Verlustquote von rund 3,15 Prozent.
       Amtliche Statistiken liegen jedoch nicht vor, wie das Verwaltungsamt und
       Landesministerium für Landwirtschaft der taz mitteilten.
       
       Hohe Todeszahlen gab es Ende Juni auch in Brandenburg. Der Landkreis
       Potsdam-Mittelmark beobachtete ein vermehrtes Verlustgeschehen in einer
       Mastputenanlage. Geflügelpest als Ursache konnte nach behördlichen
       Untersuchungen ausgeschlossen werden. „Es ist folglich davon auszugehen,
       dass die erhöhten Tierverluste im Zusammenhang mit der außergewöhnlichen
       Hitze standen“, schrieb ein Sprecher der taz. Genauer beziffern konnte der
       Landkreis die Fallzahl jedoch nicht. Da in Deutschland bei Geflügel
       Verluste von über zwei Prozent des Bestands beim zuständigen Seuchenamt
       gemeldet werden müssen, steht jedoch fest, dass der Verlust diese Quote
       überschritt.
       
       ## Offizielle Angaben nur aus Niedersachsen
       
       Als einziges Bundesland machte bislang Niedersachsen eine offizielle Angabe
       zum Thema Hitzetod bei Nutztieren. Während des Hitzewochenendes Ende Juni
       sei dort die dreifache Menge von totem Geflügel angefallen wie an kühleren
       Tagen, hieß es Mitte Juli in einer Pressemitteilung des
       Landwirtschaftsministeriums, das allerdings auch keine konkrete Zahl toter
       Tiere nannte, sondern von 302 Tonnen toten Tieren am 27. und 28. Juni
       sprach. Am Wochenende des 13. und 14. Juni, an dem kühlere Temperaturen
       herrschten, waren es zum Vergleich rund 104 Tonnen. Die taz hat
       nachgerechnet: Je nach Geflügelart bedeutet das mindestens 13.000 und
       höchstens 100.000 Tiere, die mutmaßlich durch die Hitze verendeten.
       
       Von einer Tierkadaverbeseitigungsanlage in Nordbayern erhielt die taz
       ebenfalls die Bestätigung, dass am Rekordwochenende mindestens zwei
       Sonderfahrten stattfinden mussten, um anfallende Tierkadaver zu entsorgen.
       Zu dessen Einzugsgebiet gehören Landkreise in Oberfranken, Mittelfranken
       und der nördlichen Oberpfalz sowie einige kreisfreie Städte.
       
       Die taz-Recherchen zeigen damit ein deutlich erhöhtes Sterbevorkommen bei
       Nutztieren zumindest während der Hitzewelle Ende Juni.
       
       Wieso gibt es dennoch bislang kaum kreis- und landesweite, geschweige denn
       bundesweite Hochrechnungen?
       
       Landkreise erfassen den Hitzetod aus zwei Gründen nicht statistisch: zum
       einen, weil die genaue Todesursache den Angaben der Landkreise zufolge
       nicht immer eindeutig feststellt wird oder festgestellt werden kann. Zum
       anderen, weil der Hitzetod an sich nicht meldepflichtig ist. Nur bei einem
       großen Massensterben innerhalb kürzester Zeit sind Landwirt*innen
       verpflichtet, die Behörden einzuschalten und ihren Bestand auf ansteckende
       Krankheiten wie Geflügelpest untersuchen zu lassen.
       
       ## Deutsche Umwelthilfe fordert statistische Erfassung
       
       Aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) darf das allerdings kein Grund
       sein, das Problem statistisch unbeachtet zu lassen. Im Gegenteil fordert
       die DUH eine verpflichtende Meldung hitzebedingter Tierverluste sowie eine
       bundesweit einheitliche Erfassung. „Dass Hitzetode bei Nutztieren in
       Deutschland nicht systematisch erfasst werden, ist aus unserer Sicht ein
       erhebliches Defizit“, so Leonie Paritong, DUH-Expertin für Landwirtschaft
       und Ernährung.
       
       Extreme Hitze sei längst keine außergewöhnliche Wetterlage mehr, sondern
       träfe infolge der Klimakrise immer häufiger und intensiver auf. „Wenn
       verendete Tiere aufgrund von Hitze weder gemeldet noch statistisch erfasst
       werden müssen, bleibt weitgehend unsichtbar, wie viele Tiere tatsächlich
       betroffen sind“, sagte Paritong. Das tatsächliche Ausmaß des Problems könne
       dadurch kaum beurteilt werden.
       
       Auch der deutsche Tierschutzbund sieht eindeutigen Handlungsbedarf: „Eine
       nationale Datenbank zur Dokumentation von Falltieren und deren
       Todesursachen würde es ermöglichen, die Auswirkung von Hitzeereignissen
       objektiv zu bewerten und daraus geeignete Maßnahmen abzuleiten“, so eine
       Sprecherin.
       
       ## Keine Versicherung für hitzetotes Vieh
       
       Ein weiterer blinder Fleck: Wer zahlt für den finanziellen Verlust?
       Versicherungen oder staatliche Kompensationen beim Hitzetod von Rind,
       Schwein oder Huhn gibt es in Deutschland nicht, erklärte der Deutsche
       Bauernverband der taz. „Mit dem Klimawandel ist zu erwarten, dass solche
       Belastungsphasen häufiger und länger auftreten werden“, so ein Sprecher.
       „Deswegen ist die Politik gefordert, den Tierhaltern verlässliche
       Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese ihre Ställe an häufigere und
       stärkere Hitzeperioden anpassen können.“
       
       Dafür seien schnellere Genehmigungsverfahren für Umbauten und gezielte
       Förderprogramme für Investitionen in klimaangepasste und tiergerechte
       Haltungssysteme notwendig.
       
       Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH)
       nimmt nach eigenen Angaben die Auswirkungen des Extremwetters auf die
       Nutztierhaltung sehr ernst und unterstützt die Landwirtschaft bereits in
       der Klimaanpassung. Konkrete Maßnahmen zur Prävention oder Kompensation von
       Nutztieren nannte ein Sprecher in einer E-Mail an die taz allerdings nicht.
       Stattdessen verwies er auf die grundlegenden Anforderungen des
       Tierschutzgesetzes und der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, deren
       Überwachung den einzelnen Ländern obliege.
       
       Eine Landwirtin aus Niedersachsen, die lieber anonym bleiben möchte, sieht
       in Sachen Klimaschutz und -anpassung viel ungenutztes Potenzial in der
       Landwirtschaft. „Wir Landwirte sind in Deutschland als erste von den
       Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Gleichzeitig können wir auch
       richtig viel bewegen. Würde uns die Politik gezielt unterstützen, könnten
       wir einen echten Beitrag für die gesamte Gesellschaft leisten“, sagte sie.
       Stattdessen seien Landwirt*innen aufgefordert, klimaschützende Maßnahmen
       auf eigene Kosten durchzuführen.
       
       Transparenzhinweis: Der ursprüngliche Artikel enthielt nicht die
       zusammengetragenen Zahlen hitzetoter Nutztiere für das Bundesland
       Sachsen-Anhalt. Die Daten des Landesverwaltungsamts erhielt die taz erst
       nach Redaktionsschluss und fügte sie nachträglich ein.
       
       12 Aug 2026
       
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