# taz.de -- Gewässerexperte über niedrige Pegel: „Erst mal den Wasserhaushalt in den Griff kriegen“
       
       > Der Verkehrsminister will Flüsse ausbauen. Hydrobiologe Dietrich
       > Borchardt erklärt, wann bauliche Maßnahmen Sinn machen – und was noch
       > wichtiger wäre.
       
 (IMG) Bild: Diese Sportboote in einem Seitenarm des Rheins bei Nackenheim in Rheinland-Pfalz saßen schon Anfang August auf Grund
       
       taz: Herr Borchardt, Bundesverkehrsminister Steffen Bilger will die
       Wasserstraßen in Deutschland ausbauen. Rücken jetzt Bagger an? 
       
       Dietrich Borchardt: Es ist schwer zu beurteilen, was der Minister damit
       meint. Unter Gewässerausbau versteht man verschiedene Dinge, die im
       [1][Wasserhaushaltsgesetz] rechtlich definiert sind. Einmal gehört die
       dauerhafte bauliche Umgestaltung von Gewässern dazu, die Begradigung,
       Vertiefung, Verbreiterung von Flüssen, auch zum Beispiel der Uferausbau mit
       Steinschüttung oder dergleichen. Es gehört aber auch die Renaturierung
       dazu, also die Zurückentwicklung eines Gewässers, das in der Vergangenheit
       ausgebaut wurde, in einen natürlicheren Zustand.
       
       taz: Was wäre denn sinnvoll? 
       
       Borchardt: Es ist am wichtigsten zu gucken, wo und wie genau sich die
       extremen Wasserstände, die wir aus der jüngeren Vergangenheit nicht kennen,
       in unseren Gewässern auswirken – und wo Engstellen sind. Dann müssen
       Prioritäten gesetzt werden: Wo ist ein baulicher Eingriff verhältnismäßig?
       Wo drohen unerwünschte Nebeneffekte?
       
       taz: Welche Nebeneffekte können das sein? 
       
       Borchardt: Eine Vertiefung von Flussläufen bedeutet immer, dass Wasser aus
       den angrenzenden Uferzonen und Flussauen abgezogen wird. Das heißt, der
       Wasserstand in der Landschaft wird noch weiter verringert, was wir im Sinne
       des Wasserhaushalts, des Naturschutzes, [2][der Landwirtschaft] oder der
       Forstwirtschaft nicht anstreben sollten. Unsere Landschaft ist ohnehin
       schon zu stark entwässert. Und: Wenn man Gewässer durch Ausbaggern
       vertieft, muss man Sedimente bewegen, in denen sich verbreitet Schadstoffe
       befinden. Diese sollte man nicht aktiv in die Umwelt mobilisieren.
       
       taz: Ein Nadelöhr, das ausgebaut werden soll, ist der Mittelrhein zwischen
       Mainz und St. Goar. Macht das Sinn? 
       
       Borchardt: Für zwei Fahrrinnenvertiefungen dort ist das
       Planfeststellungsverfahren schon abgeschlossen, [3][für den dritten
       Teilabschnitt läuft es aktuell]. Bei diesen Verfahren soll genau die
       Abwägung erfolgen zwischen den Auswirkungen des Eingriffs in Natur und
       Umwelt und den Vorteilen für eine verbesserte Nutzbarkeit als Wasserstraße.
       Bei einem sauber geführten Planfeststellungsverfahren gehe ich davon aus,
       dass die Belange sinnvoll abgewogen wurden. Aber eine Fahrrinnenvertiefung
       ohne diese Abwägung auf der gesamten Länge einer Wasserstraße würde die
       Wasserknappheit nur verschlimmern.
       
       taz: Gibt es Alternativen? 
       
       Borchardt: Wassermenge geht vor Vertiefung. Wir müssen [4][in
       Wasserüberschusszeiten Wasser in den angrenzenden Bereichen speichern] –
       mit Schwammlandschaften. In Trockenzeiten würde das Wasser von dort
       verzögert abfließen und den Abfluss im Gewässer so stabilisieren, dass eine
       Tiefenproblematik gar nicht erst auftritt. Ich muss erst mal den
       Landschaftswasserhaushalt in den Griff kriegen, bevor ich baulich einfach
       zusätzliche Wassertiefe schaffe. Bei der Gewässerrenaturierung kommen wir
       bisher aber nur sehr langsam voran.
       
       taz: Was würden Sie als Erstes tun, um den Wasserhaushalt in den Griff zu
       kriegen? 
       
       Borchardt: Ich würde konsequent [5][das Aktionsprogramm Natürlicher
       Klimaschutz] in seinen wasser- und gewässerbezogenen Zielen umsetzen. Da
       geht es um die Renaturierung von Feuchtgebieten – aus Gründen des
       Wasserhaushalts und der Kohlenstoffbindung für den Klimaschutz. Ich würde
       die Forst- und Landwirtschaft angehen. Waldflächen müssen stärker als
       Wasserspeicher gedacht werden. Der Humusgehalt der Böden in der
       Getreidewirtschaft müsste dringend als Faktor der Wasserspeicherung
       wahrgenommen werden. So kann die Landwirtschaft zur Bodenfeuchte und
       Grundwasserneubildung beitragen – und später selbst profitieren, etwa für
       die Bewässerung ihrer Flächen. Und ich würde die kleinen Fließ- und
       Standgewässer in der Landschaft als Schlüsselelemente einer
       Schwammlandschaft renaturieren, um das Wasser in Zeiten des Überschusses zu
       speichern und in Zeiten des Mangels zu strecken. Die Verbindungen werden im
       Moment noch zu selten gesehen.
       
       taz: Auch von Vertreter:innen der Binnenschifffahrt? 
       
       Borchardt: Da gibt es sicherlich auch ein progressives Lager. Einige
       Industriezweige oder Unternehmen, die BASF zum Beispiel, nehmen
       niedrigwassergängige Schiffe in Betrieb, die bei gleicher Ladung viel
       weniger Tiefgang brauchen. Oder [6][sie reagieren mit ihrer Logistik
       darauf], dass der Klimawandel die Flüsse massiv verändert. Der Rhein
       verbindet die großen Häfen in Amsterdam und Rotterdam mit den deutschen
       Industriezentren, bis nach Basel. Dann gibt es noch wichtige
       Schifffahrtskanäle, etwa in Nordrhein-Westfalen, den Mittellandkanal oder
       den Nord-Ostsee-Kanal. Jede dieser Wasserstraßen braucht eine
       zugeschnittene Lösung.
       
       taz: Bilger will die Förderung für die passenden Schiffe 2027 fortführen. 
       
       Borchardt: Die Unternehmen brauchen Planungssicherheit für die Anschaffung
       neuer Schiffe. Es braucht aber noch eine längerfristige Perspektive: Welche
       Bedingungen haben wir in 20, 30 Jahren? Unternehmen müssen davon ausgehen,
       dass Lieferketten nicht uneingeschränkt funktionieren – und dann müssen sie
       verschiedene Logistikwege miteinander verschränken. Wenn ein Transportweg
       ausfällt, wechseln sie auf den anderen. Aber nicht pauschal, sondern
       ereignisbezogen. Um das organisatorisch hinzukriegen, braucht es ein gutes
       Frühwarnsystem und gutes Krisenmanagement. Denn diese Extremereignisse
       werden wir voraussichtlich häufiger erleben. Dann können wir nicht erst mit
       einer spontanen Krisenkonferenz reagieren, wenn sie eintreten.
       
       12 Aug 2026
       
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